Flashmob, Teil 1

„Ihr seid wirklich ziemlich langweilig geworden!“, meine ich mit einem nicht unzufriedenen Seufzer, während ich die seit einer geraumen Weile still vor sich hinarbeitenden Viertklässler beobachte. Gestern, ja, da hatte ich zwei Stunden Vertretung im ersten Schuljahr, da ging noch was, da flogen Emotionen und Hausschuhe durch den Raum! Aber hier? Hach, sie werden einfach so schnell groß!

Erwartungsgemäß empört sich die Klasse umgehend (Das ist allein Ihre Schuld, Frau Weh! Sie sind auch nicht mehr so spannend, Frau Weh! Da sehen Sie, was Sie aus uns gemacht haben!), was mich durchaus freut, regt es doch eine sofortige Diskussion darüber an, was getan werden könne (nein, müsse!), um diesen unhaltbaren Zustand zu ändern. Ich mag sie ja sehr, diese Klasse. (Natürlich mag ich jede meiner Klassen. Anders wäre ja auch schön dumm, wenn man so viel Zeit miteinander verbringt!) Aber diese Kinder hier haben genau die richtige Mischung aus Intelligenz* und Humor**, die ich so schätze.

Sehr selbstreflektiert*** für ihr Alter stellen sie nun fest, dass meine Aussage unverschämt gewesen sei, weswegen ich mich am kommenden Freitag auch im Klassenrat zu verantworten habe, aber dennoch ein Fünkchen Wahrheit enthalte. Sie wären nun halt die Großen, das brächte eine immense Verantwortung mit sich. Vorbild zu sein koste schließlich Kraft und Würde. Dennoch könnte man eventuell ein wenig Leben in die Bude bringen, damit die Kleinen sehen, dass Älterwerden nicht bedeutet, keinen Spaß mehr zu haben. Verschiedene Möglichkeiten fliegen durch den Raum, die meisten undurchführbar bis rahmensprengend, aber ganz ohne mein Zutun (ich habe 5 Minuten Redeverbot auferlegt bekommen, respektslosigkeitsbedingte Sofortmaßnahme genehmigt durch den Schnellausschuss der Klasse) kristallisiert sich die Idee eines Flashmobs heraus. Das wäre es doch! Sowas ist cool, außerdem könne man es filmen und ins Internet setzen, da sähen dann ALLE, dass unsere Klasse die beste überhaupt wäre. Ich darf wieder mitreden und teile meine Bedenken bezüglich der Filmerei mit. Die Flashmobidee aber finde ich gut und gebe als Hausaufgabe auf, den Plan zu konkretisieren.

„W-Fragen beantworten, Kinder! Werwaswannwowie!“, rufe ich ihnen noch hinterher, als sie ihre Sachen packen und aus dem Raum stürmen.

„Ist klar, Frau Weh!“, ranzt mich Can über die Schulter an. „Erst beleidigen und dann noch meinen, Weh-Fragen stellen zu dürfen, ist klar!“

Ich mag sie ja wirklich! 🙂

*Ergebnis harter Arbeit.

**Ergebnis noch härterer Arbeit.

***Ergebnis … ihr wisst schon.

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13 Kommentare zu „Flashmob, Teil 1

  1. Liebe Frau Weh,
    das klingt genial! Ich selbst habe gerade wieder eine 1. Klasse übernommen und wünsche mir an manchen Tagen die „Langeweile“ aus dem letzten Schuljahr der 4. Klasse zurück! Auch wenn die genannten Emotionen großartig sind und es nie langweilig wird, so kostet diese Arbeit auch Kraft. Ich schöpfe Hoffnung auf Humor und Selbstreflektion, die durch diese Kraft sicher wieder eintreten werden. Ist es nicht großartig zu sehen, wie diese Arbeit irgendwann belohnt wird?!
    Viel Spaß beim Tanzen!

  2. Haha – bloß nie zur Ruhe kommen lassen, die kleinen wilden Kröten. 😉 Das muss unfassbar schön sein, wenn man so tolle Leute heranwachsen sieht, ich bin ja schon bei unserem gerade frisch Siebenjährigen oft ganz verzückt von Schlagfertigkeit und Humor und sehr gespannt, was da noch kommt, und das ist nur einer, nicht gleich so ein ganzer Haufen.
    Ich hoffe, wir erfahren noch mehr über den rundum wehmäßig durchorganisierten Flashmob – herrliche Hausaufgabe! Ich mag das so, wenn Leute beruflich genau am richtigen Platz sind.

  3. Liebe Frau Weh,
    herrlich sind deine Texte 🙂 und wie sie mir diesen Montag versüßen!
    Ich mag meine 4er auch wahnsinnig gern und es macht einfach Freude, wenn sie aufgrund der über 4 Jahre erarbeiteten Intelligenz + Humor, die leichte Ironie in den eigenen Worten erkennen können und es ein gemeinsamer Spaß ist… 😉
    Viel Freude beim Flashmob,
    herzliche Grüße, Fanny

  4. Liebe Frau Weh, was freue ich mich, dass du wieder da bist! Naja, offensichtlich sogar schon eine ganze Weile, für mich aber bis jetzt ganz unbemerkt. Ganz schnell habe ich mich eben mal durch alle Texte seit der wohlverdienten Pause gelesen – und mich königlich amüsiert. Du hast mir tatsächlich gefehlt! Allerallermeistens bekomme ich den zugewandten, humorvollen Blick auf die Schüler und das Schulleben ansich auch hin und auch die Aufmerksamkeit für meine Familie und mich – und wenn es jetzt mal wieder kurz nicht so klappt (kommt ja schon auch mal vor 🙃) kann ich bei dir wieder nachlesen, wie‘s geht! Wie schön ist das denn?!

  5. …habe den Text gerade mit Genuss (und ein wenig Neid) gelesen.
    Komme gerade aus der Schule und habe noch ganz müde Ohren von dem Lernlärm, der in Klasse 1 immer wieder entsteht.
    Es wird, aber noch dauert es.
    Liebe Grüße
    Emma

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