Alles auf Anfang

Ich würde gerne schreiben, dass alles klappt.

Schreiben, dass alles kein Problem ist und Ramon in mir die verständnisvolle Lehrerpersönlichkeit gefunden hat, die er offensichtlich all die Zeit gesucht hat. Dass wir uns in die Augen geblickt haben voller gegenseitiger Wertschätzung und Wärme und wie durch Zauberhand ein ganz neues Kind unsrer Mitte entschlüpfte wie der bunte Schmetterling dem hässlichen Kokon. Aber der Schulalltag ist kein pädagogisches Wunschkonzert und grundlegende Metamorphosen daher eher selten. Tatsache ist: Ramon stört. Den Unterricht. Die Mitschüler. Mich.

Ich schrieb beim letzten Mal, dass ich mich nicht teilen kann. Jetzt weiß ich, dass ich das gar nicht muss, Ramon bündelt nämlich meine Aufmerksamkeit. Es ist ein wenig so, wie diese Szene im ersten Harry Potter Film: Hagrid ist mit dem kleinen Windelpuper Harry unterwegs durch die Lüfte und Professor Dumbledore trifft Vorbereitungen im Ligusterweg. Dazu zieht er so ein kleines Dings aus der Tasche, eine Art umgekehrtes Feuerzeug. Mit diesem Entleuchter zieht der Zaubermeister flupp flupp flupp das Licht aus den Straßenlaternen und hinterlässt nichts als nächtliches Dunkel. So geht es mir mit meinem schülerzentrierten Weitblick. Ramon schmeißt seine Sachen vom Tisch flupp! Ramon nennt Ole einen alten Wichserarschficker flupp! Ramon friemelt alle Tagestransparenzschilder von der Tafel uuuund … flupp!

Die anderen Erstklässler nutzen das so entstandene schwarze Loch und treiben allerlei Schabernack. Was Erstklässler eben so tun, wenn sie sich herrlich unbeobachtet fühlen. Sie krakeln auf den Tischen herum, halten ein Schwätzchen mit dem besten Freund (auch wenn er auf der anderen Seite des Klassenraumes sitzt) oder beschäftigen sich mit dem wahrhaft wichtigen Dingen des Lebens. Frühstück, Klogang, ein Nickerchen. Einige wenige machen mit bei diesen so herrlich aufregenden Störmöglichkeiten, die ihnen der neue Schüler präsentiert. Obwohl nein … eigentlich haben sie es nur einmal gemacht. Dann habe ich Ramon mit einem dringenden Auftrag zum Chef geschickt und ein ernstes Gespräch mit den Erstklässlern geführt. So eines von Kuchen zu Krümeln. Danach war Ruhe.

Es ist nicht so, dass Ramon und wir nur schlechte Momente hätten. Nein, es gibt auch die guten. Wenn er während der Freiarbeit ehrfürchtig über das Star Wars Lexikon streicht und fragt, ob er das jetzt wirklich lesen dürfe. Wenn er fragt, ob er am nächsten Tag eine Stunde länger bei uns bleiben könne. Wenn er auf seiner Verhaltensliste den vierten lachenden Smiley eingetragen bekommt und staunend erzählt, dass er so viele noch nie hintereinander hatte. Dann denke ich, dass wir vielleicht doch eine winzigkleine Chance haben, wenigstens den Hauch einer winzigkleinen Chance, das Atom eines Hauchs einer winzigkleinen Chance. Und dann tritt er in der Pause einem Zweitklässler mit voller Wucht gegen die Brust. Weil der ihn so angeguckt hat.

Und wir sitzen zusammen auf der Büßerbank und reflektieren. Und schweigen. Und wissen eigentlich doch beide nicht weiter. Nicht Ramon, weil er eben ein Kind ist mit einem gnadenlos vollgepackten Rucksack voller größerer und kleinerer Probleme. Und nicht ich, weil ich eben nur Frau Weh mit einem gnadenlos vollgepackten ersten Schuljahr bin und keine Sonderschullehrerin. Und wir schweigen und schweigen und schweigen. Bis Ramon leise fragt, ob er trotzdem bei uns bleiben dürfe. Aber er guckt mich nicht an dabei, denn Blickkontakt halten, das kann er nicht. Und ich schiebe ihm meine Hand hin und er greift sie. Denn irgendwas zum Festhalten braucht man eben manchmal.

Aber die wahrhaft Großen im Moment, die, die verzeihen und verstehen können, das sind die Erstklässler. Das ist Lilly, die dem verweigernden Ramon im Matheunterricht mit Engelsgeduld erklärt, dass auch er nun arbeiten müsse, denn schließlich machen das alle. Das ist Marc, der im Kreis sitzt und erklärt, dass es für Ramon ja auch viel schwerer wäre als für alle anderen. Schließlich müsse er jetzt auf einmal alle Regeln behalten, für die die Erstklässler immerhin fast ein ganzes Jahr Zeit hatten. Das ist die ganze Klasse, die Ramon nach der ersten gemeinsamen Woche die gereckten Daumen als Zeichen der Rückmeldung entgegenhält, woraufhin dieser rot anlaufend unter der Bank verschwindet. Es sind diese kleinen Momente, die hoffen lassen.

Und dennoch …

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49 Kommentare zu „Alles auf Anfang

  1. Ach ja… fällt mir dazu als Erstes ein! Und als Zweites… wie schön, dass jemand so ehrlich schreibt, dass ich denken kann „genauso geht’s mir manchmal auch“. Und ich werde jetzt nicht (!!!) schreiben, dass die kleinen hoffnungsvollen Momente doch alles wieder gut machen… Sie geben einem vielleicht das Gefühl nicht alles falsch zu machen, aber kräftezehrend bleibt es eben doch. Und manchmal auch mehr als frustrierend und manchmal schleicht sich der Gedanke ein „Wofür“ (sicher die Antwort ist immer wieder schnell gefunden…) Nun noch was ganz anderes: ich wollte mich noch ganz überschwänglich für den tollen Tipp mit der Serie „A good wife“ bedanken. Ich (die noch nie eine Serien DVD bestellt hat und eigentlich kaum Serien guckt) habe sie mir s o f o r t bestellt und freue mich (im Moment) jeden Abend auf ein bisschen „andere Welt“ . Mit ganz herzlichen Grüßen, NIcole

    1. Hallo Nicole,
      danke für deinen Kommentar! Die Serie ist der Hammer, oder? Und was besonders toll ist: Sie wird von Staffel zu Staffel immer besser. Ich befinde mich jetzt in Staffel 5 und kann es schier nicht fassen, was da passiert 😉
      Du kannst dich also noch auf einiges gefasst machen!

  2. Frau Weh, ich bewundere deinen Mut und dein „pädagogisches Tun“ absolut! Und dennoch .. vielleicht brauchst auch du jemand, der dich an der Hand nimmt, der dir Smileys gibt und den Daumen für dich hochreckt. Aus deinen Berichten klingt immer tiefes Verständnis für alle Kinder, jeder merkt, wie du dir Gedanken um jedes einzelne machst. Aber du bist eben nur eine Lehrerin in deiner Klasse, du kannst dich nicht teilen und du musst auch an jedes einzelne Kind und an dich denken. Gibt es eine Rangordnung, wessen Probleme die dringlichsten sind? Der Schulalltag ist eben so schwer zu meistern und stellt uns manchmal vor unlösbare Aufgaben. Manche Schmetterlinge sind nach einem prächtigen Raupenstadium eher unscheinbar, manchmal ist es umgekehrt. Wie sollst du wissen, wie sich ein Kind entwickeln wird? Lohnt sich der Einsatz? Ich denke, immer, auch wenn wir es nicht so sehen können. Dir ein großes Daumendrücken und Dasbestewünschen! Sissi

    1. Liebe Sissi,
      danke für deine Worte und die Umsicht und Sorge, die darin mitschwingen. Ich finde es berührend, dass es Menschen gibt, die meine Beiträge nicht nur lesen, sondern sich darüber Gedanken machen und auch noch die Zeit nehmen, diese mitzuteilen. Das ist großes Kino, wirklich! 🙂
      Ich fühle mich gut aufgehoben. In meinem Leben, in meinem Beruf und in meiner (nun nicht mehr ganz so) neuen Schule. Ja, das Schicksal einiger Kinder betrifft und belastet mich, aber ich glaube, dass ich auf einem guten Weg bin. Und dann ist da ja immer noch Herr Weh, mein Fels und Anker. Der passt schon ganz gut auf mich auf 😉
      Dennoch fände ich einen lachenden Smiley dann und wann gar nicht verkehrt. Mal sehen, wen ich davon überzeugen kann!

  3. Liebe Frau Weh,

    Tränen hab ich in den Augen! Vor Verständnis und Unverständnis, vor Ihrer wunderbaren Art über Dinge nachzudenken und mit Situationen umzugehen. Ich wünsche Ihnen viel Kraft für alles was noch kommen mag und weiterhin die Fähigkeit, trotz allem die guten Momente zu erkennen. Sie sind großartig!

    1. Danke für die netten Worte, die mich ein kleines bisschen beschämen, aber natürlich auch guttun. Dieser blog bietet für mich auch immer wieder die Möglichkeit zum Nachdenken über Situationen und Begebenheiten. Wie schön, wenn ich das nicht im luftleeren Raum tue, sondern Resonanzen kommen. Danke!

  4. Ach ja…. auch wenn ich die Kinder im Nachmittag betreue, kommt mir das doch so bekannt vor! Wir haben auch 2 Ramons, und es geht immer einen Schritt vor, zwei zurück. Aber die Hoffnung bleibt, dass die gute Saat, die wir beständig versuchen zu sähen, irgendwann aufgeht oder zumindest durch Güte und Zuwendung ein wenig Licht in die kleinen Seelen kommt.
    Alles Gute und weiterhin viel Kraft!
    Gabi

  5. Ach Frau Weh!
    Ich bin Sonderpädagogin (im GU) und weiß oft auch nicht weiter…
    Hoffentlich erkennt die Mutter die Möglichkeiten und Vorzüge der Förderschule.
    Aber solange dies noch nicht soweit ist hüpft mein Sonderpädagoginnenherz bei angebotenen Händen. Und beim Ergreifen dieser auch, denn auch das ist nicht selbstverständlich!

    Bitte über Pfingsten ganz viel neue Kraft sammeln, wird nötig sein 😉

    1. „Bitte über Pfingsten ganz viel neue Kraft sammeln, wird nötig sein 😉 “
      Jetzt musste ich doch lachen! 😀
      Trifft dein Kommentar doch voll ins Schwarze!

  6. Ich sag nur „Hut ab, liebe Frau Weh“. Ich beneide Dich wahrlich nicht und erkenne mich doch immer wieder….
    Wünsche Dir einfach ganz viel Kraft. Auch Kraft für Entscheidungen, die oft sehr schwierig zu treffen sind.
    Liebe Grüße
    Silke

    1. Liebe Silke, auch dir vielen Dank. Letztendlich ist es nicht meine Entscheidung, denn dann würde ein schneller Wechsel für den Jungen auf eine Förderschule erfolgen. Aber wir inkludieren uns ja um Kopf und Kragen.

  7. Ich drücke auch weiterhin die Daumen und hoffe, dass die Kraft reichen möge, die durch die kleinen Momente gespeist wird.
    Eine erholsames, langes Wochenende,
    Sandra

  8. Deine Hin- und Hergerissenheit bewegt mich. Du versuchst dein Bestes, die kleinen Momente, die Hoffnung geben könnten, auszumachen. Und doch schwingt die Gewissheit mit, dass du die Situation so nicht für tragbar hältst. Man merkt, dass du in einem Dilemma bist; dass du vielleicht weißt, aber nicht wahrhaben willst, dass der kleine Ramon, dessen Hand noch in deiner liegt, vielleicht bald ein weiteres Mal eine Hand loslassen muss.
    Ich wünsche dir, euch, viel Kraft für die kommende Zeit.

    1. Danke dir für deinen Kommentar. Du hast recht, die Situation ist nicht tragbar. Ja, ich finde, dass gerade die Ramons dieser Welt Verlässlichkeit in der Beschulung und Betreuung benötigen und jeder weitere Wechsel macht die Sache nicht besser. Trotzdem sind wir die falsche Schulform für ihn. Aber siehe letzter Beitrag, ich habe es nicht in der Hand da eine Entscheidung zu treffen.

  9. Liebe Frau Weh,
    vielen, vielen Dank für deine Mühe mit deinem „pädagogischen Geschenk“. Vielen Dank, dass du dich dem Kleinen annimmst und dass deine Klasse ihn annimmt. Ich bin mir sicher ihr habt eine Chance.
    Ich hatte auch ein ähnliches Kind und kann es gut verstehen, wie es dir geht. Als wir uns alle einigermaßen eingegroovt hatten, hat er uns leider verlassen und da hat nicht nur er geweint, sondern wir alle.
    Und falls es mal wieder ganz schlimm ist: Google mal das Lied: Pädagogin aus Passion 😉

  10. Hallo Frau Weh…
    Auch mich berühren deine Gedanken, als Kollegin kann gut verstehen, wie deine Situation ist!
    Wir hatten letztens eine Fortbildung zur Inklusion… Da wurde über eine Rampe gesprochen:
    Es ging darum, dass einem körperbehinderten Kind in einer Schule eine Rampe gebaut wurde, damit es dort gemeinsam unterrichtet werden konnte! Die „Rampe“ wurde dann als Symbol für alle Förderkinder gesehen, die inklusiv beschult werden. Und ich denke genau da liegt das Problem: Bei einem körperbehinderten Kind wird eben diese Rampe gebaut, aber einem Kind mit Förderschwerpunkt ESE wird diese Rampe eben oft nicht zur Verfügung gestellt: Eine feste Sonderpädagogin/e die/der das Kind den ganzen Tag über begleitet und eine Stütze ist, den Alltag in der Schule zu bewältigen! Und das macht mich traurig!!!! Denn ich denke, dann gäb es viel viel mehr Möglichkeiten…
    Ich wünsche dir schöne Pfingsten 🙂
    Julia

    1. Liebe Julia,
      genau so ist es!
      Immerhin haben wir jetzt die Anträge auf eine Schulbegleitung auf den Weg gebracht. Ob wir eine bekommen (und ob die dann auch fähig ist …), steht noch in den Sternen.
      Dir auch schöne Pfingsttage!

  11. Liebe Frau Weh,
    beim Lesen kommt mir immer nur eine einzige Frage in den Sinn: Warum stellt die Mutter in Himmelherrgottsnamen nicht endlich einen Antrag auf Sonderbeschulung?

  12. Liebe Frau Weh,
    Toll, wie du dich für Ramon einsetzt! Wir haben dieses Jahr auch einen Ramon, der deinem sehr ähnlich zu sein scheint. Trotz einer festen Sonderpädagogin, einer Schulbegleitung und so vieler anderer Hilfen fühlt sich der Schultag oft wie der Tanz auf dem Drahtseil an. Mittlerweile sind so viele Dinge angelaufen, aber es gibt immer wieder Rückschläge… Inklusion ist ein guter Gedanke, aber sie hat ihre Grenzen, das merken wir nach knapp einem Schuljahr deutlich! Vor allem das Kind leidet bei uns so sehr, da wir einfach nicht die Möglichkeit haben ihm so gerecht zu werden wie es dies bräuchte.
    Ich wünsche dir, deiner Klasse und Ramon alles Gute!
    Und erhol dich gut über die Pfingsttage!
    Lisa

  13. Liebe Frau Weh, dieser und der letzte Eintrag haben mich nachdenklich zurückgelassen, in der Hoffnung, angemessene Worte für dich und deinen Mut, dein Engagement, zu finden. Allein, es klappt nicht. Deshalb nur ganz kurz: Danke, dass es dich gibt, so wie du bist. Und versuch, deine Ferien so gut wie nur möglich auszukosten. 🙂

      1. Uuuups, da hat mein Smartphone kommentiert. Lerne grade, die WordPressapp zu benutzen, aber die war gestern zu schnell für mich und ich habs nicht mal gemerkt… – Deinen Text finde ich sehr, sehr anrührend. Viel Kraft für Dich!!! – Und ich drücke dem Jungen die Daumen, dass er es schafft, die Chance zu nutzen, die er bei Dir bekommt.

  14. Meine absolute Hochachtung, liebe Frau Weh, für diese pädagogische Mammutaufgabe, die du ja auch einfach hättest ablehnen können. Ich wünsche dir, dass der Kleine irgendwann von selber merkt, wie sich alle um ihn kümmern. Ist er denn nebenher noch in professioneller Behandlung? Alleine mit deiner Klasse kannst du das unmöglich stemmen!

    1. Lieber Herr Mess,
      das ist leider ein Irrtum, ich hätte Ramon nicht ablehnen können. Ich hätte lediglich der Mutter von Anfang an den Mut nehmen können. Grundschulen sind so gesehen die wahren Gesamtschulen – wir haben die Aufgabe jedes Kind zu beschulen. Es gibt das Hintertürchen des Verfahrens zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs. Mit diesem Türchen ist es allerdings in NRW wie bei Alice im Wunderland – es wird sehr, sehr klein. Wenn alle Weichen gestellt werden, dann kann Ramon frühestens zum Schuljahr 2016 / 17 die Schule wechseln. Und auch daran glaube ich nicht wirklich.

  15. Liebe Frau Weh,
    deine Berichte um Ramon und alle obigen Kommentare kann ich sehr gut nachfühlen. Und dann heute Morgen: kurzes Frühstück, Zeitung lesen: Unsere Schulministerin (NRW) sagt, klappt doch alles prima mit der Inklusion, da braucht man doch nicht noch mehr Geld. Da ist mir das Frühstück im Halse stecken geblieben. Ich wünsche dir trotzdem schöne Pfingsten, erhol dich gut.
    Liebe Grüße, Heike

    1. Liebe Heike,
      so geht es mir, wenn ich das immer dazu passende Foto mit einem Kind im Rollstuhl sehe, das völlig selbstverständlich in seinem Mathebuch arbeitet. In einem anderen Kommentar ist von der Rampe zu lesen, die für das Rollikind gebaut wird. Ich vermisse die Rampen für die E-Kinder …
      NRW hat die vollsten Klassen, aber unsere Ministerin findet stets beschönigende Worte 😉

  16. Liebe Frau Weh,
    ich finde Sie schreiben sehr fesselnd, mit viel Herz und doch die Sachen beim Namen nennend.
    Wenn ich etwas zu Ihrem besonderen Kind anmerken darf:
    Für mich ist die einzige Chance für einen Besuch der Regelschule, dass möglichst schnell ein Schulbegleiter eingesetzt wird, denn alle Kinder bedürfen Schutz und Aufmerksamkeit…. Das besondere Kind bekommt Aufmerksamkeit, Schutz und die anderen Kinder Verlässlichkeit, dass nicht plötzlich etwas Schlimmes passiert.

    Dazu kann ich nur ermuntern – auch wenn wir GSLehrer ein großes Herz haben, wir können nicht alles und selbst 10 Kinder wären vermutlich eine zu große Gruppe……
    Dickhaut.

    1. Danke für die Antwort. Die Anträge für eine Schulbegleitung sind letzte Woche über den Dienstweg weitergereicht worden. Ich sehe darin auch die einzige Möglichkeit, dass alle (!) Beteiligten zu ihrem Recht kommen. Fraglich ist allerdings, ob wir jemanden bekommen und ob dieser dann auch fähig ist. Ich habe in den letzten Jahren einige Schulbegleiter in meinen Klassen gehabt, da waren großartige Leute dabei und leider auch völlig fehl besetzte.
      Ein schönes Wochenende 🙂

  17. Liebe Frau Weh,
    ich verfolge die Beiträge hier immer und finde es toll, dass Sie Ihre Gedanken hier mit uns teilen. Ich bin selbst Junglehrerin und schöpfe aus Ihren Beiträgen viel Kraft, finde neue Gedankenansätze für meinen Unterricht und fühle mich auch in meiner Arbeit unterstützt. Dafür möchte ich Ihnen meinen Dank ausdrücken.
    Besonders die Beiträge über Ramon berühren mich sehr, denn ich habe in meiner Klasse einen ähnlichen Schüler. Wenn ich mich freue, dass wir sozial einen Schritt vorwärts gemacht haben, folgt am nächsten Tag oft ein Rückfall in alte, agressive Verhaltensmuster und ich zweifle daran, dass wir mit ihm richtig arbeiten und ob das der richtige Ort für ihn ist.
    Ich wünsche Ihnen schöne und erholsame Pfingstferien
    Su

  18. Liebe Frau Weh,
    deine Gedanken geben Kraft und die Gewissheit, nicht allein zu sein. Auch ich habe einen Ramon in der Klasse, der mir meine letzten Nerven raubt, meine Kinder und mich an den Rand der Verzweiflung treibt und einen -für ein erstes Schuljahr angemessen „ruhigen“ Unterricht- schier unmöglich macht. Nicht selten sitze ich abends auf dem Sofa und weine, weil ich verzweifelt bin. Hilfe kommt von nirgends, schließlich arbeiten wir nun mal inklusiv… selbst mein „betteln“ um einen Ingetrationshelfer bleibt seit Oktober ungehört. Die Eltern befinden sich im dicksten Sorgerechtsstreit auf dem Rücken des Kindes, was die Situation zusätzlich verschärft. Dazu kommt neben ES meiner Meinung nach noch LB (wenn nicht GB) und die dann von mir erzwungene Testung mithilfe des AOSF wird nicht vor Januar stattfinden…wenn überhaupt..
    Ehrlich gesagt, bin ich für jeden Kranktag des Kindes unfassbar dankbar (das soll nicht gemein klingen, denn so ist es nicht gemeint).
    Viel Kraft an alle, wir brauchen sie! Liebe Grüße, Nele

    1. Liebe Nele,
      deine Antwort bestürzt mich! Hast du irgendeine Möglichkeit, dir Hilfe zu holen? Vielleicht durch die Schaffung von Teamstunden im Stundenplan? Wenn es so verfahren ist, wie es sich liest, solltest du handeln. Für deine Klasse, aber hauptsächlich für dich selber. Viel Kraft wünsche ich dir dabei!

  19. Liebe Frau Weh, wenn sich Gymnasiallehrer gerne mal über Grundschullehrerinnen aufregen, dann denke ich nach der Lektüre deines Blogs: Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein und auch in der Sache streiten, aber die Leistung von euch, die muss man einfach anerkennen! Gute Erholung über Pfingsten!

  20. Ach, Frau Weh!
    Mein Ramon heißt David.
    Ich fühle mit dir!
    Mein Ramon und ich wurschlten uns schon seit September durch das Schuljahr. Hin und wieder schaffen wir es schon aus dem Tornado einen starken Wind zu machen… aber es kostet Kraft. Und ganz, ganz selten gibt es schon Zeiten wo nur ein laues Lüftlein weht.
    Viele liebe Grüße!

  21. Liebe Frau Weh,
    ich hoffe die Mutter von Ramon kann bald über ihren Schatten springen und die maximale Hilfe für das Kind zulassen. Es hört sich so an, als ob das Kind nicht nur Förderschule sondern auch ganz viel begleitende Therapie braucht.
    Falls Sie einmal in einem Gespräch mit der Mutter noch ein Argument brauchen, vielleicht wäre ein Hinweis auf die Zeit nach der Schule sinnvoll? Klar es ist schön, wenn engagierte Lehrer(innen), sozial kompetente Mitschüler und engagierte Schulen die Schulzeit für Kinder mit diesem Problemspektrum menschlich gestalten. Aber : Es ist wie die genannte Rampe eine Überbrückung. Man baut eine Umgebung auf, die zu nett ist um wahr zu sein und die nichts mit Realität zu tun hat. Ich habe es selber miterlebt mit einem solchen auffälligen Kind in der gymnasialKlasse (und auch vorher schon, denn wir hatten ein Kinderheim im Einzuggebiet der Grundschule). Jedenfalls der Harald aus meiner Gymnasialklasse wurde akzeptiert und gegen Hänseleien von außerhalb der Klasse geschützt. Es ging soweit, dass er in einem Theaterstück eine wichtige Rolle bekam, obwohl er nicht Theater spielen konnte. Aber es machte ihn glücklich und das haben wir Kinder/Jugendlichen gespürt. So war es nicht überraschend, dass er nach der Schule Theaterwissenschaften und Germanistik studieren wollte. Sein Vater zwang ihn zu Jura und mit Anfang 20 hat er sich umgebracht.
    Nun bin ich an einem Gymnasium, das für viele Kinder aus nah und fern letzter Anlaufpunkt ist, wenn sie nirgendwo zurecht kommen. Es ist jeden Tag mindestens einmal ein Krankenwagen da. Viele Schüler sind hochgradig verhaltensauffällig und wir versuchen damit umzugehen. Meist klappt es auch, weil wir alle sehr engagiert sind und versuchen Wege zu finden. In meinem Oberstufenkurs ist beispielsweise ein junger Mann, der ab und zu mal aufstehen muss und laut rumschreien. Seine Kameraden und ich sprechen dann beruhigend auf ihn ein und machen einen Witz (nicht über ihn sondern zur Ablenkung gerne mache ich mich auch zum Depp dabei) und dann gehts wieder. Da er schon 17 ist, muss er manchmal eine Weile raus gehen, wenn er sich gar nicht beruhigen kann. Er ist hochintelligent und gleicht damit viel aus.

    Worauf ich aber hinaus will: Auch wenn das alles klappt, wer denkt an später? Mindestens einmal pro Schuljahr erfahren wir von ehemaligen Schülern, die sich 1-2-3 Jahre nach ihrer Zeit bei uns umgebracht hatten. Gerne mit handgeschriebenen Karten der Eltern zum Thema: „Liebe Lehrer bei Euch war alles so toll und XY konnte sich angenommen und aufgefangen fühlen. Leider ging es nach der Schulzeit ganz anders weiter. Immer wieder hat XY von den schönen Zeiten am ZZZ-Gymnasium gesprochen und die vielen schönen Erinnerungen im Gespräch wieder aufleben lassen…..“

    Professionelle Hilfe bei sozialen und psychischen Störungen sollte eigentlich ein Menschenrecht sein. Eltern sind in der Situation oft blind. Das beste Beispiel kann man man nachvollziehen, wenn man Prozessmitschriften vom Prozess gegen den Vater von Tim K. liest. Sie sind im Internet zu finden.
    Würden Eltern sich bei einer Behandlung von Krebs so verweigern wie bei der Behandlung von ES, würde man ganz anders reagieren. Schlussendlich ist es aber genauso lebensgefährlich. Das ist meine Meinung.

    LG
    Coreli

  22. Nach dem Kommentar von Coreli muss ich auch noch etwas schreiben. Ich war tief bestürzt, als ich das gelesen habe und habe auch schon oft so gedacht. Ich arbeite in einem sozialen Brennpunkt und habe ca 6 ES-Kinder in meiner Klasse. Bei uns in der Schule fühlen sie sich wohl und angenommen und regelmäßig vor den Ferien fängt mindestens ein Kind an zu weinen, weil es dann nicht in die Schule gehen darf. Immer wieder stelle ich mir die Frage, was wirklich wichtig für diese Kinder ist, was ich ihnen mitgeben kann, damit sie in ihrer Realität bestehen können, auch nach der Grundschul- bzw. Schulzeit. So verändert sich sicher auch der Unterricht für die anderen Kinder, denn wir sind eigentlich ja eine Regelschule und sie lernen andere Dinge vielleicht nicht. Aber – was ist wirklich wichtig? Soziales Miteinander, Selbstwertgefühl, Anerkennung, Erfolgserlebnisse? Oder dann doch inhaltliches Wissen?

  23. Ich wäre gerne ein bisschen mehr wie du, Frau Weh! Ich liebe deine Sicht auf die Dinge aber ich hoffe mit einigen anderen mit, dass du die Erlebnisse mit Ramon in der Schule (und in deinem Blog) lässt und sie nicht mit ins Bett nimmst…

  24. Was mich manchmal wundert, ist, dass die Eltern der anderen Kinder diese Situation klaglos ertragen. Ihre Kinder werden, bei allem Engagement, doch weniger Zuwendung erhalten, da solche Kinder wie Ramon ja Energie und Zeit der Lehrerin bündeln.
    Für mich ist Inklusion ein zweiseitiges Schwert. Wenn die Politik es tatsächlich ehrlich meinen würde, gäbe es doch Hilfe von allen Seiten. So aber scheint es eher eine verkappte Sparmaßnaheme , Förderschulen sind sehr teuer, zu sein, verbrämt mit dem Mãntelchen der Eingliederung. Eine Mogelpackung eben.

    1. Crocodylous, als Eltern können wir aufbegehren, aber was bringt es uns? Als meine Große in der Grundschule war, brachen uns wegen einer Anzeige und der daraus resultierenden Konsequenzen ein Teil der Schüler weg. Die waren bis dato in einer Art betreutem Wohnen und mussten da dann raus, wurden in umliegende Heime gebracht und mussten dadurch in andere Schulen. Resultat war, dass dieser Wegfall die Zweizügigkeit der dritten Klasse zu Fall brachte. Letztlich mussten 27 Schüler in einer Klasse unterrichtet werden – drei davon mit Förderbedarf zum Befähigen besserer Leistungen, fünf echt kluge Köpfe mit Bedarf der Förderung und ein extrem gemischtes Mittelfeld. Meine Große fiel dabei hinten runter, weil die Förderung der starken Schüler auf der Strecke blieb, die Möglichkeit für separate Gespräche, für Konfliktmanagement über das Herstellen der Ruhe im Raum hinaus fehlte.
      Und wir haben aufbegehrt. Viele Eltern, die Schule … aber wir bekamen keine Klassentrennung genehmigt. Auch weil sich die Katze in den Schwanz biss, weil Voraussetzungen vom Schulamt gefordert wurden, die nur geschaffen werden hätten können, wenn die Genehmigung stand …

      Inklusion ist ein Thema, das auch hier die Gemüter bewegt. Mein Mann ist in öffentlichen Gremien, bekommt da natürlich noch andere Einblicke. Er hofft, etwas bewegen zu können, aber er sieht auch wie sehr man ihnen die Hände bindet. Inklusion ist ein Sparprogramm zulasten aller direkt beteiligten – der Kinder, der Eltern, der Lehrer. Ich habe das Gefühl, dass manche Schulen schon an der Inklusion überdurchschnittlich begabter und hochbegabter Kinder scheitern, also echt schlaue Köpfe mit leider etwas anderem Denkmuster. Die nicht mal aggressiv sind von Natur aus. Nur anders. Und damit nicht in die Schubladen passen, in die sie so mancher stecken will.

      Inklusion kann – für viele Kinder – sicher funktionieren, wenn man es richtig umsetzt. Mit kleinen Klassen, mit viel Förderung und festen Sonderpädagogen – aber die kriegt die Schule ja nicht ran. Der Kampf darum ist ein Kraftakt mit Ämtern, mit der Politik. Für mich kann auf der Basis Inklusion nicht funktionieren. Und: es gibt Kinder, die die separaten Förderschulen brauchen, die nicht inklusionstaulich sind, weil es sie schlichtweg überfordert.

    2. Ich glaube nicht, dass unsere Eltern lange stillhalten werden. Im Falle des Falles werde ich sie freundlich und direkt ans Schulamt verweisen 🙂

  25. Wow, habe Sie gerade durch Zufall entdeckt. Wahnsinnsblock! Bin zwar keine Pädagogin, aber saß selber vor langer Zeit in einer Klasse mit mindestens einem Problemkind und bin lerntechnisch abgestürzt, da ich Ruhe benötigte zum Lernen. Die Stillen gehen oft unter und obwohl ich eventuell verdammt gut funktionierende Aspergerautistin zu sein scheine, bin ich absolut gegen Inklusion (Steinigen bitte jetzt. Stopp. Reicht.). Ich würde mich sehr über mehr Fashionfotos freuen, weil Sie meinem Stil entsprechen. Aus mir ist dann doch noch irgendwie `was geworden, nämlich Buchhändlerin;-)

    1. Buchhändlerin ist cool! Wenn man nur mehr Zeit zum Lesen hätte … 😉
      Danke für die nette Rückmeldung. Mal sehen, ob und wann ich noch ein paar pädagogische Outfits erstelle.

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