Sabbatical

Alles hat seine Zeit und nun gilt es ein bisschen Ruhe einkehren zu lassen.

Weniger im wahren Leben, denn wie wollte und sollte dies auch gehen? Online hingegen lässt sich ein Stecker ziehen und genau dies werde ich aus Gründen für eine ganze Weile tun. (Nein, bitte, besorgt sollte niemand sein, allen Wehs geht es gut!)

Es war mir Freude und Herzensangelegenheit euch in den letzten sechs Jahren mit mir im Klassenraum oder Lehrerzimmer zu wissen. Ich danke sehr für die immer wohlwollende Teilnahme an meinen Schilderungen, für weggeblinzelte Tränchen oder Heiterkeitsstürme, für freundliche oder kritische Kommentare, für E-Mails oder verschickte Nettigkeiten. Je mehr Netzerfahrung ich vorweise, um so sicherer bin ich mir: Das hier war alles richtig gut! Es ist (leider) nicht selbstverständlich, dass der Umgangston auf einem Blog mit dieser Reichweite stets so freundlich, respektvoll und humorvoll bleibt. Auch dafür möchte ich gerne danke sagen.

Aber ich möchte mehr um andere Dinge kreisen, nicht immer um Schule. Vielleicht werde ich an anderer, privaterer Stelle weiterschreiben, wer weiß, vielleicht gebe ich dann Nachricht, zunächst aber mache ich Ferien! Große Ferien! 🙂

Euch allen wünsche ich eine gute Zeit, viel Freude und immer einen Schokokeks zur Hand, wenn ihr einen braucht.

Herzlichst

Frau Weh ♥

 

Jammer, jammer, jammer

Es ist Montag und ich überlege, ob nun der Moment gekommen ist, an dem mich das Schulleben so kleinkriegt, dass ich hinschmeißen möchte, um – beispielsweise – Museumspädagogin, Vollzeitmutter oder Straßenmusikerin zu werden.

Glücklicherweise frage ich mich das in einer so zuverlässigen Regelmäßigkeit, dass ich aufgrund überstandener, vergangener Zweifel mit Fug und Recht behaupten kann, dass dem nicht so ist. Stattdessen handelt es sich meist um eine Art zyklisch wiederkehrender Unausgeglichenheit zwischen Ansprüchen (extrinsisch) und Idealvorstellungen (intrinsisch). Meist werden diese bedingt durch Schwankungen in der weiteren Lehrumgebung: Dies kann z.B. ein Wasserschaden im Klassenraum, ein krankheitsbedingt fehlender Hausmeister, aber auch eine arg fordernde Schulleitung oder helikopterisierende Elternteile sein.

Dieses Mal sind es einige Kolleginnen.

Das so unverblümt zu schreiben, kostet mich bereits Überwindung und fühlt sich ein bisschen an wie Nestbeschmutzen. Aber sollte ein Kollegium nicht eine Niederlassung des Miteinanders sein? Das Lehrerzimmer ein Ort der offenen Tür und des offenen Ohrs? So ist es zumindest in meiner (zugegeben) idealisierten Vorstellung. Sehr gerne dürfen dort politisch inkorrekte Witze erzählt oder gelegentlich mit Kopf und Faust auf den Tisch gehauen werden. Wünschenswerterweise liegt Schokolade auf dem Tisch. Oder wenigstens etwas angeditschtes Obst. Es darf über überzogene Ansprüche und realitätsferne Schulpolitik hergezogen werden. Über fehlende Ausstattung, mangelnde Unterstützung oder marode Klassenräume. Was aber gar nicht geht, ist das ständige Gejammer über Schüler und Eltern. Nee, echt jetzt!

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, auch ich habe in dieser Semi-Öffentlichkeit Jason Jayden aus der 4b schon einen kleinen Seuchenvogel und MamaHelene aus der 1a ein elterliches Breitbanddesaster genannt. Meist verbunden mit theatralischem Augenaufschlag und raumgreifender Geste. Aber doch nicht immer! Täglich! In jeder Pause! Und doch ist es das Thema in unserem Lehrerzimmer. Der hat, die hat und dann wollen die Eltern auch noch einen Gesprächstermin! Einen GESPRÄCHSTERMIN! Mittendrin im Schuljahr! Hat man sowas schon gehört?

Ich möchte den Kolleginnen zurufen, sie mögen auf der Stelle das Jammern sein lassen und ihr Augenmerk auf all die schönen Momente und die Privilegien dieses Berufs werfen. Auf die vielfältigen Möglichkeiten zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Auf die Sicherheit unserer Arbeit und die Freiräume, die wir vielfach so füllen können, wie wir es selber für richtig halten. Aber ich lasse es sein, denn ich kenne ja auch die Gegenseite: die Einschränkungen, den schier unendlichen Papierkram, die Anspannung, die Überforderung. Manchmal werden diese eben zu groß, um noch objektiv argumentieren zu können. Stattdessen erwische ich mich dabei, dass ich freiwillig zusätzliche Aufsichten für angeschlagene Kolleginnen übernehme. Nicht, dass der Schulhof eine konfliktärmere Zone wäre, nein …

… aber da kann ich so flauschige Ohrenschützer tragen.

 

 

Im Rückblick betrachtet

Während die Wintersonne vor dem Fenster für Tauwetter sorgt, herrscht am Schreibtisch Eiszeit: Die Zeugnisse müssen geschrieben werden. Und obgleich ich einen guten Zeitplan habe, mangelt es mir dennoch an Einstiegsmotivation. Da kommt mir der Jahresrückblick meiner lieben Freundin Frau Hattifnatte sehr gelegen, den ich umgehend kopieren und ausfüllen werde, um Finger und Denkvermögen wieder ans Laufen zu bringen nach den vergangenen Ferien- und Feiertagen.

Zugenommen oder abgenommen?

Ich bin sehr für Ausgewogenheit, daher habe ich im vergangenen Jahr beides einmal ausprobiert. Unterm Strich starte ich dieses Jahr mit einem Kilo weniger als das letzte. Was bedeutet, dass ich in … Moment … 10 Jahren an Untergewicht leiden werde. Auf den Schreck pflücke ich mir einen Schokokringel vom Baum.

Haare länger oder kürzer?

Kürzer. Das minimiert nicht nur den morgendlichen Aufwand um einiges, sondern lenkt den Fokus so schön auf die Lachfältchen um die Augen. Ich mag ja sowas.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Mal so, mal so. Mehr ausgegeben für die Wehwehchen (Kinder sind wirklich ein teures Hobby!), dafür im Rahmen meines Clean teaching-Versuchs deutlich weniger für Unterrichtskram.

Mehr bewegt oder weniger?

Mich persönlich hat einiges bewegt. Ich mich selber allerdings ein bisschen zu wenig, was mir mein Rücken übel genommen hat. Daraufhin habe ich eine mehrwöchige Beziehung zu einem Physiotherapeuten aufgenommen, in der viel geflucht (still) und gelitten (lautstark) wurde. Jetzt ist alles gut und ich beginne und beende den Tag wieder diszipliniert auf einer Turnmatte. Selbstverständlich würde ich jetzt gerne schreiben, dass es sich um eine Yogamatte handelt und ich selber gelassen und gutaussehend darauf das Kamasutra ABC nachturne, dem ist aber nicht so. Ich zeigte es ja bereits an anderer Stelle:

warme SockenDer hirnrissigste Plan?

Knappe vier Wochen nach dem Erlernen eines neuen Instruments einen öffentlichen Auftritt der Drittklässler mit selbigem zu begleiten. Aber sagen wir so, alle hatten ihren Spaß.

Die gefährlichste Unternehmung?

Definitiv der Mutter-Sohn-Tanz auf dem Abschlussball des großen Wehwehchens. Da war Adrenalin im Spiel!

Die teuerste Anschaffung?

Ein … hüstelhüstel … Küchengerät der oberen Preisliga.

Das leckerste Essen?

Oh, ich mochte viel in diesem Jahr. Die große Neuentdeckung ist selbstgemachtes Kimchi nach diesem Rezept. Das klappt super! Ansonsten bleibe ich unserer unaufgeregten Alltagsküche treu, die sich zwischen dem saisonalen Angebot unseres Gemüseabos und Rezepten wie diesen eingependelt hat. Fleisch und Fisch gibt es auch hin und wieder und am Wochenende kommt nach wie vor Kuchen auf den Tisch.

Das beeindruckendste Buch?

Viel Freude bereitete mir der Leitfaden für faule Eltern von Tom Hodgkinson. Ich habe bereits andere Bücher von ihm gelesen und muss sagen, sie gefallen mir ausgesprochen gut, auch oder gerade weil ich so oft anderer Meinung bin. Irgendetwas finde ich immer darin.

Der ergreifendste Film?

Dieses Jahr war ein Serienjahr. Mit Herrn Weh (und nur mit ihm, ganz bestimmt niemals alleine!) bin ich bei The Walking Dead unterwegs. Als Ausgleich schaue ich allein (und nur allein, ganz bestimmt niemals mit Herrn Weh!) Call The Midwife, eine ans Herz gehende Serie über Hebammen im Londoner East End der ausgehenden 50er Jahre. Sehr viel Spaß hatte ich bei Miss Fishers mysteriösen Mordfällen und Life in Pieces. Außerdem habe ich mich mit der sechsten Staffel von Downton Abbey verabschiedet und mir das Netflix-Revival der Gilmore Girls zu Gemüte geführt. Ersteres war stimmig, letzteres nicht so.

Die beste CD?

Ich schwanke. Ganz wunderbar finde ich Herrn Wehs Weihnachtsgeschenk, den ersten Soundtrack zu Miss Fishers mysteriösen Mordfällen. Hier einmal zum Reinschnuppern:

Aber auch Götz Alsmann hat mich in den letzten Wochen ziemlich erfreut:

Ich höre sowas ja furchtbar gerne und bekomme sofort gute Laune. Ansonsten habe ich in diesem Jahr wenig Musik gekauft, aber erfreulicherweise sehr viel selber musiziert. War gut!

Die meiste Zeit verbracht mit …?

Arbeit und Familie. So wie die letzten Jahre und vermutlich auch die kommenden.

Die schönste Zeit verbracht mit …?

Klingt es sehr schlimm, wenn ich „mit mir selber“ schreibe? Ich habe mir dieses Jahr bewusst kleine Ruheinseln eingebaut, um mal wieder in mich hineinzuhören, ob noch alles übereinander passt oder ob da Dinge sind, die geändert werden sollten. Das war anfangs befremdlich, wurde aber immer einfacher. Tatsächlich kann ich mich immer noch ziemlich gut leiden.

Vorherrschendes Gefühl 2016?

Alles fließt.

2016 zum ersten Mal getan?

Sauerkraut hergestellt. Eine Whatsapp geschickt. Mit meinem großen Sohn getanzt. Physiotherapie gehabt. In Weimar gewesen*. Auf einer Slackline balanciert.

*Das stimmt eigentlich nicht. Aber ich kann mich kaum ans erste Mal erinnern.

2016 nach langer Zeit wieder getan?

Delfine gesehen.

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Die Rückengeschichte. Langwierig und schmerzhaft.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Briefe an meine Eltern zu Weihnachten. Das tat gut.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Unerwartet warmherzige und wertschätzende Rückmeldungen von Seiten der Drittklässlereltern in einer schweren Situation.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

„Du bist als Mutter schon ziemlich gut.“

2016 war mit einem Wort …?

lehrreich

So, wunderbar, jetzt kann ich ganz unbeschwert an die Zeugnisse gehen! Oder mir zumindest schon einmal einen Tee kochen. Möglicherweise sauge ich aber auch noch ganz fix mein Arbeitszimmer und lüfte anschließend gut durch. Man weiß ja, wie wichtig das mit dem Sauerstoff ist! Eventuell sollte ich aber doch noch ein paar Vorsätze für das neue Jahr verschriftlichen. Nicht viele, nur so ein, zwei Dinge? Tu ich das jetzt nicht, dann tu ich es nie, ich kenne mich doch! Und ganz sicher findet sich jemand, der sich viel lieber mit meinen Vorsätzen als mit den eigenen Zeugnissen beschäftigen würde. Oder?

Wichtelweh

Es wichtelt und adventelt kräftig bei den Drittklässlern. Da werden heimlich Plätzchen, Schokolädchen oder Zettelchen unter Schultische, in Ranzen oder Jackentaschen geschmuggelt. Auf beiden Seiten ist die Freude groß, wenn solch eine kleine Überraschung gelingt, wobei sich die Schenkenden ein wenig leiser freuen (müssen) als die so Bedachten, um sich nicht vor der Zeit zu verraten. Auch ich werde nicht vergessen und so lese ich

„Heute war dein Unterricht sehr interessant!“

oder

„Sie sehen gut erholt aus!“

(Selbstredend freue ich mich laut über all diese schriftlichen Nettigkeiten ohne zu verraten, dass ich den Schreiber längst anhand des etwas schief gesetzten „t“ erkannt habe.)

Advent ist einfach eine schöne Zeit. Doch auch in den stimmungsvollsten Wochen des Jahres lauern überall auf Klinken und Oberflächen gemeine Viren, um es sich auf Schleimhäuten oder Bronchien so richtig gemütlich zu machen. Von fiesen Tröpfcheninfektionen mal ganz abgesehen. Und so streckte es letzte Woche Cem danieder, der dadurch einiges an Unterrichtsinhalten verpasst hat, heute aber nach ein paar Tagen Sofa-und-TV-Therapie endlich wieder dem Unterricht beiwohnen kann. Fröhlich taucht er ins morgendliche Gewusel und stürzt mit einem kleinen Entzückensschrei zu seinem Platz.

„Cüs, da liegt voll viel Gewichtels auf meinem Platz! Krass!“

„Oh … welcher Wichtel legt mir denn Arbeitsblätter dahin!? Voll doof!“

„Sind Sie etwa mein Wichtel, Frau Weh?“

Tut mir leid, Cem!

 

gesagt, getan

Eine Idee, ein Ergebnis, wochenends und in loser Reihenfolge:

KopiererGestern habe ich Anweisungen befolgt, die so bestechend klar waren, dass ich mir ein solches Menü spontan für manche Lebenslagen gewünscht habe.

Ich meine, wie schön wäre es, wenn sich an einem Punkt voller Zweifel und Fragen plötzlich ein Fenster öffnen würde, auf dem stünde:

Um fortzufahren auf FORTFAHREN drücken.

Mir fallen spontan einige Erweiterungen ein:

Um klarzusehen auf KLARSEHEN drücken.

Um mutzufassen auf MUTFASSEN drücken.

Um verzeihenzukönnen auf VERZEIHENKÖNNEN drücken.

Um durchzuatmen auf DURCHATMEN drücken.

Möglichkeiten über Möglichkeiten!

Euch wünsche ich einen schönen und ruhigen zweiten Advent (in diesem Moment höre ich – wie passend – die Wehwehchen streiten) und genau dieses Menü der Möglichkeiten! Was wären eure Anweisungen?

 

Was auf die Löffel

Aus Gründen kommt es nicht allzu häufig vor, dass hier reale Post an Frau Weh eingeht. Manchmal aber gelangt dennoch die ein oder andere Nettigkeit über diverse Umwege auf meinen Schreibtisch. Wenn so etwas nach einem besonders anstrengenden Tag mit krankheitsbedingter doppelter Klassenführung geschieht, dann soll das wohl so sein und führt zu besonderer Freude:

Post 20161125_141735Sissi hat mir eins auf die Löffel gegeben und der Gesichtsausdruck von Klein Mü spiegelt exakt meine Verzückung darüber wider.

Liebe Sissi, ich danke dir sehr für die kleine Adventsfreude, die du mir bereitet hast, dein Timing war PER-FEKT!

gesagt, getan

Eine Idee, ein Ergebnis, wochenends und in loser Reihenfolge:

Sterne

Mit dem Miniweh Sterne gebastelt. Viele Sterne. Sehr viele Sterne.

Dieses Jahr war eines, in dem sich viel getan hat. In dem vieles in mir gearbeitet hat und in dem ich an mir gearbeitet habe. Ein Jahr mit Tiefen und Untiefen. Und es war so gut! Befreiend, klärend und wohlwollend. Ein Jahr, das mir wie noch keines zuvor bewusst gemacht hat, wie dankbar ich sein kann und wie dankbar ich tatsächlich bin. Für gesunde, glückliche Kinder, für Familie und Freunde und für den einen, besonderen Freund an meiner Seite, der stark ist, wenn ich es einmal nicht bin, und dessen Liebe sich anfühlt wie nach Hause zu kommen.

Manchmal flutet die Dankbarkeit mein Herz und ich bin ihr völlig ergeben.

Mich auf dieses Gefühl zu besinnen und auf die Fülle, aus der es gespeist wird, ist es, was ich mir für den Advent vornehme. Ich möchte es nicht begraben unter perfekter Weihnachtsdeko und instagramglatter Perfektion. Dieses Jahr sind unsere Sterne ein bisschen schief und unsere Weihnachtskekse … naja, Kekse halt.

Es war ein Stall, in dem es seinen Anfang nahm.

Ich wünsche euch einen schönen und besinnlichen Advent. Habt es gut!

Frau Weh