Alles wird gut

Es liegt an mir den Kindern Ruhe zu geben in dieser Zeit.

Ruhe, Zuversicht, Sicherheit. So ungleich wichtiger als die Vermittlung von Kompetenzen oder die Arbeit an Schulprogramm und Leistungskonzept. Viel geredet wird von den Zweitklässlern nicht über das aktuelle Zeitgeschehen. Es ist schwer, das Unbehagen der eigenen Eltern in Worte zu fassen, wenn man sieben Jahre alt ist. Aber dass in manchen Familien Thema ist, was uns als Thema aufgezwungen wurde, weil es so unfassbar und nah ist, das spüre ich daran, dass in diesen Tagen mehr Kontakt gesucht wird. Da sitzen Michelle und Samira ganz eng auf einem der kleinen Arbeitsteppiche über einem Buch. Marc begrüßt mich mit einer wortlosen Umarmung. Merve und Nick streiten über Religion und stolpern dabei über die abwertenden Verallgemeinerungen der Eltern. Ich höre zu und rücke sanft zurecht, wo Ängste in falsche Worte gekleidet werden.
Wir malen Kerzen. Für unsere Fenster, aber auch für die, in denen es dunkel ist. „Kerzen helfen“, sagt Sophie und erzählt, dass ihre Oma immer in der Kirche eine anzündet und sie das dann auch darf, mit dem langen Docht, der dort liegt, unter der Maria mit ihrem Baby.
„Warum helfen Kerzen denn?“, fragt Yasin und verharrt, den Pinsel in der Luft.
„Na, weil die doch Licht bringen und das brauchen ja alle.“, antwortet Ole und zählt an seiner Hand Pflanzen, Tiere und Menschen auf.
„Haha, das sind ja alles Nomen!“, lacht Leonie und freut sich über ihre Feststellung.
„Ist doch klar, dass das alles Nomen sind“, ärgert sich Ole. „die brauchen ja auch alle einen Namen, um zu existieren. So wie wir eben auch das Licht brauchen. Alles braucht einen Namen.“
Wie so oft staune ich über die schlichte Wahrheit, die einige Kinder zu äußern imstande sind, und argwöhne, dass so mancher Philosoph heimlich auf Schulhöfen gelauscht haben muss. Vor unserer Klassentüre mögen Kolleginnen krank sein, Elterngespräche für Unruhe sorgen oder die Welt hart auf die Bremse treten. In unserem Raum bereitet die Ruhe den Boden für Gedanken. Mir kommt das Zitat von Etty Hillesum in den Kopf, das über meinem Schreibtisch hängt:
„Das ist eigentlich unsere einzige moralische Aufgabe: sich selbst große Flächen urbar zu machen für die Ruhe, für immer mehr Ruhe, sodass man diese Ruhe wieder auf andere ausstrahlen kann. Und je mehr Ruhe in den Menschen ist, desto ruhiger wird es auch in dieser aufgeregten Welt sein.“
Diese Worte möchte ich so sehr verinnerlichen wie kaum etwas anderes. Die darin enthaltene Wahrheit verinnerlichen und weitergeben an die Menschen, die um mich herum sind. Gerade, weil sie sieben Jahre alt sind. Sieben Jahre sind ein gutes Alter für Ruhe und große Gedanken.
Ein bisschen, weil es Spaß macht, aber auch ein bisschen, weil es hilft, dem seltsamen Gefühl im Bauch zu begegnen, geben die Zweitklässlern ihren Kerzen Namen. Kraftvolle und schöne. Da gibt es die Kerze Traum und die Kerze Frieden, die Kerze Wünsche und die Kerze Wir alle. Meine Kerze heißt Alles wird gut und die Kinder nicken zufrieden, als sie es hören. „Das glaubst du immer, Frau Weh, oder? Dass alles gut wird, meine ich. Du sagst das oft!“
„Klar“, lautet meine Antwort und die lächelnde Zuversicht, die ich in meine Stimme lege, bringt die Kinder in Bewegung wie das Licht einer Straßenlaterne Nachtfalter zum Tanzen bringt. „Daran glaube ich ganz fest. Alles wird gut!“

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13 Kommentare zu „Alles wird gut

  1. Leider bin ich nicht ganz so zuversichtlich, aber gerade deswegen habe ich mir für den Abschluss dieser bewegten Woche auch etwas Schönes für die Fünfer ausgedacht. Nach all den Nachrichten, Diskussionen und Streiterein braucht der Mensch doch Momente der Besinnung.

  2. danke Frau Weh, daß Sie mich immer wieder zum Weinen bringen und gleichzeitig immer wieder Trost geben. Ihre Schülerin möchte ich sein…

  3. Liebe Frau Weh,
    wie schaffen Sie das? Bei einigen Ihrer Beiträge habe ich nach dem Lesen eine Träne im Augenwinkel.
    Danke für diese berührenden Gedanken.
    ❤ liche Grüße aus OWL
    Barbara

  4. Ach, Frau Weh! Sie schreiben so schön. Im Moment wäre ich wirklich gerne wieder sieben, um Ihnen aus tiefstem Herzen glauben zu können. Nur gelingen mag mir das gerade nicht.

    Viele Grüße, Stefanie

  5. Liebe Frau Weh, ich lese so gerne Ihren Blog, obwohl ich keine Lehrerin bin und meine Kinder dem Grundschulalter schon entwachsen sind. So reflektiert, so warmherzig und so gut formuliert! Danke!

  6. „Ich höre zu und rücke sanft zurecht, wo Ängste in falsche Worte gekleidet werden.“ Schöner hätte ich es nicht ausdrücken können 🙂

  7. Alles wird gut – und wenn es nicht gut ist; Ist es noch nicht das Ende.

    Ich glaube für diesen Leitsatz können mich meine Kollegin und auch ab und an Freunde nicht leiden, aber sowas muss Frau dann auch durchhalten. 😉

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