Jammer, jammer, jammer

Es ist Montag und ich überlege, ob nun der Moment gekommen ist, an dem mich das Schulleben so kleinkriegt, dass ich hinschmeißen möchte, um – beispielsweise – Museumspädagogin, Vollzeitmutter oder Straßenmusikerin zu werden.

Glücklicherweise frage ich mich das in einer so zuverlässigen Regelmäßigkeit, dass ich aufgrund überstandener, vergangener Zweifel mit Fug und Recht behaupten kann, dass dem nicht so ist. Stattdessen handelt es sich meist um eine Art zyklisch wiederkehrender Unausgeglichenheit zwischen Ansprüchen (extrinsisch) und Idealvorstellungen (intrinsisch). Meist werden diese bedingt durch Schwankungen in der weiteren Lehrumgebung: Dies kann z.B. ein Wasserschaden im Klassenraum, ein krankheitsbedingt fehlender Hausmeister, aber auch eine arg fordernde Schulleitung oder helikopterisierende Elternteile sein.

Dieses Mal sind es einige Kolleginnen.

Das so unverblümt zu schreiben, kostet mich bereits Überwindung und fühlt sich ein bisschen an wie Nestbeschmutzen. Aber sollte ein Kollegium nicht eine Niederlassung des Miteinanders sein? Das Lehrerzimmer ein Ort der offenen Tür und des offenen Ohrs? So ist es zumindest in meiner (zugegeben) idealisierten Vorstellung. Sehr gerne dürfen dort politisch inkorrekte Witze erzählt oder gelegentlich mit Kopf und Faust auf den Tisch gehauen werden. Wünschenswerterweise liegt Schokolade auf dem Tisch. Oder wenigstens etwas angeditschtes Obst. Es darf über überzogene Ansprüche und realitätsferne Schulpolitik hergezogen werden. Über fehlende Ausstattung, mangelnde Unterstützung oder marode Klassenräume. Was aber gar nicht geht, ist das ständige Gejammer über Schüler und Eltern. Nee, echt jetzt!

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, auch ich habe in dieser Semi-Öffentlichkeit Jason Jayden aus der 4b schon einen kleinen Seuchenvogel und MamaHelene aus der 1a ein elterliches Breitbanddesaster genannt. Meist verbunden mit theatralischem Augenaufschlag und raumgreifender Geste. Aber doch nicht immer! Täglich! In jeder Pause! Und doch ist es das Thema in unserem Lehrerzimmer. Der hat, die hat und dann wollen die Eltern auch noch einen Gesprächstermin! Einen GESPRÄCHSTERMIN! Mittendrin im Schuljahr! Hat man sowas schon gehört?

Ich möchte den Kolleginnen zurufen, sie mögen auf der Stelle das Jammern sein lassen und ihr Augenmerk auf all die schönen Momente und die Privilegien dieses Berufs werfen. Auf die vielfältigen Möglichkeiten zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Auf die Sicherheit unserer Arbeit und die Freiräume, die wir vielfach so füllen können, wie wir es selber für richtig halten. Aber ich lasse es sein, denn ich kenne ja auch die Gegenseite: die Einschränkungen, den schier unendlichen Papierkram, die Anspannung, die Überforderung. Manchmal werden diese eben zu groß, um noch objektiv argumentieren zu können. Stattdessen erwische ich mich dabei, dass ich freiwillig zusätzliche Aufsichten für angeschlagene Kolleginnen übernehme. Nicht, dass der Schulhof eine konfliktärmere Zone wäre, nein …

… aber da kann ich so flauschige Ohrenschützer tragen.

 

 

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15 Kommentare zu „Jammer, jammer, jammer

  1. … oja, ich möchte auch „flauschige Ohrenschützer“ für den Alltag haben. Welch eine schöne Idee – vielleicht auch im Raum?
    Einen entspannten Winterabend,
    Slo

  2. Liebe Frau Weh, ich unterrichte sein eingen Jahren an einer Fuzi-Wunzi-Minischule. Die Schule besteht aus einer Klasse, der Frau Direktorin und mir und zwei Stunden pro Woche kommt die Religionslehrerin – einem echten Jammerbolzen. Ich mag echt viel an dieser Schule, aber mit Abstand das Beste sind die fehlenden Koleginnen!

  3. Hallo!

    Ja, ja das kenne ich auch!
    Gerade letzten Samstag habe ich beim Shoppen durch Zufall einen „Jammerlappen“ entdeckt und zugleich gekauft.
    Nun sitzt er auf meinem Sofa, und wenn ich ihn dort sitzen sehe, ist das Gejammer von den Menschen in meiner Umgebung gleich viel weniger schlimm, denn er zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht und es geht mir gleich viel besser.

    Schöne Idee, dieser Jammerlappen,
    beste Grüße
    nette

  4. Liebe Frau Weh,

    Auch bei und lief es einmal so, vor lauter gejammere wurde die Stimmung immer düsterer. Da haben wir beschlossen, dass in den Wochen vor Weihnachten im Lehrerzimmer nur noch positive Dinge erzählt werden dürfen. Zur Erinnerung haben wir uns ein witziges Plakat an die Türe gemacht und zusätzlich haben wir im Lehrerzimmer noch ein Dina4 Papier mit Abreißzetteln mit positiven Anregungen aufgehängt. Und oh Wunder es hat gewirkt !! Bis heute und das ganze obwohl es schon über ein Jahr her ist. Natürlich wird auch mal gejammert und gelästert, aber wirklich nur in einem erträglichen Rahmen.
    Vielleicht wäre das auch was für euch?
    Liebe Grüße
    Silke

  5. Danke, liebe Frau Weh!
    Zum ersten Mal in meinem Leben schreibe ich einen Kommentar. Weil es einfach so wahr ist was du schreibst und weil ich mich seit ein paar Wochen auf den Weg gemacht habe, eine positive Sicht auf unseren Berufsalltag im Lehrerzimmer zu verbreiten, eben weil ich das Jammern nicht mehr ertragen kann. Mir fehlt manchmal einfach die Freude am Beruf im Gesicht der anderen. Flauschige Ohrenschützer sind da vielleicht eine gute Lösung……

  6. Ach ja, das kenne ich. Du spricht mir aus der Seele. Ich denke manchmal, solche Kollegen sollten lieber keine Pausen zugesprochen bekommen. Sie kommen ja eh nicht runter, und schalten mal ab. Die Schulhof – Ohrenschützer – Alternative finde ich sensationell😉

  7. Liebe Frau Weh,
    ich lade Dich herzlich ein an unsere Schule: Klar, wir jammern auch, aber eher über die Schulpolitik und die nicht vorhandende Wertschätzung unserer obersten Dienstherrin. Darüber regen wir uns mächtig auf!
    Aber für freuen uns immer wieder über unser wunderbar unterstützendes Kollegium, die hinter einem stehende Schulleitung, die vielen tollen Kinder und auch mal nettes Feedback durch Eltern. All dies lässt so manches Sysiphosähnliches ganz gut verkraften, z.B. dass man immer wieder am gleichen Rad dreht und sich manches kaum zu verändern scheint, das x. Elterngespräch, das ständige Ausfüllen irgendwelcher Anträge und Beobachtungsbögen… Geht es einem nicht so gut, wird man aufgefangen und Schokolade gibt es nahezuimmer auf den Lehrerzimmertischen (die Speckröllchen gleich dazu). Also, es geht – und wenn ich doch manchmal stöhne, freue ich mich doch immer wieder auf meine Schule mit den 30 Kollegen und 420 Kindern.
    Liebe Grüße
    Katrin
    P.s.: Wir brauchen ganz dringend mehr LehrerInnen…. 🙂

  8. Wow! Ich hab fast ein schlechtes Gewissen: Wir haben ein Lehrerzimmer mit Schokolade und Obst auf dem Tisch, eine Schulleitung die sich täglich zu uns setzt und uns gelegentlich mit einem Schwank aus der Schulpolitik unterhält. Unsere Themen sind recht breit gestreut und meistens ziemlich normal. Derzeit führt die Hitliste: „Wer hat mit dem Auto die schönsten Piruetten auf dem Schnee gedreht?“ Bitterböse Witze gibt es auch und zu Geburtstagen wird gesungen. Und ja, wir haben sie auch, die Gespräche über Schüler, und Gott sei Dank recht selten solche „Jammerphasen“. Ich denke das tritt Phasenweise auf. Eine gute Portion „Normal“ erstickt so etwas so schnell und effektiv wie ein Eimer Sand den Funken, bevor ein Flächenbrand entsteht.

  9. Das mit den Jammern und beklagen braucht es manchmal,aber wenn es immer das selbe zieht es einen runter.

    Unser Chef hat einen Spruch im Pausenraum aufgehängt :

    Wen du Zeit hast zu jammern und dich zu beklagen,
    dann hast du auch Zeit etwas dagegen zutun
    dAngelo

  10. … ich schließe mich Annika an und schreibe auch zum allerersten Mal einen Kommentar 😉
    Als es mich endlich in meinen Heimatbezirk verschlagen hatte und ich zum ersten Mal meine neue Schule betrat, traf ich gleich unsere Meckerkollegin. Sie hat mich eine gute Stunde vollgejammert, was denn das Schlimme am Unterrichten, den Schulen, den Schülern, den Eltern, der Schulpolitik, … sei. Und dabei ist besagte Kollegin erst gute 40… Ich als Neuling hab mir das natürlich brav angehört (man will sich ja nicht beim ersten Treffen gleich unhöflich umdrehen und gehen) und mir dann heimwärts im Auto gedacht, dass ich so in 10 Jahren sicherlich nicht sein möchte. Jetzt bin ich schon zwei Jahre an der Schule und hab gelernt, meiner Meckerkollegin aus dem Weg zu gehen. Man kann nämlich auch ganz entspannte Pausen mit der Lieblingskollegin am (ausgeschalteten) Kopierer verbringen, wenn im Lehrerzimmer zu viele negative Vibes herrschen 😉
    Ich finde es jedenfalls klasse, dass ich nicht die einzige bin, der so ständiges Schlechtreden auf den Zeiger geht!
    lg Tanja

  11. Ich finde die Diskussion sehr spannend! Bei uns hat sich das auch zum Negativen gewendet durch den Wechsel der Schulleitung, die nicht mehr so fürsorglich ist. Diese Funktion darf man, glaube ich, nicht unterschätzen.

  12. Ja, was Tammi da schreibt, das glaube ich auch, eine gute Schulleitung ist für das Schulklima unheimlich wichtig. Gottlob ist unsere toll (aber leider schon recht alt, d.h. es steht bei uns auch bald ein Wechsel an 😱)
    Liebe Grüße
    EmmA

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