Das Leben der Anderen

Als ich heute von der Schule nach Hause komme, finde ich einen unerwarteten Brief vor. Der Absender, ein Herr Hans-Günther Schimmelpfennig aus Gelsenkirchen, ist mir unbekannt. Neben dem heute nicht mehr so geläufigen Vornamen lässt auch die sorgfältige und doch leicht knitterige Schrift auf einen älteren Verfasser schließen.

Neugierig öffne ich den Umschlag und lese folgende Zeilen:

„Sehr geehrte Frau Weh,

rein per Zufall bin ich auf eine Seite im Internet gestoßen, die mich neugierig gemacht hat. Ist das die Frau Weh, die ich kenne?

In einem Artikel vom 05.04.2007 ist dort zu lesen, dass ein „Kulturkreis geselligen Miteinanders und Austauschs“ sein 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Dazu ein Foto: Die 1. Vorsitzende, Frau Weh, inmitten weiterer Vereinsmitglieder. Die Dame könnte vom Aussehen her die Frau Weh sein, die ich kenne.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihre Adresse herausgesucht habe, aber sind Sie es vielleicht? Ich weiß, dass die Eheleute Weh damals einen Umzug angestrebt haben. Erinnern Sie sich an vielleicht an die Familien Schimmelpfennig-Werner aus Gelsenkirchen? Wenn dem so wäre, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich melden würden.

Mit freundlichen Grüßen

Hans-G. Schimmelpfennig“

Als ich das entsprechende Foto im Internet aufrufe, muss ich lächeln. Da sitzt in einer kleinen Gruppe Menschen, die sich um sie gruppiert haben, tatsächlich eine ältere Dame, schick frisiert und verschmitzt lächelnd. Klein und zierlich ist sie, das kann ich erkennen. Gekleidet ist sie stilvoll mit Strickjäckchen in keckem Pink zum adretten Rock, was sofort ein anerkennendes Lächeln bei mir aufziehen lässt. Die Dame scheint mit sich selbst und der Welt recht zufrieden zu sein. Ja, denke ich, das könnte ich in 35 Jahren tatsächlich sein. Beziehungsweise, berichtige ich mich, wäre es nicht schön, so zu werden?

In welcher Beziehung steht Hans-G. Schimmelpfennig, den ich im Kopf sofort noch um ein paar Jahre älter mache, wohl zu ihr? Er siezt sie, ein Paar können sie wohl nicht gewesen sein. Oder – Moment! – er spricht vom Ehepaar Weh, hat er sich vielleicht aus der Ferne nach ihr gesehnt? Waren Sie vielleicht Nachbarskinder und haben sich aus den Augen verloren? Den Artikel, den er zitiert, ist 10 Jahre alt. Wie lange mögen sich beide nicht mehr gesprochen haben? 20 Jahre? Oder 40? Ein ganzes halbes Leben mag vorbeigezogen sein. Möglicherweise ist dies seine Art der Rückschau, die Herrn Schimmelpfennig dazu bewogen hat, mir einen Brief zu schreiben, getragen von der Hoffnung, ich sei diejenige, welche. Ich stelle mir ihn vor, wie er auf Antwort wartet, vielleicht ist er aufgeregt, ungeduldig oder erwartungsvoll. Aber vielleicht mischt sich auch ein kleines bisschen Traurigkeit in sein Warten. 10 Jahre sind eine so lange Zeit. Ob die andere Frau Weh noch lebt? Wird Herr Schimmelpfennig sie finden? Wen werde ich am Ende meines Lebens vermissen, suchen, wessen Verlust vielleicht beweinen? Weder Frau Weh noch Herrn Schimmelpfennig kenne ich und trotzdem verspüre ich an diesem Mittag ganz unvermittelt Wehmut darüber, dass dieser Brief an mich nicht das Ende einer Suche ist, die so viel Zeit wohl nicht mehr erwarten kann. Es ist der Gedanke an die Vergänglichkeit, der mit diesen Zeilen zum Klingen gebracht wurde. Mir kommt die Aschermittwochsliturgie in den Sinn: Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris. Die Zeit, die wir haben, ist ein Geschenk. Und sie ist endlich.

Als ich den Brief erneut zur Hand nehme, muss ich nicht überlegen, bevor ich zum Telefon greife und die sorgfältig notierte Nummer wähle. Nach dreimaligen Klingeln meldet sich eine warme, ältere Stimme.

„Guten Tag, Herr Schimmelpfennig. Mein Name ist Frau Weh, ich habe einen Brief von Ihnen erhalten …“

 

P.S. Vielen Dank für die vielen netten Worte zur Begrüßung in diesen Tagen! Ich habe mich über jedes einzelne gefreut!

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4 Kommentare zu „Das Leben der Anderen

  1. Liebe Frau Weh,
    ich bin sooo froh, dass du wieder da bist! Ich habe dich und deine Sicht der Dinge wirklich schmerzlich vermisst. Obwohl – es kommt mir ganz furchtbar vor, dass du im Abstellraum frühstücken… also nee! Ich würde dich gerne in unser Kollegium einladen, das scheint im Ruhrgebiet gar nicht so weit von dir weg zu sein. Wir haben auch Stress und Kranke und Einschulungsgedöns, aber wirklich liebenswerte KollegInnen, die in jeder Pause etwas zu lachen haben (und manchmal auch eben nicht, aber man geht stets getröstet aus der Pause). Ich wünsche dir kein Leben im Abstellraum…
    Liebe Grüße!

  2. Liebe Frau Weh, dieser Beitrag bewegt mich vom Inhalt und der sprachlichen Finesse dazu, augenblicklich das Internet herunterzufahren – nicht mehr „auf der Suche“ zu sein – und mich sofort den Menschen meiner direkten Umgebung zuzuwenden. Solche Essays liest man ab und an von namhaften Schriftstellern – mögen Ihre zukünftig auch in gebundener Form auf Papier erscheinen!

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