erstklassig

Schreiben ist eben doch eine nützliche Kulturtechnik:

Erstes Schuljahr

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Viel Lärm um nichts

„Frau Weh, da liegt ein Embryo auf der Treppe!“

Süffisant ginsend steckt Benedikt aus der Vierten seinen Kopf in meine Klasse.

„Ist nicht meiner. Heb‘ ihn auf und nimm ihn mit!“, antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. Die Hebamme ist zu Besuch im vierten Schuljahr und lädt gerade ihr Auto aus. Außerdem habe ich genug mit den zerknirschten Übeltätern zu tun, die vor mir stehen. Traf mich doch fast der Schlag, als ich am Morgen einen Blick auf die Tafel warf und dort acht Namen vorfand. Alles Erstklässler, die sich gestern in Englisch offenbar deutlich daneben benommen und infolgedessen bei mir eine Unterschrift abzuholen haben.

„Was denkt ihr euch denn eigentlich dabei?“, will ich wissen und frage nach dem Grund der Sanktion.

„Also ich hab eigentlich gar nichts gemacht!“, empört sich Nick. „Ich hab nur dem Ole den Kopf gestreichelt.“

„Ja und ich wollte das nicht!“, unterbricht ihn Ole augenblicklich.

„Und dann?“, hake ich nach.

„Dann ist der Nick vom Stuhl gefallen.“

„Ja, nachdem DU mich runtergeschubst hast!“

„Ok. Die nächsten.“

Filiz schaut arglos die Klassenzimmerdecke an. „Ich weiß gar nicht, warum die Frau Rimsky-Korsakov immer so laut ist. Ich hab ü-ber-haupt nichts gemacht. Ehrlich, Frau Weh!“ Sie senkt den Blick aus kullerbraunen Augen von der Decke und sieht äußerst überzeugend drein. Verdächtig! Ich schaue auf den Zettel, den die Kollegin gestern in Rage auf meinem Schreibtisch hinterlassen hat.

„Da steht, du wärst auf Toilette gegangen und nicht wiedergekommen, weil du auf dem Flur Topmodel gespielt hast.“

„Ja, aber ich hab nicht gestört!“

„Du hattest das Relibuch dabei und hast laut gesungen. Warum denn überhaupt das Relibuch?“, frage ich irritiert. Es war doch Englisch dran.

Gott mag Kinder, das hab ich gesungen. Und das Relibuch geht viel besser auf dem Kopf, weil das Englischbuch ist so wabbelig.“

Filiz schüttelt sich bekräftigend.

„Und das Buch ist nicht runtergefallen von meinem Kopf. Ich kann das voll gut!“

„Die Filiz kann das echt voll gut“, mischt sich Leonie ein. „Ich hab das gesehen.“

„Stimmt“, antworte ich und lese auf dem Zettel nach, „du warst ja dabei und bist auch nicht mehr in die Klasse gegangen.“

„Ist aber auch langweilig in Reli!“

„Ich dachte, ihr hattet Englisch?“

„Ach ja, stimmt. Ist trotzdem langweilig.“

Alle nicken. Ich hebe ablehnend die Hand. „Danke, reicht.“

„Die Frau Rimsky-Korsakov ist immer so laut, das tut in den Ohren weh!“, mault Michelle.

„Und deswegen hast du was gemacht?“, frage ich. Diese Stelle auf dem Zettel kann ich nicht gut lesen.

„Ich habe mir nur den Kopfhörer vom Computer geholt und angezogen, als die so gebrüllt hat wegen dem Noah.“, entgegnet Michelle trotzig und schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, ihr zu erklären, warum ein solches Verhalten in bestimmten Situationen als frech eingestuft wird und wende mich Noah zu.

„Und was machst du eigentlich an der Tafel?“

Noah ist ein wahres Herzchen und musste ein ganzes Schuljahr lang nicht an eine einzige Regel erinnert werden. Umso erstaunter war ich darüber, auch seinen Namen vorzufinden. Es ist ihm unangenehm und er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. Ein wenig sieht er nun aus wie eine kleine, verschreckte Schildkröte.

„Na, komm“, sage ich in sanfterem Ton, „ich möchte es einfach verstehen.“

„Ich habe meinen Strohhalm aus der Kakaoflasche gezogen. Das sollen wir ja machen …“

„Jaaaa?“, ermuntere ich ihn zum Weitersprechen.

Er atmet tief ein, um sich für den letzten Teil der Beichte zu wappnen.

„Aber ich hab das auf meinem Platz gemacht und dann ist der Kakao gespritzt. Auf die Paula. Und auf Paulas Heft.“

Die anderen Erstklässler ergänzen eifrig:

„Und auf den Ranzen!“

„Und auf den Boden!“

„Und auf Frau Rimsky-Korsakov!“

Auf Frau Rimsky-Korsakov? Was zum …?

„Wieso das denn?“

„Na die war grad bei mir, weil ich mich doch ganz aus Versehen mit meinen Schuhen am Stuhl festgehakt habe!“, ergänzt Paula missbilligend, weil ich die offensichtlichen Zusammenhänge einfach nicht verstehen will.

Ich seufze. Nahezu bildhaft kann ich mir den Ablauf der Stunde vorstellen und mein Verständnis für die Kollegin wächst und wächst. Fachunterricht bei den Erstklässlern so kurz vor den Ferien ist nicht unbedingt die reine Freude.

„Aber warum ist die Frau Rimsky-Korsakov auch immer so streng mit uns?“, wundert sich Ole. „Wir machen doch gar nix!“

Ich erkläre den Erstklässlern, dass Unterrichten anstrengend ist. Gerade, wenn man eine Klasse nur selten sieht. Dass man als Lehrerin manchmal das Gefühl hat platzen zu müssen, wenn wieder eine Störung kommt. Und noch eine und noch eine. Besonders so kurz vor den Ferien.

„Also mein Papa sagt ja, dass Lehrer viel zu viele Ferien haben!“, gibt Nick zu bedenken.

„Warum hast du so viele Ferien, Frau Weh?“

„Damit ich nicht platzen muss.“

Wider die Langeweile!

„Und wann gibt es mal richtigen Unterricht?“, fragt die Schülerpraktikantin mit nur mühsam unterdrückter Schwunglosigkeit.

Ich blicke von dem Stapel Mathehefte auf, den ich gerade durchsehe, und schaue mich in der Klasse um. Die Erstklässler ergießen sich über Stühle, Bänke und den Boden. Einige sitzen im Flur oder im Treppenhaus und schaffen ordentlich was weg. Wir sind bei Countdown 6 vor den Ferien angelangt und die Tatsache, dass ich zu meinen eigenen drölfzilliarden Schülern noch eine gelangweilte Sechzehnjährige auf’s Auge gedrückt bekommen habe, um die ich mich kümmern muss, erfüllt mich nicht unbedingt mit innerlichem Halleluja. Allerdings komme ich nicht umhin, dem benachbarten Gymnasium für die hervorragende Zeitplanung Respekt zu zollen. Was für eine geschickte Idee, die gesamte Stufe 11 in den letzten zwei Schuljahreswochen ins Praktikum zu schicken. Da läuft ja eh nix mehr, oder wie war die landläufige Meinung dazu?

Hier läuft allerdings noch eine ganze Menge. Allein, man sieht es nicht auf den ersten Blick. Die Erstklässler (zumindest die meisten) arbeiten nämlich selbstständig so vor sich hin. Mit unserem Stoff sind wir durch, jetzt wird nur noch vertieft und – ja, ich gebe es zu – weggearbeitet, was ich im Überschwang zu viel kopiert habe, derweil ich akribisch jedes Arbeitsheft noch einmal auf eventuelle Lücken durchgehe. Hier kommt nichts weg!

Aber Madämchen würde gerne richtigen Unterricht sehen. Dass ich es überhaupt zulasse, mich darüber zu ärgern, zeigt, dass auch ich ganz langsam ferienreif werde. (Schon seit Tagen läuft in meinem Kopf übrigens I’m Going Slightly Mad in Endlosschleife. Muss ich mehr dazu sagen?) Dabei ist das nicht nur unreif von mir, sondern auch ungerecht. Man überlege kurz einmal, wie man selber so war mit 16 … ähm, genau. Das war das Alter, in welchem man bei morgendlichen Schwindel nicht dachte Uh, ist mir schwindlig!, sondern Hui, alles dreht sich um mich! Das muss so, das soll so sein, Beschwerden bitte ans Kleinhirn, Abteilung Entwicklung, danke. Also jetzt Unterricht. Na gut.

„So, ihr Lieben, alle mal in den Kreis kommen!“

Je nach Verfassung und Gemütszustand schlurfen oder stürzen sich die Erstklässler in die Raummitte, balgen sich kurz um die besten Plätze (direkt neben mir oder aber ganz weit weg) und harren erwartungsvoll der Dinge. Lediglich Ramon fällt fröhlich hintenüber von der Bank, was niemand weiter kommentiert und mit einem Kühlpack schnell behoben wird. Ich frage in die Runde, wer sich womit beschäftigt hat und ob jemand seine Arbeit an der Tafel vorstellen möchte. Dilara, Filiz und Merve melden sich als erste und dürfen nach vorne. Kurz bilden sie ein aufgeregt flüsterndes Grüppchen, nicken dann und schauen erwartungsvoll zu uns herüber.

„Wir haben was mit ganz schwierigen Wörtern gemacht“, erzählt Merve, „und das machen wir jetzt auch mit euch.“

Filiz hüpft ein wenig auf der Stelle – es ist so aufregend an der Tafel! – und zeichnet dann hochkonzentriert sechs Striche.

„Galgenmännchen!“

jubeln die Erstklässler und freuen sich des Lebens. Noch einmal so begeisterungsfähig sein wie mit sieben Jahren! Es wird gerätselt und geraten, ausprobiert und buchstabiert bis das korrekte Lösungswort endlich an der Tafel erscheint. (Es war übrigens Ananas. Ich wünsche mir auch bald mal wieder eine. Am liebsten in weißem Rum badend und mit Schirmchen.) Tosender Applaus kommt auf, verbunden mit dem unweigerlichen Geschrei, das immer dann ertönt, wenn es um die Auswahl einer Nachfolge geht. Doch Filiz lässt sich nicht erweichen und spricht mit unerschütterlicher Miene die einzig wahren Worte:

„Ich nehme das allerleiseste Kind dran!“

Wen wundert es da, dass die Wahl auf die phlegmatische Schülerpraktikantin fällt? Überrascht, aber erfreut, tritt diese auch sogleich zur Tafel, überlegt kurz und zieht ihre Striche. Es sind 20. Die Erstklässer staunen und ich bemerke, wie manch kleiner Kosmos ins Wanken gerät.

„Gibt es so lange Wörter?“, haucht Finja beeindruckt und ich sehe, wie die Praktikantin ein Stückchen größer wird.

„Oh ja!“, sagt sie, „Und noch viel längere. Aber die müsst ihr erst noch alle lernen.“

In den kommenden Minuten haben alle Spaß. Die Praktikantin, weil sie merkt, wie toll Nicht-Unterricht sein kann, die Erstklässler, weil sie sich für Kniffligkeiten begeistern können und ich, weil ich mich darüber freue, dass die Buchstabenkombination E-R-N-S-T-L auch 13 Jahre nach dem letzten Dreh des Glücksrads noch funktioniert.

S _ _ _ E R _ E R _ E N    S _ N _    T _ L L

Obwohl die Praktikantin am Ende gleich von mehreren Schülern dafür gerügt wird, dass das ja gar nicht ein Wort, sondern drei sind, strahlt sie noch am Ende des Vormittages und bedankt sich artig für den schönen Tag. Allerdings kann ich ihr gar nicht richtig antworten.

In mir singt es so laut.

I think I’m a banana tree
Oh dear, I’m going slightly mad
I’m going slightly mad
It finally happened, happened
It finally happened uh huh
It finally happened I’m slightly mad – oh dear!

Alles auf Anfang

Ich würde gerne schreiben, dass alles klappt.

Schreiben, dass alles kein Problem ist und Ramon in mir die verständnisvolle Lehrerpersönlichkeit gefunden hat, die er offensichtlich all die Zeit gesucht hat. Dass wir uns in die Augen geblickt haben voller gegenseitiger Wertschätzung und Wärme und wie durch Zauberhand ein ganz neues Kind unsrer Mitte entschlüpfte wie der bunte Schmetterling dem hässlichen Kokon. Aber der Schulalltag ist kein pädagogisches Wunschkonzert und grundlegende Metamorphosen daher eher selten. Tatsache ist: Ramon stört. Den Unterricht. Die Mitschüler. Mich.

Ich schrieb beim letzten Mal, dass ich mich nicht teilen kann. Jetzt weiß ich, dass ich das gar nicht muss, Ramon bündelt nämlich meine Aufmerksamkeit. Es ist ein wenig so, wie diese Szene im ersten Harry Potter Film: Hagrid ist mit dem kleinen Windelpuper Harry unterwegs durch die Lüfte und Professor Dumbledore trifft Vorbereitungen im Ligusterweg. Dazu zieht er so ein kleines Dings aus der Tasche, eine Art umgekehrtes Feuerzeug. Mit diesem Entleuchter zieht der Zaubermeister flupp flupp flupp das Licht aus den Straßenlaternen und hinterlässt nichts als nächtliches Dunkel. So geht es mir mit meinem schülerzentrierten Weitblick. Ramon schmeißt seine Sachen vom Tisch flupp! Ramon nennt Ole einen alten Wichserarschficker flupp! Ramon friemelt alle Tagestransparenzschilder von der Tafel uuuund … flupp!

Die anderen Erstklässler nutzen das so entstandene schwarze Loch und treiben allerlei Schabernack. Was Erstklässler eben so tun, wenn sie sich herrlich unbeobachtet fühlen. Sie krakeln auf den Tischen herum, halten ein Schwätzchen mit dem besten Freund (auch wenn er auf der anderen Seite des Klassenraumes sitzt) oder beschäftigen sich mit dem wahrhaft wichtigen Dingen des Lebens. Frühstück, Klogang, ein Nickerchen. Einige wenige machen mit bei diesen so herrlich aufregenden Störmöglichkeiten, die ihnen der neue Schüler präsentiert. Obwohl nein … eigentlich haben sie es nur einmal gemacht. Dann habe ich Ramon mit einem dringenden Auftrag zum Chef geschickt und ein ernstes Gespräch mit den Erstklässlern geführt. So eines von Kuchen zu Krümeln. Danach war Ruhe.

Es ist nicht so, dass Ramon und wir nur schlechte Momente hätten. Nein, es gibt auch die guten. Wenn er während der Freiarbeit ehrfürchtig über das Star Wars Lexikon streicht und fragt, ob er das jetzt wirklich lesen dürfe. Wenn er fragt, ob er am nächsten Tag eine Stunde länger bei uns bleiben könne. Wenn er auf seiner Verhaltensliste den vierten lachenden Smiley eingetragen bekommt und staunend erzählt, dass er so viele noch nie hintereinander hatte. Dann denke ich, dass wir vielleicht doch eine winzigkleine Chance haben, wenigstens den Hauch einer winzigkleinen Chance, das Atom eines Hauchs einer winzigkleinen Chance. Und dann tritt er in der Pause einem Zweitklässler mit voller Wucht gegen die Brust. Weil der ihn so angeguckt hat.

Und wir sitzen zusammen auf der Büßerbank und reflektieren. Und schweigen. Und wissen eigentlich doch beide nicht weiter. Nicht Ramon, weil er eben ein Kind ist mit einem gnadenlos vollgepackten Rucksack voller größerer und kleinerer Probleme. Und nicht ich, weil ich eben nur Frau Weh mit einem gnadenlos vollgepackten ersten Schuljahr bin und keine Sonderschullehrerin. Und wir schweigen und schweigen und schweigen. Bis Ramon leise fragt, ob er trotzdem bei uns bleiben dürfe. Aber er guckt mich nicht an dabei, denn Blickkontakt halten, das kann er nicht. Und ich schiebe ihm meine Hand hin und er greift sie. Denn irgendwas zum Festhalten braucht man eben manchmal.

Aber die wahrhaft Großen im Moment, die, die verzeihen und verstehen können, das sind die Erstklässler. Das ist Lilly, die dem verweigernden Ramon im Matheunterricht mit Engelsgeduld erklärt, dass auch er nun arbeiten müsse, denn schließlich machen das alle. Das ist Marc, der im Kreis sitzt und erklärt, dass es für Ramon ja auch viel schwerer wäre als für alle anderen. Schließlich müsse er jetzt auf einmal alle Regeln behalten, für die die Erstklässler immerhin fast ein ganzes Jahr Zeit hatten. Das ist die ganze Klasse, die Ramon nach der ersten gemeinsamen Woche die gereckten Daumen als Zeichen der Rückmeldung entgegenhält, woraufhin dieser rot anlaufend unter der Bank verschwindet. Es sind diese kleinen Momente, die hoffen lassen.

Und dennoch …

Ramon

„Alleine essen macht dick!“

Mit einem Lächeln setzt sich unsere Schulsozialarbeiterin neben mich an den großen Tisch im Lehrerzimmer.

„Ich wünschte, ich hätte mehr in Kalorien investiert.“, antworte ich und schiebe ihr eine Dose mit Kohlrabi und Möhrenschnitzen zu. „Das hilft nicht.“

Sie nimmt sich eine Möhre. „Das ist eben nicht so gelaufen, wie du wolltest.“

Sie fragt nicht, sie stellt fest. Ich nicke. Eigentlich bin ich mit der festen Absicht in die Förderkonferenz gegangen, ordentlich Rabatz zu machen und deutlich mitzuteilen, dass ich dagegen bin, einen hochauffälligen Schüler aus dem zweiten Schuljahr in mein Rudel aufzunehmen. Von wegen Recht auf dreijährigen Verbleib in der Schuleingangsphase, das Kerlchen hat extremen Förderbedarf im Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Der sprengt mir den Unterricht. Genau wie er es die letzten zwei Jahre in der anderen Klasse gemacht hat. Der ist nicht Schüler Nummer 31, der ist Nummer 31 bis 38. Nicht, dass ich eine Wahl hätte. Bis ein eventuelles AO-SF durch ist, kommt er zu mir und den Erstklässlern, da ist nicht dran zu rütteln. Ich mache mir Sorgen. Sorgen um die Ruhe in der Klasse, um die Lernatmosphäre, um die Kinder. Um mich.

Und dann wurde ich Zeugin, wie seine Mutter schrumpfte. Nicht so richtig, eher so im übertragenden Sinn. Nach dem deutlichen Statement der Klassenlehrerin war sie noch einigermaßen gefasst. Auch nach dem niederschmetternden Bericht der Fachlehrer ging es noch. Als dann aber die Schulpsychologin, die Leiterin des Offenen Ganztags und der Fachmann von der Erziehungsberatung vom Leder ließen, war sie nur noch halb so groß. Höchstens. Sie hielt die Tischkante umklammert und presste die Lippen aufeinander, als sich unsere Blicke kreuzten und sie sofort den Blick niederschlug. Wie ein geprügelter Hund, ging es mir durch den Kopf. Scheiße.

Da kriegst du ein Kind und sofort beginnt die Maschinerie der Einordnung: Apgar-Werte, U1, U2 und so fort. Wenn alles gut läuft, prima. Und was, wenn nicht? Wie fühlst du dich, wenn das Wesen, das du geboren und schon geliebt hast, bevor es dir zum ersten Mal in die Arme gelegt wird, keine Spitzenwerte erzielt? Auffälligkeiten zeigt? Vielleicht sind es körperliche Defizite, dann arbeitest du dran, mit Ergo-, mit Logo- oder anderen Therapien. Du besuchst das SPZ, ernährst dein Kind glutenfrei oder führst die Beikost streng nach Plan ein. Du kannst handeln. Wie aber fühlst du dich, wenn dir vom ersten Besuch der Krabbelgruppe an gesagt und – schlimmer noch – direkt und indirekt gezeigt wird, dass dein Kind unsozial ist? Dass es aggressiv ist und – ganz sicher! – unerzogen. Dir wird mindestens eine Mitschuld gegeben und irgendwann kommt der Punkt, an dem du dich auch schuldig fühlst, denn all die anderen können sich ja nicht irren. Als Mutter versagt. Wie fühlt sich das an?

Der Chef blickt mich auffordernd an, ich bin dran. Meine Aufgabe ist definiert, ich soll der Mutter unmissverständlich klarmachen, dass ihr Sohn bei den Erstklässlern falsch aufgehoben ist. Weil es bereits zu viele so viele sind. Weil er nicht im Ansatz die Aufmerksamkeit von mir bekommen kann, die er benötigt, um lernen zu können. Weil ich mich verdammt nochmal nicht teilen, nicht aufspalten, nicht klonen kann. Weil er mehr Förderung braucht, als wir ihm an einer Regelschule angedeihen lassen können, Inklusion hin oder her. Sie muss einen Antrag auf Überprüfung sonderpädagogischen Förderbedarfs stellen. Denn als reiner Schulantrag ohne die Unterschrift der Eltern landet dieser beim Schulamt auf direktem Wege in Ablage P.

„Hat Ramon Ihnen erzählt, dass ich ihm einen Sondereinsatz aufgetragen habe?“ Die Mutter hebt den Blick und schaut mich fragend an. „Er ist mein Pausenkaffeedienst. Wenn ich Aufsicht habe, schicke ich ihn mit einer Tasse auf Kaffeemission. Drei Treppen hoch und drei Treppen runter. Mit Milch und ohne Verschütten. Er macht das großartig!“ Ich lache sie an. „Er ist total eifrig und schafft mittlerweile schon eine halbe Tasse zu mir zu bringen. Dann klatschen wir uns ab und verraten niemandem, woher die Pfützen auf der Treppe stammen. Tut mir leid“, sage ich zu meinem Chef gewandt, „aber das kommt jetzt bitte nicht ins Protokoll, das ist unser kleines, dunkles Geheimnis.“

„Doch“, antwortet die Mutter, „er hat von Ihnen erzählt, Frau Weh. Er mag sie.“

„Ich mag ihn auch.“ Eine kleine Pause entsteht. „Sie machen sich Sorgen, oder? Die mache ich mir auch. Die große Klasse ist nicht gut für ihn. Und gerade deswegen müssen wir einen Weg finden. Egal, wie Sie sich weiter entscheiden. Mein Vorschlag ist, dass wir uns ganz kleine Schritte vornehmen. Jetzt ist erst einmal nur wichtig, dass wir Ramon integrieren und zu einem Teil der neuen Klasse machen. Alles andere besprechen wir, wenn es soweit ist. Und ohne Ihnen allen auf den Schlips zu treten“, ich blicke in die Richtung, in der die Inquisition Schulpsychologin und der Erziehungsberater hinter ihren Tassen sitzen, „aber wir machen das lieber im kleinen Kreis. Der Antrag auf dreijährigen Verbleib ist eingereicht, offiziell sind wir doch jetzt hier fertig, oder?“ Als sich das Lehrerzimmer geleert hat, ist es still im Raum.

„Wie fühlen Sie sich jetzt?“, frage ich die Mutter. Sie zuckt mit den Schultern und weint leise.

„Hat Ramon bei Ihnen eine Chance?“

Ich überlege, hat er wirklich eine?

„Es ist ein Neuanfang. Wir müssen abwarten und aufmerksam bleiben.“

Wir besprechen die nächsten Tage, klären Material und Verstärkerplan ab. Ich bekomme die Nummer der Hausaufgabenhilfe zum baldigen Vorgehensabgleich und legen einen neuen Gesprächstermin fest.

„Raten Sie mir auch zum Antrag für die Förderschule?“

Alles in mir schreit ja.

„Was wünschen Sie sich für Ihren Sohn?“, frage ich zurück.

„Dass er eine richtige Chance hat und nicht alle immer sagen, ah, das war doch der Ramon! Immer ist es der Ramon!“ Sie zerknüllt ihr Taschentuch in der Hand. „Ich weiß, dass mein Sohn nicht einfach ist. Das war er nie.“ Sie weint wieder. „Aber er ist auch ein toller Kerl!“

Wieder wird mir bewusst, wie schwer es ist, die Stärken eines Kindes nicht aus den Augen zu verlieren, wenn die Schwächen so viel auffälliger sind, sich in den Vordergrund drängen und laut ihr Vorrecht herausbrüllen. Und doch können wir nicht immer das einzelne Kind im Blick haben. Mein Gott, ich habe Verantwortung für 30 Schüler! 30 Kinder, in all ihrer Individualität! Alle haben ein Recht auf Bildung und Erziehung, ja, auch auf Schutz vor den Ramons dieser Welt. Ich schlucke und versuche meine Ängste und Bedenken, die Gedanken an Sturm laufende Miteltern und eskalierende Gruppendynamik zu verdrängen und nicke Ramons Mutter zu. Die Entscheidung ist gefallen.

„Wir versuchen es.“

Als die Mutter gegangen ist, lege ich den Kopf auf die Tischplatte und schließe die Augen. Haben wir wirklich eine Chance?

Pulleralarm

„Pipimann!“

„Schniedelwutz!“

„Gürkchen!“

„Pillermännchen!“

„Hähnchen!“

„Piepmatz!“

Den Erstklässlern fallen beeindruckend viele Bezeichnungen für genau jenes Körperteil ein, das auch im noch so kleinen Zustand einen gewaltigen Unterschied macht. Bei manchen bin ich mir nicht sicher, ob sie noch als Synonym durchgehen oder eher euphemistisch gebraucht werden, aber allen Wörtern gemein ist der Zwang zur Verniedlichung, der manche Erziehungsberechtigten überkommt, wenn es um nackte Tatsachen geht. Genau diese habe ich gerade an die Tafel gezeichnet. Natürlich nicht als Alleinstellungsmerkmal, Sexualunterricht folgt in den nächsten Jahren, sondern inmitten zweier ob ihrer Pudelnackigkeit grinsenden Strichmännchen. Mein Körper ist das Sachunterrichtsthema, das uns in den nächsten Wochen beschäftigen wird und die Kenntnis verschiedener Körperteile gehört zwingend dazu. Ebenso wie eine genaue Begrifflichkeit und so möchte ich mich mit den giggelnden Erstklässlern darauf einigen, die Dinge beim Namen zu nennen. Aber ich habe nicht mit dem Einfallsreichtum der Elternschaft und der Hartnäckigkeit der jungen Padawane gerechnet.

„Das ist der Penis.“, sage ich und ernte ungläubiges bis fassungsloses Kopfschütteln. Wie kann sie dieses Wort benutzen …!?

Zur Ehrenrettung mancher Elternhäuser möchte ich nicht verschweigen, dass es durchaus Kinder gibt, die im gleichen Moment ohne jegliche Probleme die korrekten Bezeichnungen in ihre Sachunterrichtshefte notieren und ebenfalls die Köpfe schütteln. Allerdings über die ausgelassenen Mitschüler, die – übrigens alle männlich – sich nach wie vor auf genante Weise echauffieren.

„Gut“, lenke ich nach einer Weile und einem schnellen Blick auf die Uhr ein, „wir machen das anders. Ihr besteht auf Niedlichkeit, dann machen wir es aber richtig.“ Mit schnellen Strichen male ich ein zweites Strichmännchenpaar auf die Tafelseite und ziehe flugs ein paar Striche an die strategisch wichtigen Stellen.

„Die Gürkchenfraktion schreibt bitte diese Wörter ab!“

Ich notiere Lauscherchen, Guckknöpfchen, Schnabbelschnute, Greiferchen, Pillermännlein, Läuferchen und noch manch anderen putzigen Blödsinn auf der Tafel.

„Denkt aber bitte auch bei diesen Wörtern an die Aufpass-Stellen!“

Mit einem Stück gelber Kreide überschreibe ich doppelte Konsonanten, Umlaute, Diphtonge, all die Dinge, um die sich der durchschittliche Erstklässler noch nicht sorgen muss, es sei denn, er besteht ausdrücklich auf verniedlichte Termini der primären Geschlechtsmerkmale. Als ich fertig bin, ist das Schaubild mit gelben Aufpass-Stellen übersät und in der Klasse ist es deutlich stiller geworden. Die Blicke der Kinder wandern von einem Schaubild zum anderen. In manchen Köpfen sehe ich es rattern.

„Ähm, Frau Weh?“

Ich streife mir nonchalant die Kreide an der Jeans ab und nehme Finn mit einem beiläufigen Nicken dran.

„Können wir doch lieber die einfachen Wörter abschreiben?“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch.

„Naja … Penis ist echt viel einfacher!“, schaltet sich Can ein.

„Can, du hast Penis gesagt.“, stelle ich fest.

„Oh“, sagt Can, „ist mir so rausgerutscht!“, er legt die Stirn in Falten, „war aber gar nicht schlimm.“

Am Ende der Stunde stehen in allen Sachunterrichtsheften die korrekten Begrifflichkeiten. Ob aus Faulheit oder Einsicht? Ach, wer vermag das schon mit Gewissheit zu sagen …?

 

 

 

 

Übersprungshandlung

BOMPF

Mit einem dumpfen Knall streckt die aufgeklappte Tafel den kleinen Zóltan nieder, der, ganz in Gedanken vertieft, weder auf seinen Weg, noch auf die herausragende Ecke geachtet hat, die seinen Gang so abrupt stoppt. „Bitte kein Blut!“, beschwöre ich in einem Stoßgebet den Gott der kleinen Köpfe und eile zu dem lang auf dem Boden ausgestreckten Schüler.

Die räumliche Enge ist unser täglicher Feind, mehr noch als der ständige Geräuschpegel, den die 30 arbeitenden Erstklässler verursachen, und der dem emsigen Gesumm eines voll funktionsfähigen Bienenstocks wohl recht nahe kommt. Ich bange fortwährend im Anblick der geschäftigen Choreographie, die die Kinder immer wieder aufs Neue improvisieren, um sich aus dem Weg zu gehen oder sich – im Gegenteil – auf jeden Fall zu begegnen, während sie Material holen oder bringen, auf dem Boden liegend lesen oder ganz versunken unter einem Tisch komplexe Berechnungen des Lebens anstellen. Der Raum, der uns bleibt, ist so knapp, dass ich mir selber ein beginnendes Oskar Matzerath-Syndrom diagnostiziere. Nur, dass nicht ich es bin, der ich ein Weiterwachsen untersage, sondern den mir Anbefohlenen. Nicht auszudenken, wie beengt unser Arbeiten sein wird, wenn im 3. Schuljahr auf die größeren Möbel gewechselt wird. „Kinder, hört auf zu wachsen!“, will ich ihnen zurufen, wenn sie sich gegenseitig stolz an der Messleiste vorführen, dass wieder ein Zentimeter, wieder ein ganzes Stück Großwerden errungen wurde. Es wird mir eng und die Geschwindigkeit, mit der die zu dieser Zeit so unvermeidlichen Kopfläuse ihr Lager ausbreiten, gibt mir recht. Es muss ein wahres Fest sein für die kleinen Krabbler! Obgleich vermutlich niemals in einem Psychologieseminar anwesend, wissen sie doch ganz intuitiv, was eine Übersprungshandlung ist, und teilen sich wonnevoll mit mir (und der Tafelecke) den Anspruch auf die kleinen Köpfe.

„Es geht schon wieder.“, meint Zóltan tapfer, als ich ihm aufhelfe. „Mein Kopf ist so hart!“ Und wie um es mir zu beweisen, haut sich der Junge mehrmals die flache Hand vor die Stirn. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Gibt man bei Google Hospitalismus durch Enge ein, bekommt man 14.500 Ergebnisse geliefert. Ich habe sie noch nicht alle durch, vermute aber stark, dass einer der links auf unsere Schulhomepage verweist.

Die Beengtheit setzt uns zu und die Kinder sind extrem gefordert im Rücksichtnehmen und Achtgeben, im Ordnunghalten und Erlernen weiterer Tugenden, die – zugegeben – gar nicht so verkehrt sind. Aber gäbe es da nicht andere Mittel als Massenkindhaltung? Ich kaufe ja auch keine Eier aus Käfighaltung. Dies raune ich auch dem vor Kurzem zu Besuch im 1. Schuljahr weilenden Bürgermeister zu, als wir uns vor Vertretern der örtlichen Presse zum Foto aufreihen. Lauter glückliche, zahnlücketragende Kinder, die stolz ein Buchgeschenk an die Brust pressen und so der Lokalpolitik ein gutes Zeugnis ausstellen. „Ihr habt es aber schön hier!“, begrüßt der erste Bürger uns.

„Es könnte aber etwas mehr Platz sein“, gebe ich zu verstehen und lächle dabei so entwaffnend wie ein Zahnarzt, der den Bohrer schon einmal probelaufen lässt.

„Ach, Sie haben es doch sehr gut gelöst!“, kommt prompt die joviale Antwort mit passender raumumgreifender Geste, die für sich genommen, das Problem eigentlich recht gut umfasst.

„Die Nachbarschule hat eine Durchschnittsklassenstärke von 22 Kindern.“, zwitschere ich streitlustig zurück.

„Bitte lächeln!“, sagt da der Fotograf und schaut mich mit strenger Falte über den Augenbrauen an. Wahrscheinlich müsste er längst beim Taubenzüchterverein oder dem lokalen Aktionstag für Seniorenmobilität sein. Ich fletsche die Zähne und nehme die Schultern zurück, als ich einen spitzen Ellbogen in die Rippen bekomme. Unruhe entsteht in der zuvor so hübsch aufgereihten Kinderschar.

„Der Marc hat mich geschubst!“, beschwert sich Luisa lautstark und reibt sich den Ellbogen.

„Gar nicht wahr, das war die Ronja!“, schnappt der Gescholtene zurück.

Ronja sagt nichts, Ronja heult.

„So wird das nix!“, stöhnt der Fotograf.

Ganz Politiker fühlt sich der Bürgermeister bemüßigt einzugreifen: „Na, na, so schlimm ist das doch nicht. Es ist ein bisschen eng hier, aber doch nur für einen Moment.“

„Ha!“, raune ich, „schön wär’s!“