Hummelflug

Noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien und die Stimmung ist schon so tief gesunken, dass ich mich beim Betreten des Lehrerzimmers in einem dumpfgrundigen Unkenpfuhl wiederzufinden scheine. Es trieft von herbstlicher Melancholie und beginnendem Missmut. Vereinzelt tropft Verzweiflung von den Wänden wie der unvermeidliche Rotz aus der Nase eines Erstklässlers. Grund ist eine Terminimplosion mittelschweren Grades: Schulanmeldung trifft auf Schulzahnarzt trifft auf Erneuerung der Schalldämmung trifft auf politischbed.. krankheitsbedingten Personalmangel. Ehrlich, wir sind so knapp besetzt, dass ich mich zusammenreißen muss, den freundlichen Dackelbesitzer, dessen frühmorgendliche Hunderunde ihn auch am Lehrerparkplatz vorbeiführt, nicht einfach an der Funktionsjacke zu packen und stante pede ins Lehramt zu rekrutieren. Wer Teckel kann, kann doch wohl auch Kinder, ne?

Da heute mein kurzer Tag ist, den ich mir unter keinen – ich betone unter keinen Umständen! – vermiesen lasse, entscheide ich mich gegen ein Bad inmitten negativer Schwingungen und drehe ab. Achtsamkeit ist ja seit einiger Zeit so ein wichtiges Thema, das einem – recht unachtsam, wie ich finde – ständig um die Ohren gehauen wird; also bin ich achtsam, nehme meine Gefühlslage wahr und erkenne an, dass unter besonderen Umständen auch die fröhlichste Hummel besser in Einsamkeit als im Unkengrund aufgehoben ist.

Doch Fröhlichkeit hin oder her, leider bin ich auch eine Hummel ohne Heimat. Denn alle Räume, in die ich mich zum Frühstück zurückziehen könnte, sind besetzt (Zahnarzt, Schulanmeldung, Schallschutz …). Nicht einmal in meinen Klassenraum kann ich gehen, denn der muss stoßgelüftet werden. Die Viertklässler beginnen präpubertätsbedingt zu müffeln. (Das merkt man ja nie, wenn man mittenmang sitzt, aber wehe, man verlässt den Raum und kommt dann zurück. Pfüüüüühh! )

Etwas planlos brumme ich von Raum zu Raum (man stelle sich bitte das dazu passende Werk von Rimsky-Korsakov vor), von Tür zu Tür, um schlussendlich im Abstellraum zu landen. Der Abstellraum – ein Ort voller Möglichkeiten. Und voller Kram. Kram der Sorte, die in Grundschulen allüberall exponentiell wachsend anfällt: liegengebliebene Jacken und Turnbeutel, kaputte Bälle, Wandkarten (Europa politisch), unvollständige Palettischeiben, eine traurigbeige Decke auf brauner Santätsliege. In diesem Fall jedoch der Ort meiner Wünsche! Äußerst zufrieden mit meiner Wahl lasse ich mich auf der Liege nieder und beiße in ein belegtes Brötchen, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und der Hausmeister mit einem Schwung alter Lappen auftaucht.

„Was machst du denn hier?“, will er irritiert wissen.

„Na, Pausenyoga!“, ich zucke mit den Schultern, „sieht man doch wohl!“

„Du und Yoga, is klar!“, lacht er dröhnend. „Welches Tier?“

Ich überlege kurz, flattere ein bisschen mit Brötchen und Armen und erkläre befriedigt: „Die nach Ruhe suchende Hummel!“

 

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Jammer, jammer, jammer

Es ist Montag und ich überlege, ob nun der Moment gekommen ist, an dem mich das Schulleben so kleinkriegt, dass ich hinschmeißen möchte, um – beispielsweise – Museumspädagogin, Vollzeitmutter oder Straßenmusikerin zu werden.

Glücklicherweise frage ich mich das in einer so zuverlässigen Regelmäßigkeit, dass ich aufgrund überstandener, vergangener Zweifel mit Fug und Recht behaupten kann, dass dem nicht so ist. Stattdessen handelt es sich meist um eine Art zyklisch wiederkehrender Unausgeglichenheit zwischen Ansprüchen (extrinsisch) und Idealvorstellungen (intrinsisch). Meist werden diese bedingt durch Schwankungen in der weiteren Lehrumgebung: Dies kann z.B. ein Wasserschaden im Klassenraum, ein krankheitsbedingt fehlender Hausmeister, aber auch eine arg fordernde Schulleitung oder helikopterisierende Elternteile sein.

Dieses Mal sind es einige Kolleginnen.

Das so unverblümt zu schreiben, kostet mich bereits Überwindung und fühlt sich ein bisschen an wie Nestbeschmutzen. Aber sollte ein Kollegium nicht eine Niederlassung des Miteinanders sein? Das Lehrerzimmer ein Ort der offenen Tür und des offenen Ohrs? So ist es zumindest in meiner (zugegeben) idealisierten Vorstellung. Sehr gerne dürfen dort politisch inkorrekte Witze erzählt oder gelegentlich mit Kopf und Faust auf den Tisch gehauen werden. Wünschenswerterweise liegt Schokolade auf dem Tisch. Oder wenigstens etwas angeditschtes Obst. Es darf über überzogene Ansprüche und realitätsferne Schulpolitik hergezogen werden. Über fehlende Ausstattung, mangelnde Unterstützung oder marode Klassenräume. Was aber gar nicht geht, ist das ständige Gejammer über Schüler und Eltern. Nee, echt jetzt!

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, auch ich habe in dieser Semi-Öffentlichkeit Jason Jayden aus der 4b schon einen kleinen Seuchenvogel und MamaHelene aus der 1a ein elterliches Breitbanddesaster genannt. Meist verbunden mit theatralischem Augenaufschlag und raumgreifender Geste. Aber doch nicht immer! Täglich! In jeder Pause! Und doch ist es das Thema in unserem Lehrerzimmer. Der hat, die hat und dann wollen die Eltern auch noch einen Gesprächstermin! Einen GESPRÄCHSTERMIN! Mittendrin im Schuljahr! Hat man sowas schon gehört?

Ich möchte den Kolleginnen zurufen, sie mögen auf der Stelle das Jammern sein lassen und ihr Augenmerk auf all die schönen Momente und die Privilegien dieses Berufs werfen. Auf die vielfältigen Möglichkeiten zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Auf die Sicherheit unserer Arbeit und die Freiräume, die wir vielfach so füllen können, wie wir es selber für richtig halten. Aber ich lasse es sein, denn ich kenne ja auch die Gegenseite: die Einschränkungen, den schier unendlichen Papierkram, die Anspannung, die Überforderung. Manchmal werden diese eben zu groß, um noch objektiv argumentieren zu können. Stattdessen erwische ich mich dabei, dass ich freiwillig zusätzliche Aufsichten für angeschlagene Kolleginnen übernehme. Nicht, dass der Schulhof eine konfliktärmere Zone wäre, nein …

… aber da kann ich so flauschige Ohrenschützer tragen.

 

 

Wichtelweh

Es wichtelt und adventelt kräftig bei den Drittklässlern. Da werden heimlich Plätzchen, Schokolädchen oder Zettelchen unter Schultische, in Ranzen oder Jackentaschen geschmuggelt. Auf beiden Seiten ist die Freude groß, wenn solch eine kleine Überraschung gelingt, wobei sich die Schenkenden ein wenig leiser freuen (müssen) als die so Bedachten, um sich nicht vor der Zeit zu verraten. Auch ich werde nicht vergessen und so lese ich

„Heute war dein Unterricht sehr interessant!“

oder

„Sie sehen gut erholt aus!“

(Selbstredend freue ich mich laut über all diese schriftlichen Nettigkeiten ohne zu verraten, dass ich den Schreiber längst anhand des etwas schief gesetzten „t“ erkannt habe.)

Advent ist einfach eine schöne Zeit. Doch auch in den stimmungsvollsten Wochen des Jahres lauern überall auf Klinken und Oberflächen gemeine Viren, um es sich auf Schleimhäuten oder Bronchien so richtig gemütlich zu machen. Von fiesen Tröpfcheninfektionen mal ganz abgesehen. Und so streckte es letzte Woche Cem danieder, der dadurch einiges an Unterrichtsinhalten verpasst hat, heute aber nach ein paar Tagen Sofa-und-TV-Therapie endlich wieder dem Unterricht beiwohnen kann. Fröhlich taucht er ins morgendliche Gewusel und stürzt mit einem kleinen Entzückensschrei zu seinem Platz.

„Cüs, da liegt voll viel Gewichtels auf meinem Platz! Krass!“

„Oh … welcher Wichtel legt mir denn Arbeitsblätter dahin!? Voll doof!“

„Sind Sie etwa mein Wichtel, Frau Weh?“

Tut mir leid, Cem!

 

Eine Nacht im Leben einer Grundschulrektorin

Eine fast wahre Begebenheit

Rektorin Böllmann-Lustig begibt sich nach einem langen Schultag und einer schier endlosen Konferenz ermattet zu Bett. Nach zwei Gläsern Rotwein und einem ausführlichen Gespräch mit ihrem Gatten, nach so vielen Jahren an ihrer Seite einem wahren Kenner der Materie, ist sie endlich eingeschlafen.

Doch die Nachtruhe bringt ihr nicht die Erholung, die sie eigentlich brauchen würde, um dem zweiten Teil ihres Doppelnamens „Böllmann-Lustig“ gerecht zu werden. Es ist gerade 3.30 Uhr in der Nacht. Stockdunkel draußen, stockdunkel drinnen. Nur die Ziffern des Radioweckers erleuchten ein wenig das Stillleben von Notizblock, Bleistift und Wasserglas, die auf dem Nachttisch den unruhigen Schlaf der Staatsdienerin beobachten.

Rektorin Böllmann-Lustig dreht sich von einer Seite auf die andere und sitzt plötzlich wie von der Tarantel gestochen senkrecht im Bett. Hastig greift sie nach dem Bleistift und notiert:

  • Info an die Sekretärin: AO-SF Verfahren für den Schüler aus der 3b dringend ans Schulamt schicken. Ausrufezeichen.

Mit müden Augen lässt sich Rektorin Böllmann-Lustig zurück auf ihr Kissen fallen. Es wird 3.45 Uhr. Sie versucht  wieder einzuschlafen. Es wird 4 Uhr, der Versuch ist gescheitert. An Schlaf ist nicht zu denken. Gedanken schießen wie wild durch ihren Kopf, den Rektorin Böllmann-Lustig doch in wenigen Stunden wieder klar haben muss, um dem täglichen Sturm zu trotzen. Gedankenfetzen durchschneiden die nächtliche Ruhe:

VERA; Ines; LEO; SCHIPS; SCHILD; Oliver; Stella; Verena; Elise. Die gesamte Zweckgemeinschaft schulischer Abkürzungen tanzt einen wilden Tanz um Rektorin Böllmann-Lustigs müdes Haupt.

Wie steht es eigentlich um die Evaluation des Schulprogramms?

Und bis wann muss noch einmal das Vertretungskonzept an die Schulaufsicht weitergegeben werden? Oder war es das Leistungskonzept?

Für die nächste Schulleitersitzung muss unbedingt noch die Problematik der fehlenden Sonderpädagogen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Und …oh nein, die nächste Schulleitersitzung findet ja in der eigenen Schule statt. Wie sieht das Lehrerzimmer aus!? Was sollen die anderen Schulleiterinnen nur denken? Dringende Notiz: Kolleginnen zur Ordnung des Tisches im Lehrerzimmer rufen. Oje, das gibt bestimmt wieder Unmut!

Überhaupt, die Kolleginnen! Allesamt angespannt. Und  dann noch die defekte Wasserspülung in der Jungentoilette. Da muss dringend eine Nachricht an die Stadt raus. Die Eltern beschweren sich schon. Kein Wunder, so sagen sie, dass die Jungs lieber in die Büsche pinkeln. Sind die Etatwünsche eigentlich schon ausgegeben worden? Wo habe ich noch einmal den Fachartikel über die Bedeutung inhaltlicher und prozessbezogener Kompetenzerwartungen hingetan, den wollte ich den Kolleginnen doch noch ins Fach legen. Aaah,  Kopierpapier!

Inzwischen ist es 4.15 Uhr. Rektorin Böllmann-Lustig steht auf, geht ins Bad und schaut in den Spiegel. Wer zurücksieht, ist höchstens Frau Böllmann. Lustig ist es gerade nicht so.

Da eine Namensänderung jedoch mit einigen Kosten verbunden ist, kann sie sich dies mit ihrem geringen Rektorinnengehalt nicht leisten. Es ist jetzt 4.45 Uhr Rektorin Böllman-Lustig schlufft in Filzpantoffeln in die Küche und kocht sich einen starken Kaffee. Endlich hört sie gegen 5 Uhr den Briefkasten klappern. Die Zeitung ist da.

Mit müden Augen liest sie die Schlagzeile: „Lehrer beklagen sich zu Unrecht  – Schulleiter kühmen auf hohem Niveau.“

Rektorin Böllmann, die in diesem Moment beschließt, auf den Doppelnamen endgültig zu verzichten, macht sich schulfertig. Im Büro setzt sie sich auf ihren Stuhl und startet den PC, um die lange Liste der neuesten Emails zu bearbeiten. Doch daran ist nicht zu denken, denn das Telefon klingelt schon früh pausenlos:

„Frau äh …Rektorin, Sie kennen doch meinen Justin, der ist in der Klasse 2b, nee, 2a, der mit dem kleinen Ohrring. Hat der heute oder morgen Schwimmen?“

„Lena-Laura hat ihr Rechenbuch gestern in der Schule vergessen. Sagen Sie Frau Clemens Bescheid, dass Lena-Laura keine Hausaufgaben machen konnte. Da kann sie aber nichts für. Frau Clemens hätte deutlicher sagen müssen, dass die Kinder das Rechenbuch auch einpacken sollen!“

„Kerem hat Husten. Der darf nicht am Fenster sitzen!“

„Frau Böllmann-Lustig, hören Sie mal, finden Sie nicht auch, dass Sie über Kopfläuse etwas spät informieren. Die sind ja schon da, wenn wir Ihren Brief bekommen.“

 

Und so beginnt ein neuer Schultag …

Schuld und Verantwortung

Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung.

Etwas ist passiert in den Sommerferien. Was genau, entzieht sich meiner Kenntnis. Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Eine zu lange Zeit, in der wichtig gewordene Routinen auf einmal wegbrechen. Vielleicht liegt es daran, dass die Beziehung zwischen Ramons Mutter und ihrem neuen Freund auseinandergegangen ist. Mit lauten Worten und dem Geräusch zerbrechenden Geschirrs, das an Küchenwänden zerschellt. Vielleicht liegt der Grund darin, dass die Krankenkasse den Verlängerungsantrag für seine Therapie abgelehnt hat. Genau zu dem Zeitpunkt, in dem das Jugendamt ihn aus der vertrauten Tagesgruppe entlässt, weil der zuständige Psychologe den Bedarf nicht weiter bescheinigt. Irgendwas mit Budget steht einer Verlängerung entgegen. Vielleicht haben diese Dinge sich tief drinnen in der kindlichen Psyche abgesprochen und verbündet, um wieder zu zerstören, was in den letzten Monaten zaghaft gewachsen ist: minimales Vertrauen in die Welt und die Menschen drumherum.

Jetzt erkenne ich das Kind nicht mehr hinter der übergroßen Wut, die den einen finalen Ausbruch anzukündigen scheint in vielen kleinen und mittelgroßen Momenten. Fensterscheiben, Schulbänke, Spielgeräte gehen zu Bruch. So wie mein Leben, scheint das Kind stumm zu schreien, wenn Ramon mir wieder und wieder vorgeführt wird von den erbosten Kolleginnen, die das Pech hatten, an genau einem solchen Tag in der Aufsicht eingeteilt zu sein. Vergessen sind Antiaggressionstraining und über Monate antrainierte Krisenkommunikation. Ramon schlägt, tritt, ist außer sich. Es fällt mir schwer ihn zu erreichen. Oft bleibt mir nur die stumme Geste zur Leseecke, dem Rückzugsort so vieler Krisenmomente.

Ich möchte verstehen und kann es nicht. Ich möchte helfen und weiß nicht, wie das noch gehen soll. Der Zustand ist unhaltbar und nun scheint der Punkt ohne Wiederkehr erreicht zu sein. Dann – nach Klassenkonferenzen und Dringlichkeitsgesprächen – reicht die Mutter die Schulabmeldung ein. Sie fühle sich nicht unterstützt und ihr Sohn sei ohne Frage hier nicht gewollt. Würden wir uns auf der Straße und nicht im Büro befinden, es würde sich anfühlen wie angespuckt zu werden.

Ramon weint. Er will nicht von hier weg. Die Arme kann ich noch öffnen, in die er sich flüchtet, als ich ihm eine ordentliche Verabschiedung verspreche. So richtig, mit Kuchen und Abschiedsgeschenk. Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Schwer liegt sie auf meinen Schultern. So viel Kraft, so viel Zeit. Wofür?

Die Drittklässler verstehen das Warum nicht. Aber sie malen und schreiben zum Abschied. Dies tun sie ehrlicher als die Eltern, die plötzlich Verständnis und Mitgefühl für ein Kind aufbringen, welches sie im vergangenen Jahr als ständige Bedrohung angesehen haben. Auf dem Abschiedsgeschenk der Drittklässler lese ich Sätze wie „es war nicht immer einfach mit dir befreundet zu sein, aber wir haben das hinbekommen“. Es gibt Tränen und Kuchen, Limo und gute Wünsche zum Abschied. Dazu Musik und Hausaufgabenfrei. Noch einmal soll sich Schule an diesem Ort schön und geborgen anfühlen.

„Es ist doch besser so!“, meint eine Kollegin, als ich mich nach dem Unterricht still auf meinen Platz im Lehrerzimmer setze. Besser wäre es von Anfang an gewesen, denke ich.

Schuld und Verantwortung. Wer kann da schon so genau die Grenze ziehen?

Das Dazwischen

Noch drei Wochen bis zu den Ferien. Langsam beginnt dieser seltsame Zustand des Dazwischens. Obschon ich nichts mehr herbeisehne als das Ende des aktuellen Schuljahres, bahnen sie sich bereits einen Weg, die Ideen und Pläne für das kommende. Flüchtig notiere ich sie auf Zetteln, Bildern und Zeugniskorrekturausdrucken. Nur nichts verschwinden lassen! Die Gedanken mäandern zwischen den Schuljahren und ich bin froh darüber, zeigt es doch, dass die zur Zeit empfundene Erschöpfung eine natürliche, zirkuläre ist und keine, um die sich zu sorgen nottut. Was bleibt, ist die Empfindung, ein anstrengendes Jahr (und sind sie dies nicht alle?) bald geschafft zu haben und dennoch leise Vorfreude darüber zu empfinden, was für gute Momente die Zweitklässler nächstes Jahr, schon bald!, erwarten.

Kann ich es besser beschreiben?

Bildung ist ein Geschenk und die Vermittlung von Bildung kann ein ebensolches sein. (Dass es manchmal mehr Spaß macht, jemandem ein Geschenk zu übermitteln als eines zu empfangen, kann in diesem Zusammenhang vermutlich jeder Leser verstehen. Wenn nicht, vermittle ich gerne ein Gespräch mit dem pubertierenden Wehwehchen – es findet ganz sicher prägnante Worte!)

So zähle ich die verbleibenden Schultage herunter (es sind noch 15) und freue mich gleichermaßen auf die sich anschließende Schreibtischphase, in der ich mich hemmungslos dem Planen und Materialisieren des Kommenden verschreibe. Nicht ohne natürlich im Vorfeld den reinigenden Ritus des Aufräumens und Wegschmeißens zu begehen. Nicht ganz ernst, dennoch mit Hintergrund, fragte mich vor Jahren eine Bekannte, ob ich nicht Interesse an einer Räucherung hätte. (Nachfragen ergaben, dass es sich bei diesem Vorschlag nicht etwa um Forelle oder Saibling handelte.) Überzeugt konnte ich ihr darlegen, dass mit jedem liegengebliebenen Arbeitsblatt, welches ich entsorge, mit jeder Notiz, die nun nicht mehr von Belang sei, ich ein Stück des vergangenen Jahres abschließen und loslassen könne. In meinem Klassenzimmer befinden sich keine Geister, die sich nicht durch den beherzten Einsatz von Scheuermilch und Mülleimer zur Räson bringen ließen. Mein Raum, meine Regeln.

Und so weiß ich bereits jetzt um dieses matte, volle Gefühl des Danachs. Wenn alle Kinder verabschiedet, alle Umarmungen erwidert, alle Wünsche ausgesprochen sind. Wenn das Klassenzimmer leer ist und man selber irgendwie auch. Man schaut sich um mit dieser unwirklichen Mischung aus Reservelosigkeit und ungezähmter Freiheitsfreude, schiebt einen Stuhl an einen Tisch, sammelt eine stehengelassene Kakaoflasche, einen liegengebliebenen Stift ein und denkt Nichts. Denn für dieses Jahr ist alles gedacht, alles gesprochen, alles gewirkt.

Doch bis dahin sind es noch kaugummilange Tage, emotionsstark und aufgeladen, die es zu bestreiten gilt. Zeugnisse müssen geschrieben, Gespräche geführt, Klassenbücher ausgefüllt werden. Diplomatisch muss manches abgewogen oder bestenfalls überhört werden, um nicht der hochgradig ansteckenden Schuljahresend-Hysterie zu erliegen, der sogar zäheste Kolleginnen derzeit zum Opfer fallen.

„Was sind die beiden besten Gründe, um Lehrer zu werden?“, frage ich inmitten einer so hitzigen wie nutzlosen Auseinandersetzung im Lehrerzimmer, in der es zunächst um die Anschaffung neuer Poolnudeln, später jedoch um die Rechtfertigung des Sportlehrerdaseins im Allgemeinen geht. Erhitzte Gesichter wenden sich mir fragend zu.

„Was!?“

„Na, Juli und August!“

Fassungslosigkeit strömt mir entgegen. Dann signalisiert erleichtertes Grinsen das Ende der Auseinandersetzung.

„Du bist auch eine Poolnudel, Frau Weh!“

Lasst uns durchhalten! 🙂

Das Ende naht

Da ist er, der Schuljahresendstress. Ein bisschen früh dran in diesem Jahr. Dafür aber – so scheint es – schlägt er diesmal nicht nur zu, nein, er stürzt sich gewaltbereit und bis an die Zähne bewaffnet auf die wehrlose Lehrkraft, zerrt sie hinter die Tafel und gibt ihr so richtig eine auffe Zwölf.

Oder wie ist es sonst zu erklären, dass sich annähernd kein Zweitklässler mehr mit der Uhr auskennt? Ach was, sie kennen sich nicht nur nicht damit aus, sie bestreiten jeglichen Kontakt mit der Materie. Die Uhr? Haben wir nie gelernt, Frau Weh! Hast du uns noch nie was von gesagt! Nur den Beginn der Frühstückspause, ja den kennen sie. Man könnte vermuten, sie hätten heimlich einer Gewerkschaftssitzung beigewohnt, so sicher und einig sind sie sich in der Wahrung ihrer Rechte.

Ansonsten Geschrei an allen Fronten. Frau Killefitz-Klette fällt ganz plötzlich auf, dass es ja bald ein Notenzeugnis gibt ihre Tochter ein ernstzunehmendes Matheproblem hat, welches zwar von mir bereits mehrfach angesprochen wurde, aber erst heute, jetzt, in diesem Moment! so wichtig wird, dass sie umgehend einen Termin wünscht. Sie kann heute entweder um 10.15 Uhr oder dann ab 17.00 Uhr.

Die Klassenpflegschaft, die ein deutlich besseres Gespür für Timing hat und mich nach Schulschluss im Flur abfängt, möchte ganz schnell noch ein Sommerfest auf die Beine stellen, gerät dabei aber in Terminkollision mit dem Abschlusskonzert der kooperierenden Musikschule. Mein (nicht ganz selbstloser) Vorschlag, beides zu kombinieren, stößt auf beidseitige Empörung. „Es gibt eine Zeit zu feiern und eine Zeit zu tröten!“, verkündet die Pflegschaft. Über das diskriminierende Wort „tröten“ empört sich die Musikschulkraft lautstark. Man muss nicht sonderlich empathisch veranlagt sein, um die in den letzten 25 Jahren Blockflötenunterricht erlittenen Verletzungen und Beleidigungen zu spüren, die den Worten innewohnen. Mit der Mitteilung, ich sei dabei, mit oder ohne Blockflöte, überlasse ich die Damen sich selber und suche schleunigst das Weite, bevor noch jemand Feuer fängt.

Ja, die Eltern werden nervös, die Kinder hibbelig, die Kolleginnen dünnhäutig und die Schulleitung möchte frühzeitig Zeugnisse sehen. Aber ich muss ja noch die Uhr … und überhaupt, die Zeugnisse! Ach je! Die schuleigenen Arbeitspläne mahnen mich zur Quadratur des Kreises. Wie sonst wohl sollte ich noch drei zwei Sachunterrichtsthemen schaffen, beobachten die Zweitklässler doch seit Wochen hingebungsvoll ihre Schnecken, die in einem Terrarium im Klassenzimmer wohnen. Da wird gemessen, gewogen, gefüttert und geliebt. Die Kinder die Schnecken und die Schnecken … nun ja, die Schnecken sich selber. Sieht irgendwie auch ganz putzig aus. Die reinste Weichtierpoesie. Wusstet ihr übrigens, dass das corpus delicti bei Schnecken Liebespfeil heißt? Ramon zumindest interessiert sich sehr für das Liebesleben der Viecher und hat bereits eine Tabelle zur Häufigkeit des Paarungsaktes entworfen. Der Zweck heiligt die Mittel und Tabellen musste er sowieso noch üben.

„Wenn wir richtig leise arbeiten, Frau Weh, dann können wir die Schnecken fressen hören!“, stellt Finnja erfreut fest und ich denke ganz egoistisch, warum sich jetzt noch den Stress mit einer Magnetwerkstatt antun, wenn man es stattdessen schneckenleise in der Klasse haben kann?

„Schneckenleise ist das neue kompetenzorientiert!“, erkläre ich also dem Chef selbstbewusst, als er mich auf meine fehlenden Sachunterrichtsthemen anspricht. Für ein längeres Gespräch bleibt keine Zeit, ich habe einen Termin mit der Schulpsychologin und der Mutter von Ramon. Mal wieder. Aber, hey, zum letzten Mal in diesem Schuljahr! Noch fünf Wochen, geht mir durch den Kopf, das wuppen wir doch ganz lässig. Ich schreibe noch schnell einen neuen* Schneckenwitz** an die Seitentafel und harre der Dinge, die da noch so kommen.

 

* unbedingt empfehlenswert ist das Anlegen einer Witzekartei (nicht nur) zu den einzelnen Unterrichtsthemen. Kinder LIEBEN Witze. Sie verstehen sie nicht und erzählen können sie sie meist auch nicht, aber sie LIEBEN sie.

** Treffen sich zwei Schnecken im Wald. Eine der beiden ist total zerschrammt. Fragt die eine:
„Was hast du denn angestellt?!“
Antwortet die andere:
„Ich bin mit Vollgas durch den Wald gerannt, da schießt plötzlich vor mir ein Pilz aus dem Boden! Da konnte ich echt nicht mehr bremsen.“