Das Dazwischen

Noch drei Wochen bis zu den Ferien. Langsam beginnt dieser seltsame Zustand des Dazwischens. Obschon ich nichts mehr herbeisehne als das Ende des aktuellen Schuljahres, bahnen sie sich bereits einen Weg, die Ideen und Pläne für das kommende. Flüchtig notiere ich sie auf Zetteln, Bildern und Zeugniskorrekturausdrucken. Nur nichts verschwinden lassen! Die Gedanken mäandern zwischen den Schuljahren und ich bin froh darüber, zeigt es doch, dass die zur Zeit empfundene Erschöpfung eine natürliche, zirkuläre ist und keine, um die sich zu sorgen nottut. Was bleibt, ist die Empfindung, ein anstrengendes Jahr (und sind sie dies nicht alle?) bald geschafft zu haben und dennoch leise Vorfreude darüber zu empfinden, was für gute Momente die Zweitklässler nächstes Jahr, schon bald!, erwarten.

Kann ich es besser beschreiben?

Bildung ist ein Geschenk und die Vermittlung von Bildung kann ein ebensolches sein. (Dass es manchmal mehr Spaß macht, jemandem ein Geschenk zu übermitteln als eines zu empfangen, kann in diesem Zusammenhang vermutlich jeder Leser verstehen. Wenn nicht, vermittle ich gerne ein Gespräch mit dem pubertierenden Wehwehchen – es findet ganz sicher prägnante Worte!)

So zähle ich die verbleibenden Schultage herunter (es sind noch 15) und freue mich gleichermaßen auf die sich anschließende Schreibtischphase, in der ich mich hemmungslos dem Planen und Materialisieren des Kommenden verschreibe. Nicht ohne natürlich im Vorfeld den reinigenden Ritus des Aufräumens und Wegschmeißens zu begehen. Nicht ganz ernst, dennoch mit Hintergrund, fragte mich vor Jahren eine Bekannte, ob ich nicht Interesse an einer Räucherung hätte. (Nachfragen ergaben, dass es sich bei diesem Vorschlag nicht etwa um Forelle oder Saibling handelte.) Überzeugt konnte ich ihr darlegen, dass mit jedem liegengebliebenen Arbeitsblatt, welches ich entsorge, mit jeder Notiz, die nun nicht mehr von Belang sei, ich ein Stück des vergangenen Jahres abschließen und loslassen könne. In meinem Klassenzimmer befinden sich keine Geister, die sich nicht durch den beherzten Einsatz von Scheuermilch und Mülleimer zur Räson bringen ließen. Mein Raum, meine Regeln.

Und so weiß ich bereits jetzt um dieses matte, volle Gefühl des Danachs. Wenn alle Kinder verabschiedet, alle Umarmungen erwidert, alle Wünsche ausgesprochen sind. Wenn das Klassenzimmer leer ist und man selber irgendwie auch. Man schaut sich um mit dieser unwirklichen Mischung aus Reservelosigkeit und ungezähmter Freiheitsfreude, schiebt einen Stuhl an einen Tisch, sammelt eine stehengelassene Kakaoflasche, einen liegengebliebenen Stift ein und denkt Nichts. Denn für dieses Jahr ist alles gedacht, alles gesprochen, alles gewirkt.

Doch bis dahin sind es noch kaugummilange Tage, emotionsstark und aufgeladen, die es zu bestreiten gilt. Zeugnisse müssen geschrieben, Gespräche geführt, Klassenbücher ausgefüllt werden. Diplomatisch muss manches abgewogen oder bestenfalls überhört werden, um nicht der hochgradig ansteckenden Schuljahresend-Hysterie zu erliegen, der sogar zäheste Kolleginnen derzeit zum Opfer fallen.

„Was sind die beiden besten Gründe, um Lehrer zu werden?“, frage ich inmitten einer so hitzigen wie nutzlosen Auseinandersetzung im Lehrerzimmer, in der es zunächst um die Anschaffung neuer Poolnudeln, später jedoch um die Rechtfertigung des Sportlehrerdaseins im Allgemeinen geht. Erhitzte Gesichter wenden sich mir fragend zu.

„Was!?“

„Na, Juli und August!“

Fassungslosigkeit strömt mir entgegen. Dann signalisiert erleichtertes Grinsen das Ende der Auseinandersetzung.

„Du bist auch eine Poolnudel, Frau Weh!“

Lasst uns durchhalten! 🙂

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17 Kommentare zu „Das Dazwischen

  1. … ja, lasst uns durchhalten.
    Alles so wahr und wir haben dieses Jahr noch 5 1/2 Wochen …
    Genussvolle Vorfreude,
    slo

  2. Oh, wie schön geschrieben 🙂
    Und das mit den Zettelchen und Notizen für das nächste Jahr: das finde ich so wunderbar an unserem Beruf, dass es immer ein nächstes Mal gibt, an dem wir es besser oder einfach anders machen können. Jedes Jahr aufs Neue. Und das gute, das behalten wir bei, führen es fort und freuen uns, dass es im vergangenen Jahr so gut geklappt hat.
    Auf in den Endspurt,
    LG,
    Stefanie

  3. Schuljahresend-Hysterie ist ein passendes Wort auch für den Zustand meines kleinen Kollegiums! Denn ist kurz vorm Zeugnis-Wahnsinn eine Kollegin erkrankt und kommt auch vor den Ferien nicht zurückt, gilt es auch noch einen Umbau in 2 Klassenräumen vorzubereiten! Ja, wir müssen noch durchhalten, aber jetzt nur noch 3,2,1 Tage!!! Ich sehne mich nach meinem Nichts in den Gedanken!! Ich kann nämlich vor lauter Gedanken, Plänen und unerledigten To-Do-Listen im Kopf nicht mehr schlafen! Hach, was wird das dann schön, wenn endlich wieder geistige Leere herrscht – zumindest ein paar Tage lang! Auch dir noch genügend Puste für den Endspurt! 🙂

  4. Ha, als ich noch kinderlos war (damalsTM) dachte ich immer wie gut man es doch als Lehrer haben muss, mit all den Ferien und vor allem den laaangen Sommerferien! Und jetzt lese ich deinen schönen Text, denke an die Klassenlehrerin meiner beiden Zweitklässler und denke nur „DAS hat sie sich jetzt aber wirklich verdient!“

    1. Ja genau so, mit jedem Kind in einer Schule wächst die Hochachtung vor den Lehrkräften! Diese brauchen die Ferien ganz besonders am Schuljahresende, um auch „zu Kräften“ zu kommen und irgendwann nicht Leerkräfte sind. Durchhalten und auf die Sommerferien freuen.

  5. Liebe Frau Weh! Vielen herzlichen Dank für diesen Blog! Ich lese Ihre Geschichten mit Begeisterung! Soviel Herzblut und Sprachwitz und Ernsthaftigkeit. … herrlich! Und diese Stimmung zwischen den Jahren-perfekt eingefangen! Hier sind es noch fünfeinhalb Wochen-aber heute geht es erstmal ins Landschulheim mit der dritten Klasse! Viel Spaß beim Endspurt und herzliche Grüße aus Baden-Württemberg, Frau Zett

  6. Geschafft!🎉
    Wir Niedersachsen durften heute die Kinder in ihre wohlverdienten Ferien entlassen. Welch ein Jubel bei den meisten 😊☀
    Und wie ich so durch meinen Klassenraum ging, einen Stift aufhob, eine leere Saftflasche in den Mülleimer warf und so vor mich hin träumte, fiel mir dein wunderbarer Artikel zu genau diesem Moment/Zustand ein.
    Danke dafür!

  7. Frau Weh, du sprichst/ schreibst mir aus der Seele!
    Es sind jetzt nur noch 4 Tage – aber genau diese Beschreibung des „Dazwischen“ ist so treffend!

    Meine ersten Sommerferien, als junge LAA, startete ich mit einem Tranchen in den Augen – puh, das ist lange her! Heute zähle ich die Tage und falle erstmal in ein Loch, nur ganz kurz, um dann vor lauter Eifer die Ferien zu verplanen, das neue Schuljahr anzugehen, so dass die 6 Wochen nicht reichen für all das, was ich vorhabe! (Das kann aber nur ein Lehrer verstehen!)

    Also – ja, es ist gut, das zu lesen, denn ist so, diese Erschöpfung vor den Sommerferien, aber das gleichzeitige Ideen-Karussell fürs neue Schuljahr im Kopf, zeigen, dass es kein völliges Loch ist! 🙂

    Wünsche dir einen guten Endspurt – und wunderbare Ferien mit all seinen/ deinen Ritualen zum Abschalten und Auftanken!
    Herzliche Grüße vom Schreibtisch, wo jetzt die Zeugnisse ausgedruckt sind – denn noch sind es 4 Tage Schule!
    Vanessa

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