gesagt, getan

Eine Idee, ein Ergebnis, wochenends und in loser Reihenfolge:

Sterne

Mit dem Miniweh Sterne gebastelt. Viele Sterne. Sehr viele Sterne.

Dieses Jahr war eines, in dem sich viel getan hat. In dem vieles in mir gearbeitet hat und in dem ich an mir gearbeitet habe. Ein Jahr mit Tiefen und Untiefen. Und es war so gut! Befreiend, klärend und wohlwollend. Ein Jahr, das mir wie noch keines zuvor bewusst gemacht hat, wie dankbar ich sein kann und wie dankbar ich tatsächlich bin. Für gesunde, glückliche Kinder, für Familie und Freunde und für den einen, besonderen Freund an meiner Seite, der stark ist, wenn ich es einmal nicht bin, und dessen Liebe sich anfühlt wie nach Hause zu kommen.

Manchmal flutet die Dankbarkeit mein Herz und ich bin ihr völlig ergeben.

Mich auf dieses Gefühl zu besinnen und auf die Fülle, aus der es gespeist wird, ist es, was ich mir für den Advent vornehme. Ich möchte es nicht begraben unter perfekter Weihnachtsdeko und instagramglatter Perfektion. Dieses Jahr sind unsere Sterne ein bisschen schief und unsere Weihnachtskekse … naja, Kekse halt.

Es war ein Stall, in dem es seinen Anfang nahm.

Ich wünsche euch einen schönen und besinnlichen Advent. Habt es gut!

Frau Weh

 

advenire

Frau Weh unter'm Weihnachtsbaum

„Hier, hab ich für dich gemalt“, nuschelt Ramon und schiebt mir einen Zettel auf den Schreibtisch.

Ramon hasst malen. Jedes Bild, das es während des Unterrichts oder als Hausaufgabe auszumalen gilt, führt unweigerlich zu einer mittelgroßen Katastrophe mit fliegenden Stiften und fliehenden Worten. Kunst ist das Fach, das er am wenigsten mag. Gleich neben Mathe und Deutsch. Und Religion. Uuh, und Englisch, da wird ja auch immer so viel geschnibbelt und geklebt. Aber jetzt ist Advent und die Zweitklässler sind Weihnachtswichtel in besonderer Mission: Sie bringen Freude (und Kekse und Weihnachts-CDs und zuckerbunte Klitzekleinigkeiten) und verteilen sie freigiebig. Ramon malt also. Das erste Mal in diesem Schuljahr.

Ich streiche ihm über den asymmetrisch geschnittenen Rambohaarschnitt. „Lass mich mal sehen.“

Die kleine Frau Weh hat nur drei Finger an jeder Hand und keine Nase. Dass sie keine Füße hat, ist nur gut, denn dann kann sie nicht weglaufen, so wie der Papa. Aber was für ein warmes Lächeln in ihrem Gesicht! Sie schwebt ein wenig über den Dingen, das hat er gut beobachtet, und auch der lange Hals, der ihr ermöglicht über alles einen wachen Blick zu haben, sagt mir zu. Die Haare sind etwas in Unordnung und könnten mal wieder einen ordentlichen Schnitt vertragen, aber vor Weihnachten kommt ja auch alles immer so geballt, wann soll man es da noch zum Friseur schaffen? Die Augen sind groß und blicken deutlich wacher als in echt, dafür ist der orange Jumpsuit etwas übertrieben. Im Original trage ich lieber was über’m Popo.

Der Weihnachtsbaum ist festlich geschmückt mit Kugeln und Lichtern und obendrauf sitzt noch ein Stern mit richtigen Zacken, obwohl die so schwer zu malen sind. Die Tannenspitzen zeigen alle nach oben, was für ein optimistischer Zug! Der Baumstamm – breit, stabil und erdverbunden – bringt Stabilität und Beständigkeit in das Bild. Auf die Frage, ob die kleine Frau Weh ein Laserschwert in der Hand halte, lacht Ramon auf und schüttelt energisch den Kopf. Das sei doch die Verbindung zum Himmel. Die trage doch jeder in sich, habe die Religionslehrerin gesagt. Und rot muss die sein wegen der Liebe. Liebe ist viel auf dem Bild, das kann ich schon erkennen.

„Schönes Bild!“, meint Marc anerkennend, als er vorbeikommt, um sich mein Klebeband auszuleihen.

„Ja, superschönes Bild!“, bestätige ich und lächle Ramon zu. Blickkontakt. Ganze 5 Sekunden. Ankommen hat viele Gesichter.

 

Advent, Advent, die Mutter rennt

Zugegeben verdrießt es mich außerordentlich, dass sich die Bildungsinstitutionen meiner Kinder mit der meinigen verbündet haben und uns drei Wochenenden in Folge mit Weihnachtsbasaren verbauen. Nichts gegen Wohltätigkeitsveranstaltungen! Natürlich backe ich Waffeln für Indien, bastle für Afrika und verziere Plätzchen für Kambodscha. Selbstverständlich spende ich auch 2 Gläser Kirschen, 3 Gläser Marmelade, 1 Trockenkuchen, 1 Packung Puderzucker und 50 Servietten. Von meiner Zeit ganz zu schweigen. Aber warum, warum, warum muss das alles gerade jetzt sein?

Ich liebe den Advent. Fast mehr noch als Weihnachten selber. Und da schon die Woche bei uns mehr als trubelig ist, sind die Wochenenden von unglaublicher Wichtigkeit. Die Wehwehchen schlumpfen in ihren Schlafanzügen umher; mal spielen sie, mal zanken sie. Es gibt laaaange Frühstück und ausgedehnte Sofaeinheiten. Es wird gekuschelt, gelesen und gesungen. Wir backen Kekse, gucken Weihnachtsfilme und trinken Kakao. Adventskalender werden auf ihre möglichen Inhalte hin befühlt und es wird gefachsimpelt, welche Geschenkkombinationen am Heiligen Abend wohl unterm Baum liegen könnten. Kurz: Das Heim ist Herzheimat. Zumindest in der Theorie. Praktisch schiebe ich ja (statt in Wonne und Wohlgefallen meine Kinder zu betrachten und Zimtsterne zu verdrücken) in irgendeiner Schule Doppelschichten am Waffeleisen. Könnte man denn nicht auch einmal, wenigstens ein einziges Mal Rücksicht auf wichtige Familientraditionen nehmen und die ganzen Basare ins Frühjahr legen? Waffeln gehen doch immer!

Ja, mir ist eine Laus über die Leber gelaufen. Eine vorgezogene Weihnachtslaus. Es ist nämlich so, dass der allerwichtigste Tag der kommenden Wochen für mich immer der Samstag vor dem 1. Advent ist. Ich krame dann die Weihnachts CDs heraus, balanciere die große Kiste aus dem Keller, brenne das erste von vielen noch folgenden Räucherkerzchen (Tanne! Bratapfel! Schwarzer Afghane Weihrauch!) ab und vorfreue mich. Und wie gerne ich mich vorfreue! Dieses Jahr fällt dieser immens wichtige Tag aber nun leider aus. Grund siehe oben. Und falls jetzt jemand der Meinung ist, ich könne diese ganzen Vorbereitungen doch auch unter der Woche machen – nein! Das fühlt sich nicht richtig an. Es braucht Zeit, die ich zwischen Kindergarten, Musikschule, Turnhalle und Schreibtisch eben nicht habe. Zack, bumm, Stimmung geht eben nicht.

Also habe ich das unerhörte und bisher noch nie dagewesene Experiment versucht und die Vorbereitungen bei strahlendem Herbstwetter auf den gestrigen Samstag gelegt. Hoho! Jetzt mal raus aus der Komfortzone und was Neues wagen. Zunächst fühlte es sich sonderbar an, gewann aber zunehmend an Substanz und spätestens bei Dean Martin konnte ich mit voller Kehle den ausstehenden Schnee besingen. Wie sagt Olle Hansen so passend? Glück muss man können!

FensterkranzSchweinelampeHexenhaus

Ans Lebkuchenhaus dran durften die verwirrten Wehwehchen trotzdem noch nicht. Sieht zwar aus wie Advent, ist aber noch keiner. Aber, hey, nur noch siebenmal schlafen!

Wochenende bei Wehs

geklebt, gestempelt, geschrieben

Wehsche Weihnachtspost

gepackt

Weihnachtsvorbereitungen

gebacken

die berühmten Zimtwaffeln

gekugelt

Kugeln

geknetet

Miniwehbeschäftigung

gefunden

Sterngeprobt

Probegetrunken

Probenpause

gelungen

Arbeit

gewichtelt

Momentaufnahmen mit Staub

gegessen

Ofengemüsegedankt

Adventskranz 2012

Trotz aller Harmonie und aller Familienidylle bleibt dieses Wochenende doch überschattet von den unfassbaren Nachrichten, die uns alle sprachlos gemacht haben. Fassungslos und entsetzt blicken wir nach Amerika, tiefes Mitleid mit all denen, die ihre Kinder, ihre Partner, Freunde und Angehörigen verloren haben. Es fehlt an tröstenden Worte für solches Leid.

Es ist Advent

„Gut, dass ist Advent!“

Der kleine Grabowski schaut in die Kerzenflammen und rückt sich die Teppichfliese unterm Popo zurecht. „Ja“, stimmt ihm auch Schmitti zu und haut seinem Sitznachbarn in die Rippen, der sich noch nicht entscheiden kann, wohin mit seinen Beinen. Die anderen Drittklässler sagen nicht viel, die morgendliche Dunkelheit im Klassenraum lässt sie ruhiger werden. Am Adventskranz brennen zwei Kerzen, wir singen. Eben haben wir erfahren, wie das Wort Advent auf Russisch, Polnisch, Italienisch, Portugiesisch, Droidisch* und Spanisch heißt und auf welche Weise diese Zeit in den Familien begangen wird.

Es sind diese 10 Minuten, die nicht nur den Kindern im Moment viel bedeuten. Auch ich tanke auf während dieser Zeit der Ruhe. Nach dem gemeinsamen Lied lese ich ein Märchen vor. Jeden Tag eins. Jeden Tag in absoluter Stille. Da sitzen sie, die Drittklässler, so wie ich sie gerne immer hätte: aufmerksam, konzentriert und ruhig. Vielleicht genieße ich diesen Zustand so, weil ich weiß, dass seine Dauer begrenzt ist. Allerspätestens zur Pause wird es wieder rund gehen, die Kolleginnen werden sich anschließend bei mir über verschiedene Schüler beschweren. Ich werde Elterninfos schreiben, die ignoriert oder bestritten werden, Konsequenzen durchsetzen und mich fragen, ob die Mühe, die ich mir mache, es eigentlich wert ist.

Morgen früh aber, wenn die Drittklässler fernab jeder Spielkonsole gebannt die Prinzessin ins Schlafgemach begleiten, um den Frosch an die Wand zu werfen, wird sie es wieder wert sein.

Es ist Advent. Gut so.

* Star Wars ist immer noch ein sehr großes Thema.