Oje, Frau Weh!

Das Jahr 2014 ist ein spannendes! So konnte ich viele neue Dinge angehen, meine Fühler in verschiedene Richtungen strecken und mich in ganz anderen Bereichen als den üblichen ausprobieren. Eine ganze Weile war ich bei den Stern-Stimmen dabei. Eine Auswahl der hierfür entstandenen Texte findet sich auf dieser Seite.

Mobile Erziehungsberatung

„Mama, ich muss mal!“ Unruhig hibbelt das Miniweh neben mir in der Schlange an der Supermarktkasse. Noch bevor ich ihm mitteilen kann, dass es noch bis zu Hause durchhalten muss, quietscht es verzückt auf:

„Oooooh, Mama, guck mal daaa!“

Entdeckt hat es den bonbonrosafarbenen Stand mit der Hello Kitty-Quengelware, die praktischerweise genau in Augenhöhe des durchschnittlichen Kindergartenkindes aufgebaut ist.

„Kann ich das haben? Oder das? Das da? Vielleicht aber auch das?“

Das Stimmchen wird lauter, die Tonlage höher, die Aufmerksamkeit aller Mitwartenden ist uns gewiss.

„Nein“, antworte ich und bemühe mich um einen ruhigen Tonfall, obgleich ich schon die Ausläufer eines nervösen Zuckens im linken Augenlid bemerke. „Wir kaufen Bügelperlen für dich. Sonst nichts.“

Das Miniweh zieht ein Schüppchen, akzeptiert aber glücklicherweise, was uns ein beifälliges Nicken der Kassiererin einbringt, die vermutlich schon manche Dramen rund um das knuddelige Kawaii-Kätzchen miterleben durfte. Als wir die Kasse passieren, wähne ich uns schon in quengeltechnischer Sicherheitszone, da sehe ich die nächste Kinderfalle: Ein leuchtend bunter Verkaufsstand, an dem Folienballons in Form äußerst beliebter Kinderfernsehhelden feilgeboten werden. Mist.

„Oooooooooh, Mama! Davon will ich aber einen haben! Echt jetzt!“

Mein kleiner Ehesegen stemmt die Fäuste in die Hüften und stampft einmal kräftig mit dem rechten Fuß auf, nicht bereit, auch nur einen Zentimeter nachzugeben. Ich entscheide mich für elterliche Ignoranz und gehe weiter, als die Sirene losgeht. Das Kind – die Packung mit den heißersehnten Bügelperlen unter den Arm geklemmt – plärrt zum Steinerweichen. Alle gucken. Naja … vielleicht nicht alle. Aber es fühlt sich so an. Mir wird warm und ich möchte nach Hause. Für einen Atemzug schließe ich die Augen (Mantra: Es kann nichts dafür. Es kann nichts dafür. Es kann nichts dafür.), dann drehe ich mich um und gehe vor dem kleinen Brüllaffen in die Hocke.

„Hör mal“, fange ich an, werde aber sofort mit einer trotzigen Unterlippe und steiler Zornesfalte auf der Stirn konfrontiert. „Wir sind hierhin gefahren, um für dich Bügelperlen zu kaufen. Mehr gibt es heute nicht.“

Ich komme mir zwar pädagogisch wertvoll vor, nur leider sieht das Kind das nicht so. „Scheiß-Aa-Mama!“, brüllt es und knallt mit einem Rums die Bügelperlen auf den Boden. Aus den Augenwinkeln bemerke ich unterschiedliche Reaktionen, von Grinsen bis zu indigniertem Kopfschütteln ist alles dabei. Ich nehme das sich windende Kind am Arm und versuche es noch einmal ohne Erfolg.

„Jaja, so kleine Mädchen sind die reinsten Zicken. Das sage ich meiner Enkelin auch immer: Du bist eine richtige Zicke!“ Eine alte Dame von der unvermeidlichen Sorte, die immer in der Nähe ist, wenn ein Kind in der Öffentlichkeit einen Trotzanfall erleidet, schiebt sich neben uns und schüttet wohlwollend ihren guten Rat über uns aus. „Aber Sie“, sie boxt mir kumpelhaft auf den Arm, „Sie haben ja noch gute Nerven!“ Dann tätschelt sie dem verdutzten Miniweh den Kopf und wackelt von dannen, den Hackenporsche hinter sich herziehend. Ich nutze die Verwunderung aus, greife die Bügelperen links, das Kind rechts und laufe zügigen Schrittes hinterher.

„Was war das?“, fragt das Miniweh, den Rotz hochziehend.

„Oh“, antworte ich, „das war die mobile Erziehungsberatung.“

 

Schwarzes Loch

Ursprünglich wollte ich in diesem Artikel meiner Enttäuschung über ein am Wochenende ausgelesenes Buch Ausdruck verleihen. Es handelt sich um ein englisches Buch, was mich zunächst gefesselt und bezaubert hat, dann aber zunehmend unsinniger und, ja, blöd wurde. Tatsächlich habe ich mich richtig über den Fortgang der Geschichte geärgert und überlegt, einen eigenen Schluss zu schreiben. Dann aber bin ich heute nach Hause gekommen und habe ein schwarzes Loch in unserem Wohnzimmer vorgefunden:

Wasserrohr

Was einem hier so hässlich entgegenlacht, ist ein uraltes Wasserrohr. Immerhin wurde es bereits notdürftig mit zwei Schellen verarztet, was insofern gut ist, da dieser Vorgang die an unangemessener Stelle austretende Wassermenge deutlich reduziert. Allerdings stellt der fachmännisch vom Installateur durchgeführte Eingriff lediglich eine kosmetische Verbesserung dar, das Grundproblem bleibt und noch ist nicht vom Tisch, ob der Wohnzimmerboden eventuell dran glauben muss, um die komplette Wasserversorgung einer gründlichen Prüfung und späterem Austausch zu unterziehen.

Jetzt bin ich zwar ein recht stressresistenter Mensch, allerdings nicht unbedingt nachmittags. Die Aussicht auf einen aufgerissenen Wohnzimmerboden finde ich also nicht sehr erquicklich. Überhaupt, wo stellt man im Falle des Falles bloß die Möbel unter? Wo essen wir? Und spielen Mensch ärgere dich nicht mit dem Miniweh? Das große Wehwehchen bot – man muss es erwähnen – immerhin sofort ganz selbstlos sein Zimmer an, um den Fernseher unterzustellen. Es war auch bereit, den Schreibtisch dafür aufzuräumen. (Ich überlege, ob ich das Angebot zum Schein annehmen soll.)

Mittlerweile sind die Kinder im Bett und der erste Schreck verdaut. Ich sitze im Schneidersitz vor dem schwarzen Loch, welches tatsächlich noch meterweit nach unten reicht, und halte stumm Zwiesprache. Aber bisher kommt nur gähnende Leere zurück, von einer Spinne abgesehen, die neugierig vorbeischaute, sich aber sofort dezent ins Loch zurückzog, als sie mein grimmiges Gesicht wahrnahm.

Vielleicht schreibe ich nächste Woche noch über das Buch. Oder aber über Picknickrezepte. Vielleicht melde ich mich auch vom Campingplatz, denn wer weiß, ob überhaupt beim Wohnzimmerboden haltgemacht wird?

Es grüßt Sie – nur ganz leicht verzweifelt –

Frau Weh

Irgendwas ist immer …

 

Milchmädchenrechnung

Es gibt Phasen im Leben, die nach Zucker schreien. Nicht so ein sanftes Säuseln von wegen hätte vielleicht irgendjemand ein winziges Stückchen Schokolade für mich?, nein, ich rede von solchen Momenten, in denen der ganze Körper nach Einfachzucker brüllt. Mehr so archaisch. Gib. Mir. Zucker. Sonst … Keule!

Nun leben wir ja in einer völlig überzuckerten Gesellschaft. Kaum ein Fertiglebensmittel kommt ohne aus. Also könnte man meinen, ein Schlückchen Tomatenketchup oder eine Handvoll Schokomüsli würden den Heißhunger auf Saccharide schon beseitigen. Dem ist allerdings nicht so. Also zumindest funktioniert das bei mir nicht so. Ich habe es probiert! Auch Möhrenstifte erfüllen den Zweck erfahrungsgemäß nicht. Im Gegenteil ist die Gefahr groß, dass man zuerst heldenhaft die Rohkost mümmelt, danach vielleicht einen (nur einen! Oder zwei?) trockenen Vollkornkeks und etwas Milch zum Herunterspülen wählt, nur um im Nachgang doch noch zu härterem Stoff zu greifen. Im Regelfall fühlt man sich dann anschließend nicht unbedingt besser, was zum Teil dem unguten Mischungsverhältnis im Magen geschuldet ist, aber vermutlich auch dem Gefühl, essenstechnisch für den Tag versagt zu haben.

Ich habe damit jetzt aufgehört.

Nein, nicht mit dem Zucker. Aber mit dem kläglichen psychologischen Drumherumessen. Mein Körper sagt Zucker! Ich sage Ok. Was hättest du gern? Ob Sie es glauben oder nicht, das geht viel schneller und kalorienärmer als die andere Variante. Vorausgesetzt, ich erlaube meinem Körper, sich Gehör zu verschaffen. Vorher und nachher. Denn natürlich ist das Danke, es reicht jetzt wesentlich schlechter zu verstehen und tatsächlich leicht mit lecker, gib mir mehr! zu verwechseln.

Sie finden, das ist eine Milchmädchenrechnung? Kann sein. Aber es ist auch eine tadellose Überleitung zum heutigen Rezept. Davon braucht es nämlich auch nicht viel, um die leeren Speicher von Hirn und Hüfte aufzufüllen. Sie kennen sicherlich diese klebrigen Karamellbonbons mit der Kuh drauf? Die so schmecken wie Kindheit. Mögen Sie die? Wenn ja, wäre das heutige Rezept möglicherweise etwas für Sie.

Karamell aus gezuckerter Kondensmilch

Die gezuckerte Kondensmilch (gezuckert ist wichtig, normale Kondensmilch funktioniert nicht) kann in der Dose selber oder aber in saubere Gläser umgefüllt gekocht werden. Dafür füllt man das Wasser im Topf leicht über Deckelhöhe der Gläser, bzw. bedeckt die Dose komplett. Nach zwei Stunden im köchelnden Wasser verwandelt sich die Flüssigkeit in streichfestes Karamell. Den genauen Zeitpunkt abzuschätzen ist nicht so einfach, hat man sich allerdings für das Umfüllen in Marmeladengläser entschieden, so lässt sich anhand der Farbe recht gut abschätzen, ob das Karamell fertig ist.

Milchmädchen

Farbe und Konsistenz haben sich verändert und lassen schon erahnen, dass sich in den Gläsern ein kleiner Hüftschmeichler versteckt.

Karamell

Mir fällt gerade wieder auf, dass ich mich so gar nicht zum Foodstylisten eigne. Man möge es mir nachsehen, der Geschmack jedenfalls macht fehlendes Chichi auf den Bildern wieder wett. Aufbewahrt wird das Karamell am besten im Kühlschrank. Wie so viele Erzeugnisse aus der Küche eignet es sich auch gut zum Verschenken. Dann würde ich noch ein Schleifchen empfehlen. Ganz Mutige streichen es sich pur auf Brot, machen daraus Likör oder unglaublich süßen Bannoffee Pie . Ich gestehe, ich stecke einfach den Löffel rein in diesen ganz besonderen Phasen, in denen der Körper… ja, Sie wissen schon.

Karamellsauce

 

Wochenendzuschlag

Ich bedaure es zutiefst, aber das hier wird schon wieder ein Lehrerartikel. Ein jömeliger noch dazu. Zur Krönung mit einer gewaltigen Portion schlechten Müttergewissens garniert. Furchtbar. Also, wenn Sie ihn nicht lesen wollen, habe ich vollstes Verständnis dafür. Wir sehen uns dann nächste Woche.

Es geht um die Wochenenden. Ich erwähnte ja bereits, dass ich ein 1.Schuljahr führe. An und für sich eine sehr schöne Aufgabe; in den ersten Schulwochen gleichen die Vormittage allerdings häufig noch einem nicht enden wollenden Kindergeburtstag mit 29 Gästen und viel zu wenig Kuchen. Aber egal, darum geht es heute gar nicht. Im 1.Schuljahr wird eine ganze Menge Verbrauchsmaterial produziert. Darunter versteht man seitenweise nachgespurte und frei geschriebene Ziffern und Buchstaben. Manche Kinder tun sich noch schwer damit, andere sausen nur so über die Seiten, „Mehr! Mehr!“ schreiend wie der kleine Häwelmann. Diese ganzen Seiten schaue ich nach. Nein, bedauern Sie mich nicht! Das ist keine besonders schwierige Aufgabe und gehört zudem zu meiner Jobbeschreibung. Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, ob Schreibrichtung und Linienführung korrekt sind oder ob noch Nachbesserung vonnöten ist. Ich mache Herzchen in Grün um besonders gelungene geschriebene Exemplare und radiere (grausam, ich weiß) auch aus, wo das M oder die 7 nach erneuter Übung rufen. Dann schreibe ich mir Bemerkungen in meine Listen, z.B. Franziska: Silbensegmentierung! oder Mesut: Aa!, anhand derer ich die Vorgehensweise der nächsten Tage plane.

Problematisch ist also weniger der Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe, als die Menge. Es fällt nämlich jeden Tag eine gewaltige davon an. Jetzt habe ich ja zu meinem persönlichen Lebensglück nicht nur einen verantwortungsvollen Job, sondern – Sie wissen es – auch zwei reizende Wehwehchen an der Backe, die ich begleite. Daher verschiebe ich den Hauptarbeitsteil, der neben dem Unterricht anfällt, auf die Abende und das Wochenende. Auch dies finde ich völlig in Ordnung, welcher Berufsstand (die Selbstständigkeit einmal außen vor gelassen) kann sich das so flexibel einteilen wie wir Lehrer?

ABER (da ist es ja!): Diese Vorgehensweise frisst nicht nur einen Tag Familienzeit pro Wochenende, sondern spannt Herrn Weh an ebendiesem Tage auch komplett ein. Wenn ich mich für mehrere Stunden im Arbeitszimmer durch Stapel wühle, den Bärchenstempel in der einen, den Radierer in der anderen Hand, dann tobt im Hause Weh das Leben. Die Kinder, obgleich an sich recht verständige Exemplare, suchen und finden diverse Gründe, warum sie mich (und nur mich!) in wichtigen Angelegenheiten sprechen müssen. Jetzt! Sofort! Herrn Weh hingegen, der die Notwendigkeit sonntäglicher Arbeit durchaus einsieht, reißt ob dieser Verhaltensweise irgendwann der Geduldsfaden, oder aber er packt die Meute unter Seufzen ins Auto, um sie außer Haus zu bespaßen, was nicht immer ein Vergnügen darstellt. Ich weiß es ja; wäre es anders, hätte ich vielleicht schon manchen Stapel unter der Woche abgearbeitet. Kurz: Er hält mir unter allen Umständen den Rücken frei. Und was tue ich mit der gewonnenen Zeit?

Tadaa: Ich fülle sie mit schlechtem Gewissen.

Dabei arbeite ich doch! Es ist ja nicht so, dass ich die Ruhe im Hause dazu nützen würde, mir einen Kaffee zu machen und mich zum DVD-Gucken aufs Familiensofa zurückzuziehen. (Ja, ich gestehe, das habe ich auch schon eimal gemacht. Aber die Staffel war ganz neu, was sollte ich denn tun!?) Nein, ich arbeite mehrere Stunden konzentriert durch, damit ich zum Zeitpunkt der Rückkehr die Kinder (und den Gatten) mit offenen Armen und strahlendem Lächeln empfangen kann. Nebenbei natürlich äußerst dankbar, dass ich die Gelegenheit zum Arbeiten bekommen durfte. Dabei empfinde ich diese Dankbarkeit genaugenommen nicht wirklich, ist es doch mein Job, den ich da mache und mit dem ich einen nicht geringen Anteil des Familieneinkommens stemme. Also bin ich hin- und hergerissen zwischen Pflichterfüllung und schlechter Laune, die es tunlichst zu unterdrücken gilt, weil ich ja nun wirklich nicht als undankbar gelten möchte.

Sind Sie noch da? Oh!

Jetzt verstehen Sie sicher, warum sich dieser Artikel nur bedingt zur erbaulichen Lektüre eignet. Schließlich zeigt er vor allem eins: Dieses ganze Verinbarkeitsgerede von Beruf und Familie ist im Grunde genommen doch zum K… nützlich, wenn wir es nicht endlich schaffen, unser ererbtes schlechtes Gewissen loszuwerden. Oder wenigstens einen Wochenendzuschlag bekämen! Egal, ob wir nun selber arbeiten müssen oder unserem Partner den Rücken freihalten.

In diesem Sinne grüßt süßsäuerlich

Ihre Frau Weh

 

Backen mit Kindern

Die gute Nachricht vorweg: Backen mit Kindern kann funktionieren.

Man sollte sich allerdings – und dies ist die schlechte – nicht beeinflussen lassen von allzu bullerbüesken Fotos, die besonders in der Vorweihnachtszeit von Magazinen aller Art als Indiz familiärer Idylle gebracht werden. So (nämlich sauber, niedlich, leicht mehlbestäubt…) läuft es in der Realität seltenst. Daher sollte man bereits in der Vorbereitungsphase gewisse Kollateralschäden einplanen. Das erspart Enttäuschungen.

Ich backe gerne (es leidenschaftlich zu nennen wäre wohl etwas hochtrabend formuliert) und regelmäßig. Samstags wird die Kitchen Aid angeworfen, damit meine Kinder wissen, wie Wochenende riecht. Das ist mir wichtig und daran halte ich fest, egal, ob und wieviele kleine Helfer am Start sind. Zweifellos nimmt der gewählte Schwierigkeitsgrad des Backwerks ab, je mehr frühkindliche Hilfe ich zu erwarten habe. Torten sind passé, dafür habe ich jetzt immer ein, zwei Backmischungen im Haus. Denn machen wir uns nichts vor, bereits das Aufschlagen dreier Eier vereint Spaß, Spannung und Spiel auf vortrefflich schleimige Weise. Wer möchte denn da noch eine Creme über dem Eisbad aufschlagen?

Ich bin mittlerweile auch absoluter Fan von Waschlappen. Ja, genau, Waschlappen, die Dinger von Oma. Vermutlich kräuseln Sie gerade die Lippen in leicht abweisender Manier. Das verstehe ich, aber lassen Sie es sich gesagt sein: Ein feuchter Waschlappen zur rechten Zeit am rechten Ort kann den Ausbruch einer stattlichen Krise erfolgreich eindämmen. Ich weiß, wovon ich rede:

Backen mit Kindern

Dabei sind Chaos und Verunreinigung wie so oft nur als Nebenprodukte kindlicher Kreativität anzusehen. Und die fördert das Backen ungemein. Und nicht nur die Kreativität, auch die Selbstständigkeit wird herausgefordert. Das Anlegen einer Schürze, das Bereitstellen, Abwiegen und -messen der Zutaten, das Verrühren unter strengster Einhaltung der gebotenen Sicherheitsvorkehrungen („Niemals, NIEMALS einen Finger in die laufende Küchenmaschine!“) sind Vorbereitungen auf das praktische Leben, das irgendwann in ferner, sehr ferner Zukunft ohne Mama und Papa gelebt werden will und auf das wir als Eltern vorzubereiten die Pflicht haben. Klingt nach Montessori? Tja, ich bin Pädagogin, das schüttelt man entgegen mancher Vorurteile auch samstags und in den Sommerferien nicht ab.

Aber zurück zum Backen. Der Boden ist geknetet, die Mischung verrührt, jetzt kommt alles in den Backofen. Für viele Kinder beginnt der wahre Spaß genau an dieser Stelle mit dem Auslecken der Schüssel und endet erfahrungsgemäß auch sofort danach. Jetzt ist feinfühlige Konsequenz gefragt, denn wer abschlecken will, muss auch aufräumen. Auch die Eierschalen. Spätestens an dieser Stelle unterscheidet sich das Bild in unserer Küche deutlich von dem aus ländlichen Magazinen. Das Miniweh räumt nämlich nicht gerne auf und würde sich stattdessen lieber bis zum Klingeln der Küchenuhr, die das Ende der Backzeit einläutet, verdrücken. Es folgt ein kleiner Kampf, in dessen Verlauf der ein oder andere Ausdruck tiefster kindlicher Empörung fallen kann, aber schlussendlich ist alles sauber verräumt: Das Kind, die Arbeitsplatte, die mütterlichen Nerven.

50 Minuten später kommt der große Moment, in dem das Miniweh alle verfügbaren Finger Richtung Backwerk ausstreckt und mitteilt, dass es entgegen vorheriger Aussagen nun doch die beste Mama auf der Welt habe, aber nur, wenn es sofort und auf der Stelle probieren dürfe. Aber wer wäre ich denn, wenn ich nur aus rein altruistischen Gründen backen würde. Also hole ich das Messer, schneide großzügig und kuschle mich mit Nachwuchs und warmem Käsekuchen auf das Sofa. Es sind doch die kleinen Freuden, die das Leben schön machen.

Käsekuchen

 

Fahrradfreuden

Am frühen Montagmorgen habe ich zwei kopulierende Nacktschnecken mit dem Fahrrad überfahren.

Das ist nicht schön, nein. Und das Geräusch… flabbbbschsch. Aber ein Blick auf den völlig verglibschten Fahrradweg hat mir gezeigt, dass ich wohl nicht die einzige war, der zu dieser frühen Stunde ein solches Malheur passiert ist. Nichtsdestotrotz bewältigte ich die restliche Strecke mit einem Lächeln im Gesicht, denn es war mein erster Tag auf dem Fahrrad. Ich habe die Arbeitsstelle gewechselt und mich entfernungstechnisch von 30 Minuten Autofahrt auf 20 Minuten mit dem Rad verbessert. Das hebt die Lebensqualität in enormem Maße an. Herr Weh, der passionierte Fahrradpendler, unkt zwar bereits, dass sich meine Freude zügig verflüchtigen würde, sobald der Herbst vor der Türe stünde und mit ihm Regen und Sturm, aber bis dahin habe ich mir vorgenommen, glücklich mit mir und dem Fahrrad zu sein. Und so bin ich es.

Aber ich bin nicht egoistisch dabei. Also fahre ich offensiv und lächle jeden Autofahrer, der mir entgegenkommt, fröhlich an. Ein Großteil ignoriert dies, eine nicht geringe Menge Fahrer starrt mich unverhohlen, aber ohne jede Reaktion an, und nur ein kleiner Teil lächelt zurück oder winkt sogar freundlich. Auf diesen Teil baue ich. Bestimmt werden es Ende des Monats schon mehr sein! Meinem Sohn übrigens ist dieses Verhalten peinlich. Wie sollte es auch anders sein, gehört Liebenswürdigkeit doch gerade nicht unbedingt zu den in der Pubertät favorisierten Charaktereigenschaften. Aber auch da stehe ich drüber, Sie wissen ja: Es ist eine Phase, es ist eine Phase, es ist…!

Mein Plan für die nächsten Monate Jahre ist simpel: Ich werde die Schnecken und den Herbst und die Pubertät einfach wegradeln, der eigenen Psychohygiene zuliebe. Ich plane sozusagen tägliche Fahrradfreuden ein. Und Sie? Zu welcher Kategorie Autofahrer gehören Sie? Anders gefragt, wenn Ihnen morgen eine fröhliche Mitdreißigerin auf einem holländischen Mami-Rad entgegenkommt, werden Sie lächeln und winken? Ich würde mich freuen!

Mamifahrrad

 

DIY: Blobbs!

Eins vorneweg: Kinder lieben Blobbs.

Ich liebe Blobbs auch, denn während dieser Tage mein Über-Ich qualitativ hochwertige Kinderbeschäftigung anmahnt, erhebt mein Unterbewusstsein schüchtern das Stimmchen und bittet zaghaft um ein wenig Ruhe. Ein Gegensatz? Nicht unbedingt. Denn hier kommt der Blobb ins Spiel, ein Kinder-Ferien-DIY vom Feinsten.

Blobb

Blobbs sind super. Vor allem super einfach herzustellen. Man benötigt:

  • Wasserfarben
  • Pinsel
  • Strohhalm
  • Papier
  • Wackelaugen, wenn vorhanden, und einen schwarzen Filzstift

Die mit viel Wasser angerührte Farbe wird auf das Papier getropft und sofort kräftig mit dem Strohhalm angepustet. Je nach Winkel ergeben sich unterschiedliche Figuren. Natürlich kann man mit dieser Technik auch ganz andere Dinge herstellen: Zart verästelte Bäume, wilde Haare, ein Feuerwerk, kämpfende Schnodderbazillen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wohl aber dem kindlichen Mitteilungsdrang, denn überlegen Sie mal, wie viel Geräusch ein Kind mit Strohhalm im Mund noch produzieren kann. Na? Und das ist es, was ich an der Herstellung von Blobbs so mag.

Natürlich sind Blobbs sogar pädagogisch wertvoll, trainieren sie doch Mundmotorik, Auge-Hand-Koordination und Kreativität. Also wenn das mal nichts ist.

Mehr Anregungen gibt es – na klar – bei Pinterest. Viel Vergnügen!

 

Über Sommerferien, Punktewahn und das Recht auf schnörkellose Familienzeit

Sommerferienbeginn! Welch magische Worte. Glaubt man den weichgefilterten Bildern gepflegter Blogs oder den Artikeln diverser Magazine, die ich quartalsmäßig mit Wonne einsauge, dann wartet der (Familien-) Sommer unseres Lebens auf uns. Traut man hingegen den bereits seit Wochen vor Kindergarten- und Schultoren geäußerten Wehklagen mancher Mütter, dann ist es wohl eher der Gang aufs Schafott, der uns bevorsteht.

Zwei Sichtweisen einer Begebenheit und wie so oft macht es sich die Realität in der Mitte bequem und zischt sich amüsiert eine bittersüße Limonade. Nein, ich mag nicht einstimmen in das Gejammer darüber, wie mühevoll die kommenden Wochen für die Eltern werden.

Ja, Ferien können extrem anstrengend sein, weil Kinder es eben auch sein können. Akzeptiert man diesen Punkt, geht es erfahrungsgemäß etwas leichter. Vielleicht sollte man auch die Gelegenheit nutzen und an seinen Erwartungen und Ansprüchen herumschrauben. Natürlich ist die Vorstellung an lauen Abenden mit all unseren Lieben an hingebungsvoll dekorierten Tischen zu sitzen verführerisch. Ja, möglicherweise schmeckt die Rhabarberschorle tatsächlich besser, wenn sie vorher in Marmeladengläser umgefüllt und mit bunten Papierhalmen angeboten wurde. Aber… glauben wir das wirklich? Wollen wir das glauben?

Machen wir uns nicht lächerlich, wenn wir es tun?

Die Sehnsucht, die dahinter steckt, ist wohl so simpel wie utopisch: Das Stückchen heile Welt. Ein dem Lauf der Zeit entrückter Moment, ein wohlumschlossener Ort für uns und die Unseren. Fernab von Konflikten, Problemen und anderen Unwägbarkeiten, ausgeschmückt mit zarten Stoffen, leckerem Essen und so viel Nähe und Vertrautheit, wie sich gerade noch ertragen lässt. Blättern Sie einmal die aktuellen ländlichen Wohlfühlmagazine durch und Sie wissen, was ich meine. Fröhliche Kinder in blütenweißen Leinenhemden, die an Bachufern Bötchen aus Naturmaterialien schwimmen lassen. Das Miniweh hat auch Spaß an solchen Dingen. Die Dreckschicht, die sich bereits im Laufe des Vormittags auf seinem kleinem Gesicht und – hartnäckiger noch – unter den Fingernägeln breitmacht, zeugt davon. Es kocht auch gerne Suppe aus Regenwürmern und Ameisen, wenn man nicht aufpasst. Blütenweiß ist da nicht mal die kleine Kinderseele. Ich denke, wir müssen aufpassen, dass dem Sommer nicht das gleiche Schicksal blüht wie der Weihnachtszeit: Eine Überbordung von Terminen und Erwartungen, an denen wir letztendlich nur scheitern können, da hilft auch das Aufhübschen mit passenden sommerlichen Accessoires nichts.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Ich habe rein gar nichts gegen ein bisschen Bullerbü-Romantik, aber muss auf einmal alles gepunktet sein? Müssen die Servietten beim Picknick unbedingt farblich mit den Muffinförmchen harmonieren? Und wenn man sich auf diesen Wahnsinn einlässt (denn Wahnsinn ist es; der Familie ist es nämlich herzlich egal, wie alles verpackt ist. Hauptsache, es schmeckt!), wo ist die Grenze? Beim sauteuren Picknickkorb aus geflochtener Weide oder beim geschmackvoll gezupften Salat aus Rauke, Weinbergpfirsichen und echtem Büffelmozzarella? Hänge ich schnell noch die selbstgenähte Wimpelkette und ein paar Lampions in die Baumwipfel, oder tun es doch die Teelichte auf dem Tisch? Kann man sich eigentlich zu Tode dekorieren? Und was passiert, wenn man sich dem verweigert?

Ehrlich, ich habe es satt! Weg mit dem Dekorierwahn, den kleinen, herzigen Paper Straws und Flaschenhals-Aufklebern (ja, so etwas gibt es tatsächlich), es reicht! Auf das Recht für schnörkellose Familiensommerzeit! Die Probe aufs Exempel ließ nicht lange auf sich warten, am Wochenende stand ein Familienausflug ans Rheinufer an. Mit dabei die Minimalausrüstung:

  • Schaufeln und Eimer
  • eine olle Decke und ein Handtuch
  • zwei Flaschen Wasser
  • ein paar Stücke Kuchen
  • Sonnencreme und drei Pflaster
  • ein eingetupperter nasser Waschlappen

Das war’s. Keine Servietten, keine Becher, kein Buch. Nicht mal Apfelschnitze. (Dabei weiß ja jeder, dass die gut vorbereitete Mutter wenigstens diese dabei hat.) Ich gebe zu, ich war nervös. Was wäre, wenn eins der Wehwehchen sich wirklich übel den Fuß an einer Scherbe aufschneiden würde? Was, wenn uns alle plötzlich der Riesenhunger überkäme? An Horrorszenarien herrscht im Kopf einer Mutter häufig kein Mangel, Sie kennen das sicher?

Doch raten Sie mal, wie es war… Richtig; ziemlich gut. Und irgendwie einfach. Nichts ist passiert. Zwar hatten irgendwann alle Hunger und sind nach plötzlichem Wolkenbruch auch pitschnass geworden, aber die Stimmung war gut und das Marmeladenbrot zu Hause sehr lecker.

In diesem Sinne, auf entspannte Sommerferien!

 

Fearful Fours

Ich würde ja gerne bloggen, aber leider machen mich meine Kinder gerade irre. Oder sind es. Oder beides. Wer weiß das schon so genau?

Vielleicht liegt es ja am Wetter oder an den nahenden Ferien? Jedenfalls ist die Stimmung im Hause Weh derzeit kurz vor dem Siedepunkt. Während das größere Wehwehchen die Tiefausläufer der Pubertät zu erforschen beginnt, schlagen beim Miniweh die „Fearful Fours“ zu: Kein Tag ohne Szenen, dramatische Auftritte oder Tränen. Trotzyoga vom Feinsten. Das Miniweh wird sicherlich einmal eine ganz starke Persönlichkeit! Als wäre das noch nicht genug, wird es auch noch von einer besonders perfiden Art der konditionierten Fallsucht heimgesucht. Bei jedem „Nein“ geht das kleine Trotzköpfchen unter lautem Geheule zu Boden. Die Beine sehen aus…! Ehrlich, hier dürfte das Jugendamt im Moment auch nicht klingeln kommen. Die würden das Kind ja sofort in Obhut nehmen bei den ganzen blauen Flecken, so verdötscht wie es aussieht.

Obwohl… so ein Tag ohne Kinder… hmmm?

Wie wäre das? Vor allen Dingen wohl ruhig. Sehr ruhig. Es mag ebenfalls an den „Fearful Fours“ liegen, dass das Miniweh jedem seiner Sätze ein „Mama!“ voranstellt. In einer Tonlage, die einer entrüsteten Amsel nahekommt. Ja, das ist frequenzmäßig nah am Tinnitus und gefühlsmäßig irgendwo zwischen Nervenzusammenbruch und kochendem Blut anzusiedeln. Und das Miniweh redet viel, wenn der Tag lang ist. (Und die Tage sind lang!) Jetzt könnte man meinen, das Kind sei einfach nicht erzogen und wir Eltern sollten doch – verdammt noch eins! – endlich unseren Job machen. Weitgefehlt. In der Öffentlichkeit ist der kleine Ehesegen nämlich einfach Zucker: Niedlich, umgänglich, folgsam. Der Horror beginnt in den eigenen Wänden. Bleibt nur die Landflucht, oder doch die Kinderlandverschickung?

Und die Nächte erst! Habe ich davon schon berichtet? Keine Nacht ohne Pipi-, Albtraum- oder Stofftieralarm. Seit Wochen! Schlafmangel ist übrigens eine anerkannte Foltermethode. Eltern wissen, warum. Es ist schon clever eingerichtet von der Natur, dass Elternliebe das stärkste Gefühl überhaupt ist. Was würde einen sonst daran hindern, der eigenen Brut ein Schild mit der Aufschrift „Nimm mich mit!“ um den Hals zu hängen und sie an der nächsten Straßenecke abzustellen? Genau daran habe ich heute Nacht um 2.03 Uhr gedacht, als ich zum wiederholten Male ans Bett des Miniwehs gerufen wurde. Doch es war wirklich wichtig. Das Kind musste mir seine kleinen Ärmchen um den Hals legen, meinen Kopf ganz nah zu sich heranziehen und mir ein „Mama, weißt du, ich habe dich lieb bis zum Edeka und zurück!“ ins Ohr raunen.

Clever, Mutter Natur, wirklich clever!

 

Rennsemmelerfahrung

Die Familienkutsche ist in der Werkstatt.

Das ist schon mal per se schlecht, schließlich haben auch die Familienmitglieder unter 1,50 m diverse Verpflichtungen und Verabredungen, zu denen sie pünktlich erscheinen sollen. Ein Loblied daher auf den Leihwagen, dessen Schlüssel mir im Tausch gegen das lädierte Mobil ausgehändigt wird. Frohgemut und nur leicht durch den Transport des Kindersitzes beeinträchtigt, stehe ich auf dem Hof der Werkstatt und halte Ausschau nach der fahrbaren Überbrückungsmöglichkeit. „Es ist der Polo da drüben!“, werde ich von einem freundlichen Mitarbeiter dirigiert. Aha, was Kleines, denke ich. Na gut, warum auch nicht. Als ich mich bücke, um den Kindersitz festzuschnallen, komme ich ein wenig ins Schwitzen. Der ist aber wirklich ganz schön tief. Das Miniweh allerdings freut sich, kann es doch ganz elegant und völlig ohne zu klettern ins Wageninnere hineingleiten. Der freundliche Mitarbeiter informiert mich noch darüber, dass der Wagen tiefergelegt sei und über eine hohe PS-Zahl verfüge. Beides Informationen, die mein Gehirn zwar streifen, aber recht schnell als irrelevant eingestuft werden. Ein Fehler!

Ich lasse den Wagen an und trete wie gewohnt das Gaspedal durch. Was zum…!!!, denke ich noch, bevor ich den Hof der Werkstatt mit quietschenden Reifen verlasse. Das Miniweh johlt von hinten, mich presst es in den Sitz. Holla, eine Rennsemmel! Im Rückspiegel sehe ich den Mechaniker hektisch winken, aber da sind wir schon runter vom Hof.

Wir schaffen den Nachhauseweg in Rekordzeit und auch die nächsten Tage scheinen viel schneller an mir vorbeizurauschen. Ist das wohl der Adrenalinkick? Ich gewöhne mich überraschend schnell an das neue Gefühl unterm Hintern und sammle eine Vielzahl neuer Erkenntnisse:

  • Es ist viel leichter, in einem kleinen Flitzer zu lächeln, als in einem Familienmobil. Der Sog zieht die Mundwinkel nach oben.
  • Man ist viel schneller nach der Arbeit beim Kindergarten, wenn man die linke Spur auf der Autobahn nutzt.
  • Auch in einem Leihwagen kann man geblitzt werden. Fragt sich nur, wer es bezahlt.
  • In einem Auto mit der entsprechenden Ausstattung ist es nur unter Aufbietung jeglicher Willensstärke möglich Tempo 30 zu fahren. Scheint so, als würde der rechte Fuß magisch nach unten gezogen werden.
  • Auch ich verfüge über ein Proll-Gen. Erschreckend.
  • Es ist schwierig, dem Nachwuchs klarzumachen, dass in einem Leihwagen nicht gegessen wird. Auch kein Eis. Auch keine Schokolade. Nicht mal ein Brötchen!
  • Aufgeklebte Rennstreifen machen ein Auto tatsächlich wendiger. Faszinierend.
  • Egal, welchen der 8 vorprogrammierten Radiosender man anwählt, es läuft immer ein Sender mit Ums-Ums-Ums-Musik. Legt man eine CD mit dem Forellenquintett ein, streikt der CD-Player.
  • Die eigenen Kinder finden einen viel cooler, wenn die Reifen beim Abholen quietschen.
  • Man zieht auf einmal die Aufmerksamkeit völlig anderer Personengruppen auf sich. Dabei reicht die Spanne vom Bauarbeiter bis zur Verkehrsstreife.
  • Tiefergelegte Autos und hohe Bordsteine sind eine sehr ungünstige Kombination.

Trotz der kostenlosen Rauscherfahrung bin ich froh, als ich drei Tage später den Polo wieder gegen das behäbige Mama-Taxi eintausche. Ich tätschle unserer Knutschkugel die Motorhaube und tuckere gemächlich nach Hause. Im CD-Player laufen die schönsten Lieder der Sesamstraße, auf dem Rücksitz sitzt das singende Miniweh und krümelt einen Keks ins Wageninnere. Ein warmes Gefühl macht sich in meiner Brust breit. Schön,  wieder zu Hause zu sein!

 

Backofenglück

Hand auf’s Herz: Kochen Sie immer und jederzeit gerne für Ihre Familie? Wirklich? Ich nicht. Zu verschieden die Geschmäcker, zu wechselhaft der Appetit. Unsere persönliche Top-Ten-Liste der Gerichte, die allen schmecken, hüte ich daher wie meinen Augapfel.

Was bei den Wehwehchen immer, immer, immer geht, ist Pfannkuchen. Und damit meine ich nicht die Berliner-Variante des mit Marmelade gefüllten Krapfens, sondern tatsächlich den großzügig mit Apfelspalten belegten runden Klassiker der Kinderküche. Der zugegeben etwas Zeit braucht. Es sei denn – und hier kommt der Tipp aus der gut gehüteten Top-Ten-Liste – man nimmt den Backofen zu Hilfe. Das spart enorm Zeit am Herd ein, kommt dann allerdings eckig daher und nicht rund. Macht aber nichts, denn der Geschmack ist super! Saftig, fruchtig, süß – lecker! Einziger Nachteil: Es könnte zu wenig sein…

So sieht das Ergebnis dann aus:

Backofenpfannkuchen

Apfelpfannkuchen vom Blech:

  • 200 ml Milch
  • 100 ml Mineralwasser
  • 240 g Mehl
  • 1 gestrichener TL Backpulver
  • 5 Eier
  • 1 Prise Salz
  • 3 säuerliche Äpfel
  • 50 g Butter
  • 1 TL Zimt
  • 50 g Zucker

Die Zutaten für den Teig verrühren und eine Weile stehen lassen. Den Backofen auf 180° C vorheizen. Derweil 3 große Äpfel in Spalten schneiden und mit Zitronensaft beträufeln. 50 g Butter schmelzen und mit Zimtzucker verrühren. Den Teig noch einmal durchrühren und auf einem mit Backpapier belegten Blech verteilen. Die Apfelspalten verteilen (macht man das alleine, dann kann man schön akkurat dabei bleiben, macht man es mit Miniwehhilfe, sieht das Ergebnis aus wie auf dem Foto) und die geschmolzene Butter-Zucker-Mischung darauf tröpfeln.

Ungefähr 12 Minuten bei 180° C backen.

Guten Appetit!

 

Von Penisneid und Vorzeigedaddys

Lieber Kai,

ich habe nie zu den Frauen gehört, die unter Penisneid leiden. Auf Männer eifersüchtig sein? Du liebe Güte, warum? Bartwuchs, Nasenhaare, Testosteron… nee, wirklich nicht.

Aber manchmal – selten, doch nicht zu ignorieren – überkommt mich leichter Neid gegenüber euch Papas. Ich meine jetzt nicht diese ganzen abwesenden Väter, die es wohl immer noch häufig gibt, sondern die an Beruf und Familie gestählten Superdaddys. Ja, genau die, die ganz betont auf Familie machen. Da sitze selbst ich bisweilen seufzend am Spielplatz und möchte auch so starke Arme haben, die der Welt signalisieren, dass sie neben einem ansehnlichen Familieneinkommen auch noch locker einen Zwillingswagen stemmen können. Ohne zu schwitzen! Mich schafft bereits ein ganz normaler Wocheneinkauf. Naja, zugegeben, ich würde mir nicht unbedingt die Namen meiner Kinder auf den Bizeps stechen lassen, die merke ich mir dann schon anders. Aber die Arme an sich… boah, Neid! Stark genug, um das Kind auf das allerallerhöchste Klettergerüst des ganzen Spielplatzes zu heben, und kräftig genug, es aufzufangen, wenn das doch keine so gute Idee war.

Und, Kai, es sind nicht nur die Arme, auf die wir Mütter manchmal schielen, so das Ergebnis einer nicht repräsentativen Umfrage im Kreis meiner Freundinnen. Es ist auch die Einstellung. Gott, Daddys, ihr seid so locker! Diese Fähigkeit, ganz im Moment zu verweilen, egal, ob im Sandkasten oder beim Legospiel, ist bewundernswert. Euch gelingt, woran wir häufig scheitern: die Konzentration auf nur eine Sache. Wir Mütter machen sogar dann mehrere Dinge gleichzeitig, wenn man nichts davon sieht. Die Einkaufsliste überdenken, den nächsten Kindergeburtstag planen oder bereits über die Sauerei mit den Wasserfarben stöhnen, bevor das Glas mit dem Pinselwasser überhaupt umgekippt ist. Ihr geht eindeutig lässiger mit Unordnung um, vermutlich, weil ihr sie mitproduziert. Unwichtige Details überseht ihr einfach – Dreck hat bei euch keine Stimme. Uns schreit er an.

Es ist die Fähigkeit zu genießen, um die wir euch zeitweilig beneiden. Ihr habt Spaß, wir den Alltag.

Das macht sich auch beim Coolnessfaktor bemerkbar. Der ist nämlich bei euch deutlich höher ausgeprägt. Vielleicht weil man euch selbst beim Tragen einer Jack Wolfskin Jacke noch den Großstadtjäger abnimmt, während man in uns im gleichen Aufzug nur noch mitleidslos das praktische, ungestylte Mutti sieht. Möglicherweise aber auch, weil ihr wisst, dass ihr euch dieses Image leisten könnt. Der Zeitgeist trägt euch, als engagierter Vater (und ja, das wollen wir Frauen so!) kann man punkten, weil es eben mancherorts doch noch einer kleinen Sensation gleichkommt, wenn Daddy sich die Manduca umschnallt. Bald wird das hoffentlich nichts besonderes mehr sein, sondern gelebte Gleichberechtigung, das wollt ihr doch auch?

Noch seid ihr auf Elternabenden in Kita und Grundschule aber eher Mangelware. Vielleicht sind die Stühle auch deshalb so winzig. Ein ordentlicher Männerhintern verirrt sich nicht so häufig in Mäuschengruppe und Pinguinklasse. Wenn doch, dann werdet ihr entweder geschnitten oder angehimmelt. Unangenehm ist beides und so äußert ihr euer Unbehagen gerne in einem markigen Spruch. Ihr könnt sicher sein, es gibt immer ein paar Mütter, die kichern werden.

Manchmal denke ich, dass weniger der wirkliche Unterschied zwischen Vätern und Müttern so groß ist, als vielmehr der Blickwinkel, aus dem die Gesellschaft ihn betrachtet. Und da wird mit euch Daddys zugegeben auch nicht immer fair umgegangen. In speziellen Väterforen schütten sich Elternzeitpapas ihr Herz darüber aus, dass sie sich sexuell diskriminiert fühlen. Denn mag es auch im Hirn der Spielgruppenmamis angekommen sein, dass Männer den Laden ebenfalls schmeißen können, markieren doch die Lenden den Unterschied.

Nach einer Geburt (je nach Paar variiert diese Zeitspanne zwischen ein paar Tagen und ein paar Jahren) brauchen Frauen keinen Sex, schließlich sind sie emotional völlig überzuckert von dem kleinen Bündel an ihrer Brust. Gestählte Männerkörper – und seien sie auch noch so sehr mit angeranzter Milch gesprenkelt – können da bedrohlich wirken. Besonders in einer Frauenbastion wie der Spielgruppe.

Womit wir wieder bei den starken Armen wären. Ich habe jetzt drüber nachgedacht, Kai. Der einzige Grund, warum es gut ist, dass ihr die habt und nicht wir, ist, dass wir uns hineinwerfen können. Denn wir können uns sicher sein, dass ihr uns auffangt. Und das ist gut so!

 

Herzliche Grüße

deine Frau Weh

 

„Mein Vater ist ein Supermann …

…weil der wirklich alles kann!“

Keine Lust zum Gedichtlernen und keine Idee für ein Vatertagsgeschenk?

Keine Sorge, die Zeit reicht noch aus für ein kleines DIY-Projekt,

Pinterest sei Dank!

Man benötigt:

  • Kinder in beliebiger Anzahl
  • Karton oder feste Pappe (Pizzakartons gehen super!)
  • Stift
  • scharfe Schere
  • Fotoapparat
  • Sonne

Vatertag

Alles Liebe zum Vatertag!

 

Nähnot statt Nähnerd

Hallo, mein Name ist Frau Weh und ich kann nicht nähen.

So, jetzt ist es raus. Jahrelang stellte dieser Umstand kein Problem dar, aber nun habe ich Kinder, die ihre Tage in Institutionen mit Bildungsauftrag verbringen, was immer wieder zu Problemen verschiedener Art führt. Das Miniweh beispielsweise muss auf dem Kindergartenfest

(„Wir bitten um Ihre Mithilfe. Nur wenn sich jeder einbringt, wird es ein tolles Fest für uns alle!!!“)

eine Blume spielen. Eine rote. Das ist wichtig, denn im Singspiel testet der Schmetterling erst verschiedene Blüten an, bevor er sich für eine entscheidet. Ich persönlich finde die Botschaft dahinter zumindest fragwürdig, habe aber keine Zeit mich damit näher zu befassen, denn ich muss ja für passende Gewandung sorgen. Ziemlich zeitgleich verkörpert das größere Wehwehchen eine Fliege beim bunten Abend der Unterstufe

(„Wir hoffen auf Ihre freundliche Unterstützung und Hilfe. Wenn jeder zum Gelingen des Abends beiträgt, werden unsere Kinder eine tolle Erfahrung auf der Bühne machen können!“).

Richtig gelesen, eine Fliege. Ich war auch beeindruckt! Wer erwartet bei Fünftklässlern schon eine szenische Interpretation von Kafka?

Nein, klärt mich der Sohn auf, nicht Kafka, sondern Heinz Erhardt sei der Urheber des Gedichts und er benötige das Kostüm übrigens bis Freitag. Mit Facettenaugen. Das ginge gut aus Teesieben herzustellen, sage Frau Nähnerd, die Kunstlehrerin, und im Internet könne man sich kinderleichte Anleitungen besorgen. Ich verkneife mir einen Kommentar über diese hilfreiche Feststellung und kaufe Teesiebe.

Natürlich weiß ich in der Theorie, wie das mit Nadel und Faden funktioniert. Ich kann Knöpfe annähen und wenn ich etwas mehr Zeit investiere, gelingt es mir bisweilen sogar, einen Flicken so auf einer durchgescheuerten Jeans festzubügeln, dass er hält. Bei allem darüber passe ich. Das gilt aber nicht. Gute Mütter besitzen eine Nähmaschine und wissen sie auch zu bedienen. Das merkt man schon im Kindergarten, wo alle immer so ultraniedliche Tüchlein und Mützchen tragen („Hübsch, wo hast du das denn her?“ Glockenhelles Lachen zur Antwort: „Aber das ist doch seeeeeeelbstgemacht!“), von den selbstdesignten Kindergartentaschen ganz abgesehen, auf denen in fröhlich-bunten Buchstaben der Name des Nachwuchses prangt. Das Miniweh trägt Tchibo auf dem Rücken und ich Asche auf dem Haupt.

Zurück zur Fliege. Während das mit der Blume noch recht fix ging, werden Puck und ich keine Freunde. Nach verschiedenen hoffnungslosen Bemühungen ein Flügelpaar herzustellen, habe ich aus lauter Not irgendwann zur Heißklebepistole gegriffen. Ein Fehler. Denn während der Kleber einfach durch Netzstoff hindurchtropft, klebt schwarzer Filz ganz hervorragend auf der Schreibtischplatte. An die Teesiebe habe ich mich gar nicht erst herangetraut. Wie befestigt man denn Metall? Mit dem Lötkolben? Dem Schweißgerät?

Zwei Tage später, gerade noch pünktlich, liefert der Postbote das nächtens bestellte Kostüm. Am späten Abend trenne ich in aller Heimlichkeit ein, zwei Nähte auf und befestige die Teesiebe mit ein paar groben Stichen an der Kopfbedeckung. Ich verstärke die etwas traurig herunterbaumelnden Flügel mit Pappe und betrachte das vollendete Werk mit leichtem Stolz.

Es sieht… selbstgemacht aus!

Jeff Goldblum würde vermutlich nur abfällig die Mundwinkel heben, aber für die auf dem bunten Abend vertretene Müttermafia mag es durchgehen.

Völlig übermüdet, aber seltsam euphorisch warte ich am nächsten Nachmittag ungeduldig auf die Rückkehr des größeren Wehwehchens aus der Schule. „Und?“, will ich wissen, „was war mit dem Kostüm?“

„Ach das. Brauche ich nicht mehr, ich spiele jetzt eine Made.“

 

Funfood

Vitamine ins Kind zu bekommen ist ja immer so eine Sache. Obgleich die Wehwehchen generell gerne Obst und Gemüse essen, variiert die Bereitschaft dazu tageweise. Da geht plötzlich nur noch Salatgurke, dafür auf gar keinen Fall Möhren. Äpfel gern, aber heute bitte ohne Schale, und Heidelbeeren nur, wenn sie richtig rund sind. Nicht zu vergessen die Phasen, in denen der Nachwuchs am liebsten über Wochen Nudeln pur oder Knäckebrot oben ohne isst. An manchen Tagen gleicht die optimale Familienmahlzeit der Quadratur des Kreises. Da kann das Aufschneiden einer Paprika zur kritischen Prüfung werden.

Hilfe wird dem zuteil, der einen Blick ins Mutterland verzweifelter Hausfrauen wirft: Siehe da, in den USA, dem unangefochtenen Spitzenreiter in Sachen hochkalorischer Sauereien, erfreut sich die stilisierte Zubereitung von gesunden Snacks immer größerer Beliebtheit. Da werden ganze Landschaften aus Rettich geschnitzt, Apfelschnitze erst zu Raupen, dann zu Schmettertlingen gelegt oder Melonen zu wahren Kunstwerken verarbeitet. Käseigel war gestern, heute bietet man dem Nachwuchs Fun Food als Zwischenmahlzeit. Derart inspiriert blicke ich weiter nach Japan und werde schier erschlagen von Bildern perfekt in Szene gesetzter Bentoboxen: Würstchen in Dackelform, Hello Kitty-Reisbällchen und Cocktailkirschen, die aussehen wie Koikarpfen en miniature.

Wie gerne würde ich mich an dieser Stelle darüber mokieren und die strikte Linie vertreten, dass ein Apfel ein Apfel ist und als solcher bereits perfekt in Form, Farbe und Verpackung! Aber zu spät, es hat mich erwischt. Und so gibt es auch im Hause Weh von Zeit zu Zeit Vitamine im Pinguin- oder Schneemannkostüm. Dann darf eben doch mal mit dem Essen gespielt werden…

Funfood

 

Schnell-Diät

Was ist der Satz, der Sie am treffendsten charakterisieren würde? Meiner lautet: Ich muss noch schnell…

Tatsächlich meine ich erstaunlich viel im Laufe des Tages noch schnell tun zu müssen: Wäsche machen, kochen, einkaufen, E-Mails abrufen, Blumen gießen, am Schreibtisch arbeiten usw. Säße das Miniweh bei Dingsda, ich wüsste genau, wie es mich beschreiben würde: „Das ist doch die Frau, die mal eben schnell noch was machen muss.“

Soll die Erinnerung meiner Kinder an mich später so aussehen?

Völlig unvorbereitet und vor der Waschmaschine hockend auch in denkbar schlechter Position für wichtige Denkprozesse, schoss mir diese Frage vor einigen Tagen mit extra scharfem Feinschliff durch den Kopf. Kurz zuvor hatte ich das Miniweh, das in seinem Zimmer mit Hingabe kleine Papierschnipsel schnitt und mich zum Mittun aufforderte, auf später vertröstet. Ein Später, das vermutlich nicht kommen würde, würde ich meinem vollgepackten Plan für diesen Nachmittag folgen. Ich ließ die Bettwäsche sinken und spürte, wie sich langsam das große, schwarze Loch schlechter Mutterschaft unter mir öffnete. Schon waberten die schwefeligen Dämpfe des Versagens hoch auf. So sollte das nicht laufen! Aber was könnte die Lösung sein? Den Haushalt links liegen lassen? Oder etwa die Kin…!?

Erschreckt riss ich die Augen auf. Soweit war es also schon mit mir gekommen, dass ich ernstlich darüber nachdachte, die Kinder zu ignorieren, der sauberen Wäsche wegen. Du liebe Güte! Aber Tatsache ist ja nun, meldete sich da tapfer ein Teil meiner Selbst, der so gar keine Erfüllung im Basteln, Schnipseln und Kleben finden kann, Tatsache ist ja nun, dass man nicht immer Bock hat, auf jede Spiellaune des Kindes zu reagieren. Und gut für das Kind ist das auch gar nicht! Sagen ja auch die Experten! Ätsch! Mit einem kleinen Plumps ließ sich die Miniatur-Frau Weh auf meiner Schulter nieder und wischte sich den Schweiß von den winzigen Hörnchen auf ihrer Stirn.

Aber sollte man den Kindern dann nicht auch ehrlicherweise sagen, dass man keine Lust auf Spielen hat, anstatt die Wäsche vorzuschieben? Und überhaupt, habe ich denn Bock auf Wäschemachen?
Das steht nicht zur Debatte, das wird eben erledigt, stellte die Miniatur-Frau Weh pragmatisch fest und bewarf mich mit einem Socken.

Also musste ein Mittelding her, eine Balance zwischen Tun und Lassen, Vertrösten und Verneinen. Eine Diät müsste es sein! Eine Schnell-Diät. Die kommende Woche, so gelobte ich feierlich zwischen Waschmaschine und Trockner, den Socken zum Schwur erhoben, sollte mir diese Worte nicht über die Lippen kommen! Kein mal eben mehr, kein noch schnell müssen; ich würde mir Urlaub nehmen vom schnell-machen-Müssen, jawohl!

Die Aufgabe: Eine Woche das Wort „schnell“ vermeiden…

Tatsächlich war es weniger schwer, als zunächst angenommen. Naja, zugegeben, der Start war holperig. Zu festgefahren sind die Gewohnheiten, auch die verbalen. Sehr häufig schlich sich das Wörtchen anfänglich noch auf die Zunge. Dann wurde es einfacher. Statt noch schnell zum Bäcker laufen, ging ich eben jetzt Brötchen holen. Der Moment wurde wichtig, nicht das Vorübergehen desselben. So ging das also. Ich signalisierte den spielfreudigen Wehwehchen, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt mit ihnen Zeit verbringen würde, ich aber vorher noch das ein oder andere tun würde. Ohne meine Aktion durch das „schnell mal eben“ herabzusetzen und ohne das Wort „müssen“ zu gebrauchen. Je geübter ich wurde, umso einfacher wurde es auch für die Kinder. Es ist deutlich leichter auf einen bestimmten Zeitpunkt, als auf einen unbestimmten zu warten. Irgendwie logisch, oder?

Überraschenderweise schlucken sie es jetzt auch ganz ohne Probleme, wenn ich ihnen dann und wann zu verstehen gebe, dass ich auch mal absolut keine Lust habe. Keine Lust über Minecraft zu reden, keine Lust Purzelbäume zu schlagen oder zum fünften Mal Tempo, kleine Schnecke zu spielen. Stattdessen würde ich jetzt eine halbe Stunde auf dem Sofa liegen und ein Buch lesen. Und was sagt das Miniweh dazu? „Ist gut, Mama!“

Wow, das nennt man dann wohl einen Diäterfolg. Mal sehen, wann der Jojo-Effekt einsetzt…

 

Arztbesuch mit Miniweh

Bereits als ich die Hautarztpraxis mit dem Miniweh im Schlepptau betrete, ahne ich, dass es ein langer Nachmittag werden wird. Die Schlange vor der Anmeldung reicht bis weit in den Flur und obgleich ich einen Termin habe, brauche ich knapp 12 Minuten, um der freundlichen Mitarbeiterin überhaupt mitzuteilen, dass wir anwesend sind.

Endlich im Wartezimmer, der nächste Schock: 18 Patienten befinden sich bereits dort, zwei von ihnen müssen schon an der Wand lehnen. Ein junger Mann steht freundlicherweise auf und winkt das Miniweh und mich auf den freigewordenen Platz, den ich dankbar annehme. Doch das Miniweh hält es nicht lange auf dem Stuhl, es hat den Monitor erspäht, auf dem Fotos sämtlicher in der Praxis behandelbarer Hautkrankheiten in Endlosschleife und Großformat ablaufen: Nagelpilz, Fußpilz, flache Warzen, knubbelige Warzen, sogar welche mit Haaren drauf sind zu sehen. Oh nein. Noch will ich das Kind mit einem Bilderbuch ködern, aber zu spät:

„Boah, Mama! Was ist das denn?“

„Ui, guck doch mal, Mama, wie DAS aussieht.“

„Und hier… ooooohhhh!“ Das Miniweh reißt die Augen auf und deutet fasziniert auf ein gelblich-eiterndes Gebilde mit ausgefransten Wundrändern.

Ich atme tief durch und bin unendlich froh darüber, dass niemand der mit uns Wartenden eins der abgebildeten Krankheitsbilder offen zur Schau trägt, während ich dem Miniweh mit leiser Stimme die Bilder erkläre. Tut diese Art der Präsentation wirklich not an dieser Stelle? Wo kämen wir hin, wenn beim Zahnarzt kariöse Zähne über den Monitor flimmern würden? Oder Darmschlingen beim Gastroenterologen? Da reißt mich das laute Lachen meines Sprösslings aus den Gedanken. Auf dem Bildschirm prangt groß, prall und dunkelrot das Bild einer Kirsche, darüber der Satz „Haben Sie Hämorrhoiden? Sprechen Sie uns an!“

„Ähm“, stammle ich nicht sehr intelligent, „das ist eine Kirsche.“

Die Mundwinkel der anderen Wartenden zucken. Einer lacht: „Die wächst auffem Baum, genau neben den Fußpilzen.“ Das Miniweh legt den Kopf schief, kneift die Augen zusammen und denkt nach.

„Du, Mama, das was der Mann gesagt hat, das stimmt doch gar nicht, der ist wohl doof!“

„Mensch, Erwin!“, die neben dem Herrn sitzende Dame, offenkundig seine Ehefrau, knufft ihn resolut in die Seite. „Getz lass ma, das arme Ding ist doch schon fix und alle.“ Sie lässt offen, ob sie mich oder das Miniweh meint, aber immerhin gibt Erwin nun Ruhe. Im Gegensatz zum Miniweh, das sich weiterhin lautstark darüber echauffiert, dass der Erwin aber ein Quatschkopf wäre und wohl selber Pilze hätte, womit es ja durchaus Recht haben könnte. Nichtsdestotrotz weise ich meinen Nachwuchs in die Schranken und da sich nun die Bilder auf dem Monitor wiederholen, ist das Miniweh endlich bereit, auf meinem Schoß ein Buch anzusehen.

„Jeden Morgen weckte Franz von Hahn den Bauernhof.“, beginne ich mit gedämpfter Stimme, was sofort Protest hervorruft. „Boah, lauter, Mama, ich kann gar nichts hören!“

Ich schwitze bereits ein wenig und habe das Gefühl, aller Augen seien auf uns gerichtet. „Die anderen Leute möchten nicht alle die Freunde vorgelesen bekommen“, erkläre ich dem Miniweh.

„Och“, meldet sich da erneut Erwin zu Wort, „ich hätte da nix gegen, wa!?“ Auch andere Patienten nicken lächelnd, lediglich eine jüngere Frau mit hohen Absätzen und grellem Lippenstift schüttelt missbilligend den Kopf und schaut demonstrativ auf ihr Smartphone. Also lese ich dem gesamten Wartezimmer zweimal die Geschichte von Schwein, Maus und Hahn vor: „Dann holten sie ihr Fahrrad aus dem Heuschober und radelten in den Morgen hinein.“ Oh, wie gerne würde ich jetzt auch gerne wegradeln. Ganz egal wohin. Ein Arztbesuch steht auf meiner Liste der angenehmen Nachmittagsbeschäftigungen mit Kind weit, weit unten, aber manchmal geht es eben nicht anders.

Nach langen 40 Minuten werden wir in eins der Behandlungszimmer gerufen. Ich darf mich freimachen, während das Miniweh interessiert das System des Lamellenvorhangs zu ergründen versucht. Vielleicht ist es Murphys Gesetz, vielleicht auch nur Pech – es versteht ihn just in dem Moment, in dem ich obenrum entblößt bin. Dass auf der anderen Seite des Fensters ein Bauarbeiter auf einem Gerüst steht und mit offenem Mund zu uns herüberglotzt, ist da irgendwie nur logisch. Hektisch den einem Arm vor die Brust ziehend, den anderen Arm Richtung Lamellenvorhang vorstoßend, stürze ich zum Fenster, gleichzeitig zische ich dem Miniweh pädagogisch Zweifelhaftes zu. In diesem Moment betritt die Ärztin geschäftig den Raum, hebt die Augenbrauen und zieht mit einem Ruck den Vorhang wieder zu, nicht ohne dem Bauarbeiter, der ja gar nichts für die unfreiwillige Peepshow kann, einen bösen Blick zuzuwerfen. „Danke“, murmele ich, den Kopf hochrot.

Das Miniweh, jetzt wieder ein Paradebeispiel gelungener Erziehung, sitzt ganz still und stumm neben mir auf der Liege und beobachtet die Untersuchung des auffälligen Leberflecks, dem Grund meines Besuchs, während mein Puls sich irgendwo weitab der Norm bewegt und mich ungesund hecheln lässt. „Den mache ich ihnen weg“, erklärt mir die Ärztin und zeigt auf die Vergrößerung, die Auffälligkeiten offenlegt. Mit einem Blick auf das mustergültig dasitzende Miniweh fügt sie hinzu: „Wenn Sie möchten, machen wir das sofort, dann brauchen Sie nicht noch einmal kommen.“ Zweifelnd blicke ich auf meinen Ehesegen, der dreinblickt, als könne er kein Wässerchen trüben, erinnere mich an das Notfalltütchen Gummibären in meiner Tasche und entscheide mich für die sofortige OP.

„Dann bereitet Brigitte alles vor und ich komme gleich wieder“, nickt die Ärztin und verlässt den Raum. Ich besteche das Miniweh mit den Gummibärchen und der Aussicht auf zwei Extrafolgen Barbapapa, wenn wir wieder zu Hause sind. Begeistert stimmt es zu und verfolgt interessiert, wie die mittlerweile anwesende Arzthelferin den kleinen Eingriff vorbereitet. Der Vorschlag, mit Brigitte ins Wartezimmer zu gehen, ruft allerdings zunächst Entsetzen, später auch Tränen hervor. Nach einigem hin und her darf das noch leise schluchzende Kind bleiben. Um Zeit zu sparen, schlage ich die Betäubung aus und presse stattdessen ein paar Minuten später auf die besorgte Frage des Miniwehs zwischen den geschlossenen Zähnen hervor, dass es ganz sicher nicht wehtue. Die Ärztin arbeitet schnell und routiniert und beinahe hätte ich es schon hinter mir, da ertönt leise und dringlich die Stimme des Miniwehs: „Mamaaaaa, ich muss jetzt sofort aufs Klo!“

„Wir sind gleich fertig“, versucht die Ärztin das Kind zu beruhigen und setzt zum letzten Stich an. „Aber ich muss JETZT, wirklich!“, man hört die Not aus jeder Silbe. Mir steht der Schweiß auf der Stirn.

„Jetzt gleich, Miniweh, halt noch einen Moment durch!“

„Aber ich muss doch Häufchen, es klopft schon an!“ Die Ärztin schaut mich mit einem halb belustigt- halb irritiertem Blick an. „Fertig!“, sagt sie und schnell klebt Brigitte mir ein Pflaster auf die Stelle.

Notdürftig bekleidet raffe ich meine Sachen zusammen, bedanke mich bei der Ärztin, die mir noch etwas hinterherrufen will, aber da flitze ich schon mit dem Miniweh an der Hand durch die Menschenmenge auf dem Flur zur Toilette, wo wir erneut auf Erwin treffen. „Ähm, Fräulein…!?“

„Jetzt bitte nicht“, erwidere ich, stoße die Toilettentür mit dem Fuß auf und hieve das Miniweh gekonnt mit einem Arm auf die Keramik, während ich mit der anderen Hand schnell ein paar Blätter Toilettenpapier als Unterlage aus dem Spender rupfe. Puh, knapp! Einigermaßen aus der Puste, mit einem Stechen an der gerade vernähten Wunde und leichtem Schwindel, lasse ich meinen Kopf gegen die Fliesen sinken und atme durch. „Fertig, Popo putzen!“, strahlt mich das Miniweh an. Geübt beenden wir die Sitzung und waschen uns gründlich die Hände. Als sich die Toilettentür hinter uns schließt, steht da immer noch Erwin und schaut leicht verlegen.

„Ähm, Fräulein“, wiederholt er etwas unschlüssig. „Ihre… also, Ihre da unten…!“, er nickt heftig mit dem Kopf, sodass ich verwundert an mir herunter und auf… cremefarbene Spitze blicke.

„Oh Gott!“, entfährt es mir, als ich hastig meine Bluse über dem BH zuknöpfe. Marie Jo sei Dank, handelt es sich wenigstens um ein vorzeigbares Exemplar, da existieren ganz andere Dinge in meiner Wäscheschublade! Dezent hat Erwin sich zur Seite gedreht und gewährt mir so beim Ankleiden einen Hauch von Privatsphäre.

„Unsere waren auch ma klein, nich! Da weißte manchmal nich, wo dir der Kopf stehen tut!“, tröstend nickt Erwin mit dem Kopf.

„Stimmt!“, stoße ich hervor, irgendwo zwischen Weinen und hysterischem Lachen.

„Wird schon, Mädchen!“, muntert er mich auf, als ich mich mit dem Miniweh an der Hand an ihm vorbeidrücken will (raus, nur raus!), und klatscht mir seine schwere Pranke auf die Schulter, knapp neben die soeben vernähte Stelle.

„Waaaahhhh!“, schreie ich auf, jetzt wirklich Tränen in den Augen. „Mensch, Erwin!“

 

Entschleunigung

Wenn du es eilig hast, gehe langsam.

War es Konfuzius, dem dieser Spruch zugeschrieben wurde? Ich bin mir nicht sicher. Aber ich habe Zeit darüber nachzudenken, denn der Weg vom Kindergarten nach Hause zieht sich in die Länge.

Das Miniweh ist wie ein junger Hund: Es streckt seine Nase in den Wind und wittert  Abenteuer. Immerhin markiert es nicht an jedem Strauch. Stattdessen werden Steine aufgesammelt, Blumen bestaunt, Regenwürmer gesucht. Hinter meinen Schläfen pocht es, meine Gedanken sind gerade nicht gut auf Entschleunigung zu sprechen, zu viel Unerledigtes wartet auf mich. Wann ist sie mir eigentlich abhanden gekommen, die Fähigkeit im Moment zu verweilen?

Ich erinnere mich an genussvolle Wochenenden im Bett, irgendwann während meiner Studienzeit, an stundenlange Gespräche – nicht immer tiefsinnig, aber häufig – mit Wein und guten Freunden. An Abende vor dem Fernseher, das Telefon am Ohr, und an lange Rheinnachmittage, den Blick in den Wolken, die nackten Füße im Sand. Macht mich das Muttersein unfähig, Zeit einfach so verstreichen zu lassen? Oder bin ich einfach eingespannt in meiner Rolle?

„Es ist die Lebensphase“, beruhigte mich neulich eine Freundin am Telefon. Im Hintergrund hörte ich ihre beiden Kinder zanken. „Der Fokus richtet sich auf den Mikrokosmos Familie. Außerdem – gib ihr das jetzt endlich zurück! – passiert einfach so viel in so kurzer Zeit.“

der Augenblick ist zeitlos

Das Miniweh reißt mich aus meinen Gedanken. „Schau mal, Mama!“ Ich lehne das Laufrad an eine Mauer und hocke mich auf den Gehweg, lasse mich ein auf das entschleunigte Tempo, das Vierjährige noch so meisterhaft beherrschen als hätte man ihnen eine Portion Zen über die Frühstücksflocken geschüttet. Wir zählen die Punkte auf dem Marienkäfer und lachen über das kribbelige Gefühl, das seine sechs Beinchen auf der Haut hinterlassen. Ich erzähle von erwachsenen Käfern mit ausgeprägtem Appetit auf bis zu 90 Blattläuse pro Tag. Das Miniweh ist ehrlich beeindruckt und berichtet, dass heute im Kindergarten der Tom die Lena gehauen hat. Als der Käfer die Flügel spreizt, winken wir ihm hinterher. Er fliegt gedankenschnell. Vermutlich ein weibliches Exemplar mit einer ganzen Armada zu versorgender Kinder auf dem nächsten Strauch, überlege ich. (Was natürlich ausgemachter Quatsch ist, die geschlüpften Larven können nämlich im Gegensatz zur menschlichen Brut ganz gut ohne ihre Eltern.)

Das Miniweh greift nach meiner Hand. „Ich hab Hunger!“, sagt es mit leichtem Vorwurf in der Stimme und zieht mich weiter.

„Langsam!“, lache ich, mir ist das Bein eingeschlafen.

 

Selbstgeboren

Die Hebamme Anna Virnich plant im Rahmen des wichtigen Hebammenprotests ein Buch. Ein kraftvolles, inspirierendes soll es sein. Eins über Selbstbestimmung, Verantwortung und eigene Geburtsentscheidungen. Aber auch eins über rein physiologische Geburtsverläufe, „frei von Manipulation“. Das bedeutet keinerlei Hilfsmittel, nicht einmal ein Dammschnitt und natürlich kein Kaiserschnitt. Selbstgeboren – so der Titel.

Der Aufschrei ist groß.

Mütter fühlen sich diskriminiert, entwertet oder aber bestätigt und unterstützt. Es wird getwittert, eingedroschen und ein Geburtsbericht nach dem anderen in die Welt geschrieben: Lest, wie es mir erging. Ich gebäre, also bin ich?

Munter werden dabei Etiketten verteilt, schließlich lässt die Stigmatisierung nicht lange auf sich warten. Zur Kreuzigung? Gut. Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur ein Kreuz. Dabei geht es den meisten Frauen um das unfeinfühlig gewählte Wort „selbstgeboren“. Denn eben dies, ein Kind selber geboren zu haben, absurderweise abgesprochen zu bekommen, weil eine PDA gelegt oder die Saugglocke angesetzt wurde, verletzt viele. Wer, bitte, soll denn ein Kind gebären, wenn nicht die Mutter?

Was ich aus der Diskussion herauslese, ist Spaltung: Bist du eine gute Mutter oder bist du es nicht? Die Mommy Wars gehen in die nächste Runde und wir bieten die Bühne. Geht das vor dem Hintergrund des Hebammenprotests noch in die richtige Richtung? Eher nicht.

Frau Virnich erklärt derweil sich und die Buchidee detaillierter auf ihrer Homepage. Schlüssig, wie ich finde. Aber zu spät. Als Hebamme weiß sie um die tiefe Emotionalität, die eine Geburt mit sich bringt – egal, welchen Verlauf sie nimmt. Auch und gerade bei einer ungeplanten Wendung der Ereignisse, einer Sectio etwa oder dem Einsatz wehenfördernder oder -verzögernder Mittel, braucht die Frau, deren Kind da gerade zur Welt kommt, Begleitung und Schutz. Was sie nicht benötigt, ist ein Hinweis darauf, dass sie sich durch die Einwirkung von Außen gerade selber aus dem Kreise derer katapultiert hat, die die ureigene Kraft zum Gebären in sich tragen. Etwas mehr Sensibilität bei der Vorstellung von Frau Virnichs Idee wäre wünschenswert gewesen. Andererseits: Wieviel Sensibilität kann man sich leisten, wenn einem das Wasser beruflich bis zum Hals steht?

Genährt an der Diskussion hat sich wieder einmal der nagende Zweifel guter Mutterschaft. Diese birgt so manches Minenfeld, auf das sich Mütter untereinander gerne zwingen. Schwarz-Weiß-Denken ist hier angesagt: Brust oder Flasche, Ferbern oder Familienbett, Tragetuch oder Kinderwagen. Vor geraumer Zeit habe ich eine erbitterte Diskussion in einem großen Familienforum verfolgt, in der es darum ging, zu welchem Zeitpunkt man am besten die Butterbrotsdosen der Kinder bestückt. Müttern, die dies bereits am Vorabend erledigten, um am Morgen ein paar Minuten zu sparen, wurde neben Lieblosigkeit auch Egoismus vorgeworfen. Ja, es werden gerne Etiketten geklebt und Schubladen geöffnet, noch lieber aber geschlossen, wenn es um das Liebste geht, das wir haben. Was ich als Lehrerin und Mutter mittlerweile aber ganz sicher weiß, ist, dass jede, egal, ob Supermom oder RTL II – Mutti, ihr Kind liebt und auf ihre persönliche Weise das Beste für den Nachwuchs will.

In meinem Freundeskreis wird übrigens viel über die eigenen Kinder gesprochen und wenig über deren Geburt. Denn wie man es dreht und wendet, die Geburt, so einschneidend sie auch sein mag, ist der Startpunkt von etwas noch Größerem – dem Leben. Und das lässt sich nicht immer planen, es findet seinen Weg. Die Geburten meiner eigenen Kinder? Herzenssache und …privat.

Genau, privat und bitte auch unbewertet. Unsere Gesellschaft ist fortschreitendem Wandel unterworfen. Frauen bekommen immer weniger Kinder und immer später. Wie wichtig (und wie wunderbar!), dass überhaupt Kinder geboren werden. Warum müssen es nun ausgerechnet die Mütter sein, die in einer sich zunehmend technisierenden Gesellschaft das Band zum Natürlichen hochhalten sollen, während sie blutend, schreiend, schwitzend in Kreißsaal, Geburtshaus oder zu Hause liegen? Provokativ gefragt: Was macht die Mutter, deren Damm reißt, besser als die, die geschnitten wird? Ja, verehrte Leser, das klingt jetzt vielleicht unappetitlich zum Frühstücksbrötchen, aber eine Geburt ist archaisch, egal ob sie in der Badewanne oder im OP stattfindet, da ändert auch die mitgebrachte Lieblingsmusik oder ein violetter Schleier über der Lampe nichts.

Und nach einem solch einschneidenden Erlebnis soll sich eine Mutter nun einen Button anpinnen? Selbstgeboren! Nicht selbstgeboren! Wirklich? Ich weigere mich. Es gibt ein einziges Etikett, das ich für meine Kinder und auch für mich akzeptiere. Darauf nur ein Wort:

geliebt

Worauf kommt es mehr an?

Die ewige Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf

„Du hast es gut, du hast wenigstens eine Familie, zu der du jetzt fahren kannst!“, kommentiert die alleinstehende Kollegin, als ich nach der viel zu langen und unerfreulichen Konferenz schwer bepackt und gehetzt zum Lehrerparkplatz eile, um noch pünktlich im Kindergarten des Miniwehs anzukommen.

Ich denke an Abholzeiten und strenge Blicke auf die Uhr, an gellende Lautstärke, Streitereien zwischen den Wehwehchen, daran, dass ich so oft – und besonders nach langen Arbeitstagen – nicht die Mutter bin, die ich gerne wäre. Ich denke an meinen Haushalt, der sich an manchen Tagen ins Unermessliche türmt, an riesige Wäscheberge und die immer wiederkehrende Zubereitung von Mahlzeiten.Termine, die koordiniert, Gespräche, die geführt werden müssen. Kindergartenlisten, auf denen ich eintragen soll, was ich wann mitbringe, vorbereite, besorge. Schuhe, die den Kindern immer genau dann zu klein sind, wenn die Zeit knapp ist. Und das ist sie doch immer.

Mir fallen Tausende von Tränen ein. Tränen der Wehwehchen bei Unfällen, Misserfolgen, Sorgen und Ängsten. Tränen, die ich immer wieder geduldig stillen will, obwohl mir doch manchmal nach Brüllen zumute ist. Ich denke an meine letzten Tränen und an Sorgen, die tatsächlich mit den Kindern wachsen. Ich denke an Schlafmangel, Schlafentzug, gar keinen Schlaf. Ans Kuchenbackenmüssen und Vokabelabfragen. An die vielen Abende am Schreibtisch, an denen mir vor Erschöpfung der Kopf sinken will, obwohl noch Arbeit wartet. An Ansprüche, die niemand außer mir selber an mich stellt, und die genau deshalb zu hoch sind. Mir wird das Herz schwer.

„Wenn ich nach Hause komme, ist alles so still, dass ich sofort das Radio anschalte“, fährt die Kollegin fort.

Mir fallen Kinderküsse ein, so zart und so vielzählig, dass ich Hallen und Konzertsäle damit füllen könnte. Im Halbschlaf gemurmelte Ich liebe dichs, kleine Briefe auf meinem Schreibtisch, krakelige Bilder, mit Stolz für mich gemalt. Mir fallen Nachmittage voller Gekicher und Gewusel ein, der Geruch von Sonnenmilch auf Kinderarmen, die sich um meinen Hals schlingen. Ich erinnere mich an Blicke im OP, im Moment des Wegschlummerns, und das unendliche Vertrauen darin.

Ich denke daran, wie es sich anhört, wenn sich der Atemrhythmus eines Kindes beim Einschlafen verändert, friedlich und ruhig wird. Und wie mit Liebe und Übermut abgerupfte Blumen, ausgetrocknete Regenwürmer und gesammelte Kronkorken immer wieder den Weg zu mir finden. Ich denke an Sandkastenkuchen und das Kribbeln im Bauch beim Schaukeln. Höher, Mama, höher! An glöckchenhelles Lachen und überschäumende Lebensfreude. An Liebe, die so stark ist, dass der bloße Gedanke daran, wie es ohne sie wäre, Schmerzen verursacht.

Und ich denke an Herrn Weh. Der mir Hafen und Anker ist und unseren Kindern Fels in der Brandung. Der meinen Körper, meine Seele und besonders meinen Geist liebt. Der unruhige Träume einfach wegstreichelt, Monster verjagt und dessen Alles wird gut! ich immer wieder glauben kann. Ich denke an das verrückte, kleine Glück, das ich habe und das die unlösbare Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf für den Moment einfach zur Seite schubst.

Die Taschen auf dem Boden neben mir, drücke ich die überraschte Kollegin an mich. „Danke“, murmele ich, „fürs Zurechtrücken!“

 

Chaikekse

Freitag, 10.00 Uhr. Es riecht schon leicht nach Wochenende. Genau der richtige Moment, um über kleine Köstlichkeiten nachzudenken. Tun wir es!

Die Frage, ob man seinen Chaitee mit Milch pflanzlicher oder tierischer Herkunft aufgießt, stellt sich an dieser Stelle  erfreulicherweise nicht. Denn diese wunderbaren, glücklichmachenden Teigkugeln kommen gänzlich ohne die Zugabe flüssiger Zutaten aus und schmecken so Veganern wie Nichtveganern gleichermaßen gut.

Völlig unproblematisch lassen sich die Zutaten austauschen, wer also beispielsweise eine Aversion gegen Dinkelmehl verspürt, der fühle sich bitte völlig frei, und tausche gegen Weizenmehl – oder eine Mischung aus beidem. Gleiches gilt für diejenigen Leser, die tatsächlich keinen Rohrohrzucker im Vorratsschrank finden. Es geht auch mit normalem. Dieses Rezept verzeiht fast alles außer Ignoranz.

Die im Chai enthaltenen Gewürze wie Kardamom und Ingwer sorgen aus ayurvedischer Sicht nicht nur für Wohlgefühl, sondern auch für neue Energie. Und derer sind wir gerade am Ende einer Arbeitswoche sicherlich alle nicht abgeneigt, obgleich für die Herstellung der kleinen Schmankerln kaum Energie nötig ist, rollen sie sich doch quasi von alleine. Daher sind die Kekse schnell gemacht, aber auch schnell vernascht, also Obacht nach dem Backen!

Sollten tatsächlich noch Exemplare übrig bleiben, empfehle ich die Aufbewahrung in einer gut schließenden Dose. Darin halten sie sich noch ca. 14 Tage. Naja… wohl eher weniger.

Völlig entspannt genießen wir nun auch einen Blick auf die fertigen Gebäckstückchen und verzeihen der Autorin das fehlende Chichi auf dem Bild – die wehsche Küche ist einfach nicht der Ort, an dem traumhafte Fotos mit geringelten Strohhalmen im Hintergrund entstehen, aber Schönheit liegt ja auch immer im Auge des Betrachters.

Chaikekse

 

Rezept für Chaikekse

4 Beutel Bio-Chaitee

50g Rohrohrzucker

200g (Soja-)Margarine

300g Dinkelmehl

1 Prise Salz

Rohrohrzucker zum Wälzen

Den Tee zermörsern (mache ich nie…) und zusammen mit Zucker, Margarine, Mehl und Salz zügig einen Mürbeteig herstellen. Diesen eine Stunde kalt stellen. Anschließend Kugeln formen und im übrigen Zucker wälzen. Bei 180°C zwischen 12 und 15 Minuten backen und zart Farbe annehmen lassen. Ab aufs Gitter zum Auskühlen und dann schnell vor den Kindern verstecken.

Ach, die Kekse schmecken übrigens auch hervorragend zum Antimittagstiefkaffee – ist ja schon genug Tee drin.

Ein zauberhaftes Wochenende, lassen Sie es sich schmecken!

 

Fit for Vegan?

Lieber Herr Hildmann,

ich bin Grundschullehrerin. Das ist ein schöner Beruf. Ich übe ihn wirklich gerne aus. Allerdings ist er mitunter ziemlich stressig, daher benötige ich einen Ausgleich. Kochen ist da hervorragend geeignet. Es ist kreativ, entspannend und… man muss es ja sowieso machen. Als routinierte Flexitarierin bin ich gerade interessiert vegan unterwegs*. Und da kommen Sie ins Spiel. Sie haben nämlich die Veganer-Bibel herausgebracht, die sich vor guten Rezensionen kaum retten kann. Da ich absoluter Rezensionskäufer bin, bin auch ich Besitzer Ihres Werks Vegan for Fit.

Und da fangen die Probleme an.

Zur Familie Weh gehören noch Herr Weh und zwei Wehwehchen. Alle drei sind sehr tapfer und leidensfähig. So etwas entwickelt sich beim Zusammenleben mit einer Grundschullehrerin. Pädagogisch begründete Mutation sozusagen. Haben Sie Familie, Herr Hildmann? Also keine, die schon vor einem da war, sondern Nachwuchs? Kinder, die mit Begeisterung (und gerne stundenlang) Zucchini spiralisieren, aber Quinoa „igittbäh!“ finden, sind – ich muss es in aller Deutlichkeit sagen – ein wirkliches Hindernis auf dem Weg, die Welt durch überlegte Ernährung etwas besser zu machen. Infolgedessen ist es gar nicht so leicht, die eigene Motivation aufrecht zu erhalten. Wir Pädagogen erwärmen uns für intrinsische und extrinsische Motivation. Meine Kinder erwärmen sich für Schokoküsse aus der Mikrowelle.

Stellen Sie sich doch bitte kurz das folgende Szenario vor:  Sie haben gerade eine anstrengende Stunde in der Küche verbracht, immer auf der Hut, damit sich der jüngste Ehesegen nicht den Finger am sauscharfen V-Hobel absäbelt. Das Essen ist nun fertig, es sieht hübsch bunt aus, ja, es duftet sogar! Dennoch ernten Sie bei Tisch ein entsetztes „Was ist das denn!? Muss ich das wirklich essen?“

Dieser Ausspruch stammt vom größeren der Wehwehchen. Das Miniweh musste nach der ersten Hokkaidofritte würgen. Trotz des selbstgemachten Tomatenketchups, den ich persönlich einen Knaller finde. Glauben Sie mir, Herr Hildmann, da geht doch jede Motivation baden.

Sie schreiben in Ihrem Buch mehrfach, dass vegan sexy sei und ich will das wirklich glauben! Die vielzähligen Fotos ihres nicht nur Six-, sondern Eightpacks (ich habe gezählt, es stimmt) beweisen dies eindrucksvoll. Im Buch sind übrigens über 50 Fotos von Ihnen. Auf einer nicht geringen Anzahl dieser Fotos haben Sie ziemlich wenig an**. Ich persönlich wäre auch mit etwas weniger Bildern und etwas mehr Stoff ausgekommen, aber gut. Auf den dadurch freigewordenen Seiten hätte man ein kleines Kapitel „So klappt’s mit der Familienküche“ unterbringen können. Nur so als Idee für eins der nächsten Bücher.

Oder ist die berufstätige Mutter gar nicht in der Zielgruppe?

Das wäre schade, denn wer könnte eine Portion Sexyness (mal eben nebenbei beim Schnibbeln, Kochen und Weltretten erworben) mehr benötigen als die arbeitende Mutter, die eh schon größte Mühe damit hat alles unter einen Hut zu bringen und dabei auch noch gut auszusehen? Ich meine, überlegen Sie mal, man macht seinen Job, kauft schnell ein (regional! bio!), rast nach Hause, übernimmt die Brut, kontrolliert Hausaufgaben, liest stundenlang die kleine Raupe Nimmersatt (und selbst die isst ein Würstchen) vor, schnibbelt und kocht, bringt den Nachwuchs zu Bette und so weiter. Da wäre es doch grandios, wenn jemand anschließend – ZACK! – eine große Portion Sexyness und Wolllust über der ermatteten Mutter ausschütten würde. Da fällt mir gerade ein, klappt das eigentlich auch mit einem Bauch voller Kohl und roher Radieschen? Ich liebe Radieschen. Klein, rund, rot und scharf – das wäre ich in einem anderen Leben.

Ach, ich will nicht jammern. Tatsächlich mochte ich bisher fast alle Rezepte, die ich ausprobiert habe (im Gegensatz zu Herrn Weh, der ein ausgemachter Fleischesser, aber wie erwähnt eben auch sehr tapfer ist, und sich mit bewundernswerter Fassung durch den Räuchertofu gearbeitet hat). Ich finde das Foodstyling atemberaubend schön und Ihre Worte über den inneren Schweinehund, den Biodealer und die Zukunft im Allgemeinen wirklich gelungen. Das haben Sie ganz prima hingekriegt, Herr Hildmann!

Aber ich habe ein Zeitproblem.

Die meisten Ihrer Gerichte haben eine angegebene Zubereitungsdauer von ca. 30 Minuten. Wow! Tatsächlich verhalten sich die Zeitangaben leider exponentiell zu der Anzahl im Hause befindlicher Kinder. Berücksichtigt man noch dazu das Alter des Nachwuchses, sprengt das meinen persönlichen Zeitrahmen um ein Vielfaches. Meine älteren Kolleginnen trösten mich immer damit, dass die Zeit des Slowcooking in ferner Zukunft auch einmal für mich anbrechen würde, im jetzigen Lebensabschnitt muss es aber schneller gehen, denn es warten wahlweise der nächste Elternabend, der nächste Wäschekorb oder der nächste halbvergorene Hokkaidoschnipsel auf mich.

Ich könnte noch eine ganze Menge mehr über ihr Buch schreiben, Herr Hildmann, allerdings ist mir gerade so…metabolisch, Sie verstehen? Die vielen guten Ballaststoffe, nehme ich an. Ich muss also jetzt schnell Schluss machen. Machen Sie es gut, Herr Hildmann. Und melden Sie sich doch bitte bei mir, wenn Sie Kinder haben!

Herzlichst, Ihre Frau Weh

(schon jetzt wahn-sin-nig sexy!)

* Ja, ich gebe es zu: Ich bringe es lediglich zum Lifestyle-Veganer. Mandelmilch im Kaffee ist prima. Aber der Verzicht auf Ziegenkäse schmerzt mich nahezu körperlich.

** Herr Weh sprach von Kochporno. Ähem.

 

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Ein Kommentar zu „Oje, Frau Weh!

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