Viel Lärm um nichts

„Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!“

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

„Ist nicht meiner. Heb‘ ihn auf und nimm ihn mit!“, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

„Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?“, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

„Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!“, empört sich Nick. „Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.“

„Ja und ich wollte das nicht!“, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

„Und dann?“, hake ich nach.

„Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.“

„Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!“

„Ok. Die nächsten.“

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. „Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!“ Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

„Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.“

„Ja, aber ich hab nicht gestört!“

„Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?“, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.“

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

„Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!“

„Die Filiz kann das echt voll gut“, mischt sich Leonie ein. „Ich hab das gesehen.“

„Stimmt“, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, „du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.“

„Ist aber auch langweilig in Reli!“

„Ich dachte, ihr hattet Englisch?“

„Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.“

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. „Danke, reicht.“

„Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!“, mault Michelle.

„Und deswegen hast du was gemacht?“, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

„Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.“, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

„Und was machst du eigentlich an der Tafel?“

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

„Na, komm“, sage ich in sanfterem Ton, „ich möchte es einfach verstehen.“

„Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …“

„Jaaaa?“, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

„Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.“

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

„Und auf den Ranzen!“

„Und auf den Boden!“

„Und auf Frau Rimsky-Korsakov!“

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

„Wieso das denn?“

„Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!“, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

„Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?“, wundert sich Ole. „Wir machen doch gar nix!“

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

„Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!“, gibt Nick zu bedenken.

„Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?“

„Damit ich nicht platzen muss.“

Advertisements

27 Kommentare zu „Viel Lärm um nichts

  1. Vielen Dank für deinen ganz wunderbaren Humor. Bei deinen letzten Zeilen bin ich direkt mal vor Lachen geplatzt.

  2. Vielen Dank für deine atmosphärisch dichte Schilderung! Mir gefällt so gut, dass du nicht polarisierst, nicht über die Kollegin meckerst und nicht darüber jammerst, wie Schüler und Eltern heute angeblich so sind. Das sind richtige Reportagen, wie man sie in der Zeitung kaum noch findet. Da geht mir richtig das Herz auf. Vielen Dank und viele Grüße von Uta

  3. Köstlich! Das könnte bei mir auch sein!
    Schöne Ferien! Wir haben noch 6 Wochen 😦
    Liebe Grüße
    Steffi

  4. Diese Stunde muss ja ein einziger Hummel(schwarm)flug gewesen sein…(sorry, das KONNTE ich mir nicht verkneifen)

    Ich fühle mit Frau Rimsky-Korsakov und umarme dich!
    H

  5. Meine sind auch alle durch die Bank Unschuldslämmer – keine Ahnung, wieso die Fachlehrer immer so schimpfen müssen….

  6. Vielen Dank für diesen amüsanten Text. Er ist schön geschrieben. Ich bin auch so eine ’nervige‘ Fachlehrerin in einer 1.Klasse😉 bei uns sind es noch 3 Wochen.

  7. Ich verstehe die Kollegin sooo gut. Ich habe auch nur zwei Stunden Englisch in einer ersten Klasse und es ist ein riesengroßer Unterscheid zu den Klassen, in denen ich mehr Stunden habe. Ich verstehe aber auch die Schüler soooo gut: Topmodel spiele ich noch heute gerne 😉

  8. Ich habe Tränen in den Augen vor Lachen! Danke! Habe deinen blog-link schon an diverse Menschen weitergeleitet. Ich muss beim erneuten Lesen dann immer wieder lachen!
    Danke!
    Herzliche Grüße
    Karin

  9. Liebe Frau Weh, ich hoffe, die Ferien kommen, bevor Frau Rimsky-Korsakov und du platzen müsst! Ich habe deine drei letzten Texte auf meinem Blog verlinkt, da sie so wunderbar beschreiben, wie die Stimmung in der Schule kurz vor den Ferien ist. Zuhause ist sie ja ähnlich… Ich jedenfalls trällere zur Zeit gern mit Queen das Lied vom slightly mad werden. lg, Mirjam

  10. Liebste Frau Weh,
    ich lasse einfach mal völlig kontextfrei einen kraftspendenden Gruß hier und schicke ein Paket Stärkung in deine turbulenten letzten Tage hinein.
    Halte gut durch, ich denke sehr an Euch in den letzten Zügen,
    Uta

    1. Liebe Uta,
      danke für deine guten Wünsche, wir sind durch – im wahrsten Sinne des Wortes 😀
      Euch genug Kraft und Durchhaltevermögen für die letzten Wochen!

  11. Hihi, Danke, Danke! Was für eine tolle Schilderung! Ich geh mich arme Fachlehrerseele jetzt mal selbst umarmen!*lach Ach wie schön ist Dein Blog Frau Weh! Kann man Deinen Humor in Tüten kaufen? Ich würd gern noch ein bissl mehr davon um mich herum haben!;-))

    Liebe Grüße Lolo

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s