Eine Nacht im Leben einer Grundschulrektorin

Eine fast wahre Begebenheit

Rektorin Böllmann-Lustig begibt sich nach einem langen Schultag und einer schier endlosen Konferenz ermattet zu Bett. Nach zwei Gläsern Rotwein und einem ausführlichen Gespräch mit ihrem Gatten, nach so vielen Jahren an ihrer Seite einem wahren Kenner der Materie, ist sie endlich eingeschlafen.

Doch die Nachtruhe bringt ihr nicht die Erholung, die sie eigentlich brauchen würde, um dem zweiten Teil ihres Doppelnamens „Böllmann-Lustig“ gerecht zu werden. Es ist gerade 3.30 Uhr in der Nacht. Stockdunkel draußen, stockdunkel drinnen. Nur die Ziffern des Radioweckers erleuchten ein wenig das Stillleben von Notizblock, Bleistift und Wasserglas, die auf dem Nachttisch den unruhigen Schlaf der Staatsdienerin beobachten.

Rektorin Böllmann-Lustig dreht sich von einer Seite auf die andere und sitzt plötzlich wie von der Tarantel gestochen senkrecht im Bett. Hastig greift sie nach dem Bleistift und notiert:

  • Info an die Sekretärin: AO-SF Verfahren für den Schüler aus der 3b dringend ans Schulamt schicken. Ausrufezeichen.

Mit müden Augen lässt sich Rektorin Böllmann-Lustig zurück auf ihr Kissen fallen. Es wird 3.45 Uhr. Sie versucht  wieder einzuschlafen. Es wird 4 Uhr, der Versuch ist gescheitert. An Schlaf ist nicht zu denken. Gedanken schießen wie wild durch ihren Kopf, den Rektorin Böllmann-Lustig doch in wenigen Stunden wieder klar haben muss, um dem täglichen Sturm zu trotzen. Gedankenfetzen durchschneiden die nächtliche Ruhe:

VERA; Ines; LEO; SCHIPS; SCHILD; Oliver; Stella; Verena; Elise. Die gesamte Zweckgemeinschaft schulischer Abkürzungen tanzt einen wilden Tanz um Rektorin Böllmann-Lustigs müdes Haupt.

Wie steht es eigentlich um die Evaluation des Schulprogramms?

Und bis wann muss noch einmal das Vertretungskonzept an die Schulaufsicht weitergegeben werden? Oder war es das Leistungskonzept?

Für die nächste Schulleitersitzung muss unbedingt noch die Problematik der fehlenden Sonderpädagogen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Und …oh nein, die nächste Schulleitersitzung findet ja in der eigenen Schule statt. Wie sieht das Lehrerzimmer aus!? Was sollen die anderen Schulleiterinnen nur denken? Dringende Notiz: Kolleginnen zur Ordnung des Tisches im Lehrerzimmer rufen. Oje, das gibt bestimmt wieder Unmut!

Überhaupt, die Kolleginnen! Allesamt angespannt. Und  dann noch die defekte Wasserspülung in der Jungentoilette. Da muss dringend eine Nachricht an die Stadt raus. Die Eltern beschweren sich schon. Kein Wunder, so sagen sie, dass die Jungs lieber in die Büsche pinkeln. Sind die Etatwünsche eigentlich schon ausgegeben worden? Wo habe ich noch einmal den Fachartikel über die Bedeutung inhaltlicher und prozessbezogener Kompetenzerwartungen hingetan, den wollte ich den Kolleginnen doch noch ins Fach legen. Aaah,  Kopierpapier!

Inzwischen ist es 4.15 Uhr. Rektorin Böllmann-Lustig steht auf, geht ins Bad und schaut in den Spiegel. Wer zurücksieht, ist höchstens Frau Böllmann. Lustig ist es gerade nicht so.

Da eine Namensänderung jedoch mit einigen Kosten verbunden ist, kann sie sich dies mit ihrem geringen Rektorinnengehalt nicht leisten. Es ist jetzt 4.45 Uhr Rektorin Böllman-Lustig schlufft in Filzpantoffeln in die Küche und kocht sich einen starken Kaffee. Endlich hört sie gegen 5 Uhr den Briefkasten klappern. Die Zeitung ist da.

Mit müden Augen liest sie die Schlagzeile: „Lehrer beklagen sich zu Unrecht  – Schulleiter kühmen auf hohem Niveau.“

Rektorin Böllmann, die in diesem Moment beschließt, auf den Doppelnamen endgültig zu verzichten, macht sich schulfertig. Im Büro setzt sie sich auf ihren Stuhl und startet den PC, um die lange Liste der neuesten Emails zu bearbeiten. Doch daran ist nicht zu denken, denn das Telefon klingelt schon früh pausenlos:

„Frau äh …Rektorin, Sie kennen doch meinen Justin, der ist in der Klasse 2b, nee, 2a, der mit dem kleinen Ohrring. Hat der heute oder morgen Schwimmen?“

„Lena-Laura hat ihr Rechenbuch gestern in der Schule vergessen. Sagen Sie Frau Clemens Bescheid, dass Lena-Laura keine Hausaufgaben machen konnte. Da kann sie aber nichts für. Frau Clemens hätte deutlicher sagen müssen, dass die Kinder das Rechenbuch auch einpacken sollen!“

„Kerem hat Husten. Der darf nicht am Fenster sitzen!“

„Frau Böllmann-Lustig, hören Sie mal, finden Sie nicht auch, dass Sie über Kopfläuse etwas spät informieren. Die sind ja schon da, wenn wir Ihren Brief bekommen.“

 

Und so beginnt ein neuer Schultag …

21 thoughts on “Eine Nacht im Leben einer Grundschulrektorin

  1. Wie, gibt es noch andere Grundschullehrerinnen mit Durchschlafstörungen??? 🙂 🙂 🙂
    Danke für diese tolle Zusammenfassung des täglichen Wahnsinns. Ich musste neulich den Chef vertreten und bekam echte Agressionen ob des Anrufes einer Mutter, ich möge ihre Tochter doch daran erinnern, dass sie nach der Schule zur Oma gehen soll. Als ich meinen Chef daraufhin ansprach, bekam ich zu hören, dass solche Anrufe keine Seltenheit seien.

  2. Herrlich erfrischend geschrieben und doch im Grunde tieftraurig,
    Für solche Erlebnisse und vor allem Nächte muss man aber nicht Rektorin mit Doppelnamen sein, das können auch die einfachen Lehrerinnen 😉

  3. Notizblock und Bleistift griffbereit, muss ich mir merken.
    Und bei uns sagt man, wenns nicht zum Weinen wär, dann wärs zum Lachen.
    Einen verständnisvollen Gruß

  4. Herrlich treffend beschrieben! Ich glaube meine Schulleiterin hat wohlm viele solcher Nächte, die Ärmste! Schreibe weiter so herrlich aus dem prallen Grundschulleben! Es ist immer wieder ein Genuss es zu lesen! 😊

  5. … und die vielen Körnchen Wahrheit, die sind definitiv enthalten :-).
    Vielen Dank für diesen Beitrag und hoffentlich auch ein paar „lustige“ Momente,
    Slo (Schulleiterkollegin)

  6. Ja, als Rektorin ist es über einen mehr oder weniger langen Zeitraum hinweg tatsächlich so. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Das kann ich bestätigen und die Bandbreite ist groß.
    Doch ich kenne auch zahlreiche Lehrkräfte, die nachts aufwachen und von schulischen Themen gejagt werden. Schulische Themen gibt es ja schließlich genügend.

  7. Vierzig Jahre im Grundschuldienst habe ich nur noch solche Nächte. In den Ferien gelingt mir das Schlafen, aber auch erst nach ein paar Tagen.

  8. Als junge, unbedarfte Lehrerin habe ich mir das so vorgestellt : ich werde Schulleiterin und dann kann ich all das umsetzten, was ich mir unter einer guten Schule vorstelle.
    Als ich dann als Vertretungskraft und später als Angestellte verschiedene Schulen und ihre Leiter und Leiterinnen kennen gelernt habe, und gesehen habe, in welchen Zwãngen sie sind, und was sie so mitmachen, habe ich mich umentschieden. Keine Funktionsstelle, nicht in diesem Leben. Etwas rückfällig wurde ich, Fachvorsitz, anderes Amt, nochn Amt. Das habe ich aber alles wieder sein gelassen. Und so gehe ich fast jeden Tag vergnügt zum Lehrerparkplatz und nehme nur meine Tasche mit und sonst nichts. So als ganz unwichtiges Lehrerlein schlafe ich wieder prächtig, und in den ganz dramatischen Konferenzen zu den ganzen Veras schau ich halt zum Fenster raus. Vermutlich halten alle mich für wunderlich, genau das war das Ziel. Meine Energie geht in meinen Unterricht und in meine Schüler, das ist mein Beruf. Meinem Seelenfrieden tut das gut.

  9. Hallo Frau Weh,
    das Unwort des Jahres für mich ist zweifellos das Wort DOKUMENTIEREN. Alles muss irgendwie für alle nachvollziehbar am besten tagesaktuell DOKUMENTIERT werden. Schul-Statistik, individuelle Lernstände (auch namentlich im Klassenbuch), Toilettengänge… So hat man als Rektor wie als Lehrer genau diese Nächte wie oben beschrieben. Wann unterrichten wir eigentlich noch?
    Liebe Grüße!

  10. Eine Randbemerkung aus Niedersachsen: Wir müssen für ALLES Konzepte schreiben, für alle Fächer, Gesundheit, Sicherheit, Förderung, Elternarbeit usw., usw. und haben schon viele Ordner gefüllt. Seit längerer Zeit haben wir ein paar Hühner. Ratet, was jetzt kommen muss??? Ein KONZEPT zur Hühnerhaltung…. Wenn das der Schulleiterin auch noch nachts im Kopf herumgeht….
    Für uns gilt: DIe wollen doch nur unterrichten! 🙂

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