Was auf die Löffel

Aus Gründen kommt es nicht allzu häufig vor, dass hier reale Post an Frau Weh eingeht. Manchmal aber gelangt dennoch die ein oder andere Nettigkeit über diverse Umwege auf meinen Schreibtisch. Wenn so etwas nach einem besonders anstrengenden Tag mit krankheitsbedingter doppelter Klassenführung geschieht, dann soll das wohl so sein und führt zu besonderer Freude:

Post 20161125_141735Sissi hat mir eins auf die Löffel gegeben und der Gesichtsausdruck von Klein Mü spiegelt exakt meine Verzückung darüber wider.

Liebe Sissi, ich danke dir sehr für die kleine Adventsfreude, die du mir bereitet hast, dein Timing war PER-FEKT!

Apfelzeit

Zum Geburtstag bekomme ich in der Regel von meiner Klasse einen Blumenstrauß. Zu Weihnachten gibt es ein Geschenk. Natürlich ein kleines oder eines, das dem Einsatz in der Schule dient. Alles andere verbietet sich ja (fast) von selbst. So weit, so gut. Dass nun die Zweitklässler vor mir stehen – mitten im Jahr und ohne erkennbaren Anlass – und zwischen sich einen Korb Äpfel balancieren, trifft mich unerwartet.

„In Amerika“, liest Luisa von einem Zettel ab, „schenken die Schüler ihrem Lehrer einen Apfel als Zeichen der Anerkennung und als Dank für die Arbeit.“ Sie schaut von ihrem Zettel auf. „Du hast ja auch manchmal Arbeit mit uns, sagt mein Papa.“ Sie überlegt. „Aber du sagst ja eigentlich immer, dass du nur Freude mit uns hast.“ Ihre Nase kräuselt sich nachdenklich. „Egal. Trotzdem haben wir alle einen Apfel mitgebracht für dich, damit du ganz gesund bleibst und froh. Hier!“ Die Zweitklässler stellen den Korb vor mir auf den Boden.

Ich schlucke ein bisschen. Und atme. Und so.

Weinst du jetzt etwa!?“, fragt Can und schüttelt fassungslos den Kopf. (Erwachsene!)

„Quatsch!“, raunze ich ihn an, „Das ist flüssige Freude.“

Liebe Frau Weh

Jetzt trudeln sie ein, die Briefe der Fünftklässler. Es ist eine nette Geste, dass die Deutschkollegen der weiterführenden Schulen zu Beginn des 5. Schuljahrs an die Grundschullehrerin schreiben lassen. Natürlich ist es reguläres Thema und selbstverständlich wissen sie um die hohe Schreibmotivation der meisten Kinder. Aber dies schmälert nicht im Geringsten die Freude, diese Briefe zu bekommen.

Liebe Frau Weh, lese ich da, es geht mir so gut in der neuen Schule. Ich lese von Neuorientierung, Stolz auf Leistungen, von neuen und alten Freunden. Manchmal lese ich auch noch ein wenig Ängstlicheit aus den Zeilen und oft Unmut über so viele Stunden, schwere Rucksäcke und lange Tage. Aber immer erkenne ich Entwicklung und Wachstum in dem, was die Kinder mir schreiben. Und eines noch: Erinnerung.

Wissen Sie noch, unsere Klassenfahrt?

Es war so schön im vierten Schuljahr.

Hoffentlich sind Ihre neuen Schüler so toll wie wir!

Ich denke gerne an Sie zurück.

Es ist schön, solche Briefe zu bekommen und sie einzuordnen in den Lauf unserer Arbeit, der von Ankunft bis Abschied reicht. Ich wünschte mir mehr davon. Einen zum Schulabschluss, egal welchem. Einem bei Berufsantritt. Vielleicht auch zu Hochzeit, Geburt und hoffentlich niemals eine Todesanzeige. Die Gedanken an die Grundschulzeit werden verblassen. Erinnerungen an so viele gemeinsame Stunden werden verdrängt von neueren Eindrücken. Das ist richtig so! Dennoch wünsche ich mir, dass ein Stück dieser umsorgten Zeit sich tief ins Lebensbild meiner Schüler legt und sie irgendwann rückblickend lächeln lässt.

Weißt du noch, damals?

Prima Klima?

2. Stunde, Kunst (oder etwa nicht?) in meinem 4. Schuljahr:

Mit Hingabe formen die Viertklässler in Gruppenarbeit kleine Inseln aus Knetgummi. Wir haben bereits eine intensive Sachunterrichtsstunde zum Klimawandel hinter uns und alle sind froh, ein wenig entspannen zu können. Es ist nicht leicht, Schüler mit dem Thema zu konfrontieren, ohne dass sich bei manchen unmittelbar Ängste aufbauen. Tatsächlich, so habe ich in den letzten Jahren erfahren, sind die Antennen von Kindern viel sensibler auf Zukunft ausgerichtet, als die mancher Erwachsener. Denn es geht um ihre Zukunft. Und von der haben viele Zehnjährige bereits ein klares Bild. So wollen wir leben ist daher ein passender Titel für die Miniaturwelten, die hier gerade entstehen. Ich erkenne Häuser, Bäume und sogar ein winziges Schweinchen. „Das sieht toll aus!“, lobe ich Giuliano, „Ist das Schwein von dir?“

„Ja“, bestätigt der Junge stolz und weist mich darauf hin, dass hinter dem Bauernhof auch noch ein Kaninchenstall stünde. Ich bin hingerissen und spare nicht mit Lob. Auch die anderen Gruppen können gute Arbeit vorweisen und die Stimmung steigt, als ich die unausweichliche Frage, ob es auch Noten für die Werke gäbe, positiv beantworte. Für Noten würden die Viertklässler alles tun.

Sie befüllen die Plastikwannen, in denen die Kneteinseln stehen, vorsichtig mit Wasser und posieren stolz vor meiner Kamera. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich Ergebnisse aus dem Kunstunterricht fotografiere und auf unsere Schulhomepage stelle, ist doch der Kunstunterricht meine heimliche Liebe, der sowohl die Viertklässler als auch ich hingebungsvoll frönen. So argwöhnen sie auch nichts, als ich den Vorschlag mache, doch noch ein paar kleine Eisberge ins Wasser zu lassen, der Optik wegen.

Im Gegenteil: „Coole Idee, Frau Weh!“, rufen sie und übersehen in ihrem Eifer völlig, wie seltsam es ist, dass ich auf einmal gleich mehrere Beutel mit Eiskugeln aus einer Kühltasche ziehe. Stattdessen lassen die Gruppen fröhlich Eisberg um Eisberg ins Wasser plumpsen und freuen sich darüber, dass die Inseln kleine Tropfen abbekommen.

„Vorsicht!“, ruft Giuliano, „Die Kaninchen!“

Da klingelt es zur Pause.

Ich gestehe, dass ich der globalen Erwärmung in den nächsten Minuten ein wenig zuarbeite, indem ich die Eiskugeln, die munter um die Inselchen tanzen, mit einem Schuss heißen Wassers zu Leibe rücke. Alles für die Show, denke ich, als der Miniaturmeeresspiegel ansteigt und die ersten Zäune, Menschen und – ja! – auch den Kaninchenstall versinken lässt. Den Rest besorgt der völlig überheizte Klassenraum. Am Ende der Pause sind die Inselstaaten der Viertklässler überschwemmt.

„Was ist denn hier passiert!?“

Ungläubiges Entsetzen ist den Kindern ins Gesicht geschrieben, als sie fassungslos vor den Überresten ihrer Arbeit stehen. Ich lasse sie wüten, horche aber aufmerksam auf den Erkenntnistransfer, der nicht lange auf sich warten lässt.

„Es ist ja auch superheiß hier, kein Wunder, dass alles schmilzt!“

„Das ist wie mit der Erderwärmung und dem Polareis.“

„Der Meeresspiegel ist angestiegen und hat alles kaputt gemacht.“

Ich kann nicht anders, ich freue mich über die hellen Köpfe vor mir, die bereits Rettungsmöglichkeiten erwägen. Für ihre Kneteinseln hier und für die Welt da draußen. Mir geht die Präambel der Projektinitiative Kinder.Stiften.Zukunft der Bertelsmann-Stiftung durch den Kopf:

Kinder sind unsere Zukunft. Sie bestimmen den Weg, den unsere Gesellschaft künftig gehen wird. Und wohin dieser Weg führt, hängt entscheidend von den Chancen ab, die wir jungen Menschen geben.

Es sind gute Momente wie diese, in denen ich das sichere Gefühl habe, meinen Beitrag zu leisten.

 

 

Lotuseffekt

In dem Moment, in dem ich den gestrigen Beitrag abschicke, schießt es mir durch den Kopf: Oh Gott, du hast dich gerade vor 2000 Menschen ausgezogen!

Mein Finger schwebt über dem Button mit der Aufschrift Papierkorb. Ich könnte den Schaden noch begrenzen. Doch dann schüttle ich den Kopf. Nein, manche Dinge müssen ausgesprochen werden und dürfen es auch. Das Heldinnencape befindet sich in der Wäsche. Es ist so wichtig für mich auch den Normalmodus zu akzeptieren. Februar, da bist du ja wieder! Ich schalte den Computer aus.

Beinahe lasse ich die Ballettstunde verfallen; das Letzte, was ich an diesem Abend möchte, ist mir gleich in mehrfacher Ausfertigung zu begegnen. Und in einem vollverspiegelten Raum gibt es wenig Möglichkeiten, sich selber aus dem Weg zu gehen. Dennoch fahre ich, möchte durch die Bewegung Körper und Seele frei machen. Viel lieber als der sich schüttelnde Hund im Regen wäre ich ja ein Lotos oder eine Akelei. Klein, hübsch und mit bewundernswerter Selbstreinigungsfähigkeit. (Die hat der Weißkohl übrigens auch. Aber wer vergleicht sein verletzliches Inneres schon gerne mit einem Blähgemüse?)

In der Ballettschule dann der Schock – krankheitsbedingt haben die anderen beiden Teilnehmerinnen abgesagt. Ich habe eine Einzelstunde. Nehmen die Demütigungen heute gar kein Ende? Verbissen stehe ich an der Stange und wärme mich auf. Bein nach vorne, Ballen, Spitze. Bein zur Seite, Ballen, Spitze. Bein nach hinten. Die Ballettlehrerin korrigiert aufmerksam meine Bewegungen, drängt auf eine aufrechtere Haltung. Kopf hoch, mehr Stolz! Wenn sie wüsste…

Irgendwann nach unzähligen Wiederholungen immer gleicher Bewegungsabläufe merke ich plötzlich verwundert, dass es mir gut geht. Der Ärger ist nicht mehr da, auch der über mich selber. Zum ersten Mal in der Stunde hebe ich den Blick und sehe mir im Spiegel in die Augen. Da stehe ich, nicht perfekt, nicht durch und durch gut, aber ein kleines Lächeln in den Mundwinkeln. Die Ballettlehrerin bedeutet mir kurz zu warten und legt eine neue CD ein. David Garrett dröhnt aus den Boxen. Freiheit flutet mein Herz.

Als ich heute den Computer anschalte, finde ich eure Kommentare und E-Mails. Ich schlucke und blinzle ein paar Tränen weg. Ist es Erleichterung? Scham?

Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Danke.

Zwischen den Tagen

Engel

Möge heute Frieden in Deinem Inneren sein. Mögest Du darauf vertrauen, dass Du genauso bist, wie Du gemeint bist. Mögest Du nie die unendlichen Möglichkeiten vergessen, die aus dem Glauben an Dich selbst und an andere geboren werden. Mögest du die Gaben nutzen, die du bekommen hast und die Liebe weitergeben, die Du empfangen hast. Mögest Du mit Dir selbst zufrieden sein, so wie Du bist. Möge sich dieses Wissen in all deinen Knochen in Dir festigen und Deiner Seele die Freiheit erlauben, zu singen, zu tanzen, zu loben und zu lieben.

Teresa von Avila

Von Zauberlehrlingen, Zuckerfeen und dem weichsten Instrument aller Zeiten

Die Viertklässler sind verzückt. Eben haben sie dem Beginn von Hedwig`s Theme gelauscht,

nun vergleichen sie das Gehörte mit den Klängen der Zuckerfee

(0:43 – 3:00)

und stellen Erstaunliches fest: Das Instrument, das Harry Potter fliegen lässt und der Zuckerfee zu filigraner Schönheit verhilft, ist mitnichten ein Glockenspiel. Es sieht eher aus wie ein Klavier und klingt… traumhaft schön! weich, märchenhaft, zart sind einige der Adjektive, die die Viertklässler notieren. Ganz von selbst kommen sie darauf, dass der Komponist der Potter-Filmmusik, John Williams, sich offenbar durch Tschaikowskis Musik inspirieren ließ. Sie hören interessiert zu, als ich ihnen die Bauweise der Celesta erläutere und aus einem Brief Tschaikowskis an seinen Verleger zitiere, in dem er diesem von dem weichen Timbre des neuen Instruments vorschwärmt und um die Anschaffung eines solchen bittet.

Vollends betört sind sie, als sie dem Auftritt der Zuckerfee dann zusehen. Wie gebannt blicke alle Augen auf das Smartboard. Niemand lacht, niemand stört. Fasziniert beobachten sie, wie sehr Schrittfolgen und Bewegungsabläufe der Arme, des Oberkörpers der Musik folgen, sie malerisch umsetzen.

„Das war so schön!“, schwärmt Katherine. Auch Celina und die anderen Mädchen sind begeistert und wollen unbedingt in der nächsten Musikstunde noch mehr sehen. Die Jungs schließen sich an, stimmen aber für die Schlachtszene zwischen Spielzeug und Mäusearmee. „Mir wird ganz schwindelig, wenn ich die Frau da so sehe…“, erklärt Nino und wedelt mit den Armen. Marc hüpft derweil auf den Zehenspitzen durch die Tür und singt aus voller Kehle (und nur leicht schief) das Hauptmotiv der Zuckerfee. Sinan tänzelt ihm hinterher und ruft, dass er sich so ein Celestadingsbums zu Weihnachten wünschen möchte, geiler Klang!

Auch die Referendarin ist angetan von der Stunde, hat aber Probleme, sie in ihr Modellraster einzutragen. „Tja“, entgegne ich achselzuckend, als sie sich hilfesuchend an mich wendet, „das liegt daran, dass das in den Augen des Seminars keine gute Stunde wäre. Mangelnde Zieltransparenz, zwei verschiedene Inhaltsaspekte, die genaugenommen nichts miteinander zu tun haben, und nicht zu vergessen, eine total frontal gehaltene Unterrichtsstunde, die weder in der Wahl ihrer Medien, noch in der Sozialform selbstorganisiertes Lernen zulässt.“ „Aber die Kinder sind doch total begeistert!“, widerspricht mir die Lehramtsanwärterin kopfschüttelnd. „Das“, und ich bin auch nach einigen Jahren als Mentorin immer noch verwundert, „zählt leider nicht sehr in der Lehrerausbildung.“