Vandale und Liebe

Großer Unmut bei den Viertklässlern. Es geht um die Ehre. Da wird nicht gespaßt.

„So geht das einfach nicht weiter, Frau Weh!“

„Nein, das halten wir nicht länger aus!“

Natürlich verbieten ihnen Alter und Würde den der Situation eigentlich angemessenen Gefühlsausbruch, aber sich ein bisschen echauffieren, das darf wohl drin sein. Es geht um die OGS. Genauer um die Gruppe der OGS-Kinder, die in diesem – unserem! – Klassenraum die Hausaufgaben erledigt. Und, ach, wenn es doch nur die Hausaufgaben wären, die sie erledigen! Aber nein, sie stiften Chaos und hinterlassen apokalyptische Verwüstung, so man den aufgebrachten Viertklässlern Glauben schenken darf. Da liegen Schnipsel auf dem Boden, unter den Tischen finden sich angebissene Dinge und überall, ja, Frau Weh, da können Sie mal gucken, überall bleiben Stifte, Radiergummis und Flaschen liegen! Pfui aber auch!

(Den meisten geschätzten Leserinnen wird es bewusst sein, aber Nichteingeweihten möchte ich kurz erläutern, dass ein Klassenraum in der Grundschule nicht nur irgendeinen Raum darstellt. Nein, er ist so viel mehr! Das eigene Klassenzimmer ist Keimzelle und Mutterschoß der Bildung gleichermaßen, nicht das Zuhause, aber doch heimeliger Ort des Geborgenseins. Kinder identifizieren sich mit ihrem Klassenraum und teilen geheimes Wissen um sein Wesen. Flecken an den Wänden sind nicht einfach nur irgendwelche Makel, sie erzählen Geschichten vom Ausbruch plötzlichen Unwohlseins oder explodierten Kakaoflaschen. Fensterbretter oder Tafelecken sind keine unbelebten Gegenstände, markieren sie doch gleichermaßen Platzwunden wie historische Ereignisse. Bis hin zum mumifizierten Popelbällchen unter dem Regalbrett ganz untenhintenlinks weiß eine Klasse um ihren Raum. Und der Raum weiß um seine Klasse. So ist das nun einmal.)

Und jetzt das!

Gesittet, wie sie nun einmal meistens nach bald vier Grundschuljahren sind, einigen sich die Viertklässler auf gestrenge Worte und persönliche Ansprache auf mehreren Ebenen. Sie wollen es ohne Körpereinsatz versuchen, was ich mit hochgezogener Augenbraue und ironischem Unterton sehr begrüße, und fast können wir uns wieder dem Unterricht zuwenden, da meldet sich Shirin.

„Da ist noch was, Frau Weh. Jeden Tag ist was auf meinen Tisch gekritzelt.“

Auf ihrem Platz, so berichtet sie mir, sitzt nachmittags Enes. Und Enes macht das jeden Tag! Während der Rest der Klasse in den Arbeitsmodus wechselt, schaue mir das Werk des jungen Vandalen an und erkenne ein mittelgroßes, krakeliges Herz, das mit Bleistift quer über die Tischplatte gezeichnet wurde. Hmm.

„Shirin, kann es sein, dass Enes Gefühle für dich besitzt?“

Shirin nickt, ja, so ist das wohl, aber sie kann diese Gefühle nicht erwidern. Ich nicke. Ja die Liebe … das ist alles nicht immer so einfach. Wir überlegen gemeinsam, wie wir Enes davon abhalten können, Shirin weiterhin unerwünschte Bekundungen zukommen zu lassen ohne ihn bloßzustellen. Gleichzeitig kommen wir auf die Lösung und zwinkern uns verschwörerisch zu.

Als wir nach der sechsten Stunde den wieder aufgeräumten Klassenraum verlassen, steht auf Shirins Tisch eine Botschaft. Natürlich mit Bleistift.

Lieber Enes,

ich möchte deine Gefühle nicht verletzen. Aber hör jetzt SOFORT damit auf, was auf meinen Tisch zu krakeln! Das ist voll uncool!

Deine Shirin

 

 

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Shortie George! Boogie Down! Trucking!

Das Leben als Musiklehrerin in der Grundschule stellen sich viele Menschen ja gerne als harmonisches Konglomerat freudvoller Momente inmitten lieblich singender Kinder vor. Nun, ohne dem ein oder anderen Leser zu nahe treten zu wollen, aber dies trifft nicht ganz die Realität. Wir singen nämlich nicht nur, wir tanzen auch noch. Und das völlig ungeachtet unserer körperlichen Eignung. Ein echter Pädagoge ist hart im Nehmen und ich möchte kurz ein Beispiel dafür anbringen:

Heute morgen traf mich während der Freiarbeitsphase bei den Erstklässlern ein Stuhl am linken Fußknöchel. (Nein, er wurde nicht geworfen, er wurde zurückgeschoben. Ich möchte dies dringend klarstellen!) Im ersten Moment war das nicht weiter schlimm. Auch nicht im zweiten, jedenfalls nicht Grund genug, um die versprochene Tanzstunde mit den Großen ausfallen zu lassen. Wir üben Hip Hop Moves und ich kann von Glück reden, dass die Viertklässler noch nicht raushaben, dass das, was ich ihnen als Dougie, Susie Q oder Smurf vorturne, für den kundigen Zuschauer wohl eher ein gepflegtes Training der Lachmuskeln darstellt als ein ernstzunehmender Workout. Ich hingegen bin am Ende dieser Stunden immer restlos erschöpft, da fließt ehrlich erworbener Schweiß. Immerhin mein Chest Pop ist mittlerweile ganz annehmbar. Aber zurück zu meinem angeschlagenen Knöchel, dieser ist nämlich mittlerweile dick und blau gesmurft und gejerkt. Ganz klarer Fall von Arbeitsunfall. Jeder vernünftige Mensch würde sich nun mit einem Eisbeutel aufs Sofa legen und die nächsten drei Tage nicht mehr aufstehen. Nicht so aber die durch und durch bekloppte motivierte Grundschullehrerin, die den Schülern für morgen etwas ganz Besonderes versprochen hat! Ist aber kein Problem, ich hab da schon was vorbereitet. Schnappt euch schnell zwei Pappteller und dann alle im Chor:

Shortie George! Boogie Down! Trucking!

 

 

Hejo, Verzweiflung!

Das Klavier und ich befinden uns im Krieg. Noch ist nicht klar, wer von uns als Gewinner aus dieser Schlacht gehen wird. Mal setze ich meine Finger konzentriert auf viel zu viele schwarze Tasten, mal verleihe ich meiner Frustration lautstarken Ausdruck. Richtige Töne werden im Schneckentempo wiederholt und wiederholt und wiederholt, bis sie sich ins Gedächtnis der Finger eingebrannt haben. Und schuld sind die Giraffenaffen:

Hejo, spann den Wagen an

ist eins der Lieder, das ich jeden Herbst und mit jeder Klasse singe. Es ist ein guter Einstieg ins Kanonsingen, lässt sich auf mannigfaltige Weisen instrumentieren, arrangieren und gestalten und die Kinder lieben es. Ich auch, schließlich wird es meist in E-Moll begleitet, und diese Tonart beherrsche ich aufgrund ihrer Simplizität blind auf jedem in der Schule befindlichen Instrument, egal ob Blockflöte, Gitarre, Glockenspiel oder eben Klavier. Vermutlich könnte ich es sogar auf dem Kamm blasen, aber das habe ich noch nicht ausprobiert. Dann kamen die Giraffenaffen mit ihrer Version um die Ecke und schlichen sich ins Kinderzimmer des Miniwehs und somit auch in meinen Gehörgang. Und nun muss ich das mit den Viertklässlern natürlich ausprobieren. Dumm nur, dass die Giraffenaffen wohl entweder kein E-Moll mögen (obgleich ich das nicht akzeptieren möchte, handelt es sich immerhin doch um eine meiner Lieblingstonarten!) oder aber deutlich begabtere Musiker sind, als ich es bin. Denn sie spielen den Song in Fis-Moll. Fis-Moll! Also bitte! Kann mir mal bitte jemand schnell die Dur-Dominante dieser Tonart nennen? Genau, Cis-Dur: cis, eis, gis. Nee, wat fies!

(Mir ist klar, dass dieser Beitrag für viele Leser ein Rätsel darstellt. Aufgrund jahrelanger Verbundenheit bitte ich in diesem Falle um Verzeihung und gerne auch um tröstenden Zuspruch. Fis-Moll ist echt unmöglich, wenn man jahre-, ach, jahrzehntelang ein Stück in e gespielt hat!)

Natürlich könnte ich die Version auf E-Moll herunterbrechen. Könnte. Tu ich aber nicht, denn ich möchte den neuen Viertklässlern, deren bisheriger Musikunterricht aus dem Singen einiger immer gleicher Lieder bestand, weniger eine Musikstunde bieten, als vielmehr den Ausblick auf eine neue Dimension. Und dafür wäre es doch schön, aus dem zuvor eingeübten Kanon mittels Zuschaltung der CD zur Version von Chima überzugehen. ABER DAS GEHT NUR IN FIIIIIES-MOLL!

Also übe ich. Und übe. Und übe.

Solltet ihr nichts mehr von mir hören, dann hat mich das Klavier wahrscheinlich gefressen. Oder ich habe mir die Finger gebrochen. Oder ich stehe in der Zeitung unter Verschiedenes, weil ich bei den Giraffenaffen vorbeigefahren bin und ihnen Eier ans Auto geworfen habe.

Nah am Wahnsinn grüßt

Fis-Weh

P.S. Die besagte CD der Giraffenaffen finde ich übrigens ganz gut. Ist ja nicht alles in Fis-Moll…

Karlchen K.

Karlchen hat Persönlichkeit. Außerdem arbeitet er für uns und das nur für Kost und Logis! Wo gibt es das heute noch? Im Gegenzug verbringe ich morgens ein paar Minuten ganz mit ihm alleine (er ist etwas empfindlich und unter Stress wird er schnell allzu sauer, das gilt es zu vermeiden) und widme mich seiner Körperpflege, das mag er gerne. Im Gegenzug schenkt er uns dann einen halben Liter Gegorenes, was wir entweder pur trinken oder häufig als Basis für Salatdressing verwenden.

Was Karlchen eigentlich ist? Na, ein Kefirpilz! Was dachtet ihr denn!?

Und so sieht das dann aus, unser morgendliches Tête-à-Tête:

KefirgetränkKarlchen Kefir hat über Nacht ganze Arbeit geleistet.

KefirpilzDaher gieße ich ihn jetzt durch ein Sieb…

Kefirknollen

…und spüle ihn ganz vorsichtig ab. Man kann gut erkennen,

dass die Kefirknollen kleinen Blumenköhlchen ähneln.

Kefir

Jetzt zieht Karlchen in ein frisches Glas mit Bio-H-Milch um…

Kefirgetränk

…und ich trinke einen Becher Kefir zum Frühstück.

Ob Kefir tatsächlich die lebensverlängernde Wirkung hat, die ihm nachgesagt wird, kann ich nicht sagen. Aber lecker finden wir ihn und irgendwie auch niedlich 🙂

Die Viertklässler zeigten sich nach anfänglichem Ekel (Wie sieht das denn aus!? Ist das fiiiieeeeees!) schlussendlich doch schwer beeindruckt vom Gärungsprozess. Einige ganz Mutige haben sogar probiert. Trotz Alkoholgehalt! Oder vielleicht auch gerade deswegen…?

Perfektes Muttertagsgeschenk

Die Suchanfragen beweisen es, Muttertag steht wieder vor der Tür.

Da will ich mich mal nicht lumpen lassen und präsentiere das diesjährige Muttertagsgeschenk der Viertklässler. Wie so häufig bei mir und diesen Festen (ähem) kommt es aus der Kategorie schnell, aber nett.

Die Muttertags-Abreißzettel:

Muttertagsgeschenk

Muttertag

Geschenk Muttertag

Manche Kinder haben auf Din A5-Format geschrieben, andere sogar im Kartenformat Din A6. Kreativ waren sie. Auf manchen Zetteln konnte man lesen „Du siehst heute ganz toll aus!“ oder „alles cool!“. Tatsächlich waren alle Viertklässler mit Eifer dabei und haben direkt noch Zettel für Papa, Oma und die ganze Verwandtschaft angefertigt.

Die Idee eignet sich nicht nur für Muttertag, Vatertag oder sonstige Tage, die (k)ein Mensch braucht, sondern auch ganz nett als Valentinstagsgeschenk, da kann man die Zettelchen dann an Laternen oder Stromkästen hängen.

Wie ich feststelle, wirkt mein Daumen erschreckend gelb auf den Fotos. Das hat übrigens mitnichten etwas mit starkem Rauchen, aber umso mehr mit dem raschen Kleinschneiden einer Paprika zu tun. Nur damit das klar ist.

Ich bevorzuge zum Muttertag übrigens AUSSCHLAFEN. Das ist das aller-, allertollste Geschenk der Welt! Hab ich ein Glück, dass Herr Weh damit so spendabel ist :mrgreen:

phallische Phasen

Nicht alles, was ich von mir gebe, ist pädagogisch wertvoll.

Genaugenommen überdenke ich tatsächlich zu wenig des Gesagten. Ich könnte das nun „Erziehen aus dem Bauch raus“ nennen und mich in Wohlgefühl suhlen, da ich offensichtlich die aussterbende Fähigkeit besitze, intuitiv zu erziehen. Wären da nicht diese häufigen Momente, in denen mein Kleinhirn nach einer unbedachten Äußerung ein panisches „was war DAS denn gerade!?“ aussenden würde…

4.Schuljahr, die Stunde nach der großen Pause:

Nick (aufgebracht auf den neben ihm stehenden Nino deutend): „Der hat mir an den Pimmel gefasst!“

Nino (nicht minder aufgeregt): „Gar nicht, der hat an MEINEN Pimmel gefasst!“

Frau Weh (gedanklich abwesend, weil Klassenbuch ausfüllend): „Boah, Jungs! Ihr habt doch jeder selber einen, nehmt doch den.“

Örks.

Tag am Meer

Zum Arbeiten komme ich noch nicht. Auch der Kindergarten hat Ferien und so ist der Tag randvoll mit Familienprogramm angefüllt. Das ist ok, auch wenn es gelegentlich zu kribbeln anfängt. Also stehle ich mir zwischendurch ein bisschen Zeit und bereite dem Miniweh und mir ein Mal- und Bastelnest auf dem Boden meines Arbeitszimmer. Ich kann mir ein paar Gedanken für den Kunstunterricht der Viertklässler machen (Kunst ist immer das erste Fach, mit dem ich mich gedanklich beschäftige) während das entzückte Miniweh vor Kreativität nahezu explodiert. Glückliches Alter! Bei mir fließt die Kreativität noch nicht so, also sammle ich Ideen und werde natürlich in den Weiten des Internets mehr als fündig.

Starten werde ich nach den Ferien mit einem Projekt, das auf der Seite that artist woman hervorragend erklärt und bebildert ist:

Nautical Inchies

Man sieht, dass ich unter Zeitdruck stand und daher an vielen Stellen nicht abgewartet habe, bis die Farbe getrocknet war. Aber mir ging es weniger um das Ergebnis, als darum, das Projekt auf seine Durchführbarkeit für die Viertklässler zu überprüfen.

Tatsächlich war die Anfertigung der einzelnen Inchies (Inchies sind Quadrate, die ursprünglich als Kantenlänge ein Inch messen, ich habe allerdings auf 3×3 Inch gearbeitet, also ca. 7,5×7,5 cm) nicht sehr kompliziert und dank der detaillierten Beschreibung der Materialien und Arbeitsschritte kein Problem. Kurz: Ich traue es den Viertklässlern zu, werde aber ungewöhnlich viel Material (Zuschneiden der Quadrate und Noppenfolie, etc.) selber vorbereiten.

Schwierigkeiten könnte es beim Segelboot geben, denn das ist wirklich klein, aber ein bisschen anstrengen sollen sie sich ja auch. Das Miniweh fand übrigens lustig, dass das Meer auf diesem Bild zu pupsen scheint. Ich würde diesen Fauxpas ja etwas vornehmer als seismische Aktivität bezeichnen.

Segelboot

Schwarmfische

Meeresrauschen

Euch allen noch viel Entspannung und – natürlich! – den passenden Soundtrack: