Hummelflug

Noch zwei Wochen bis zu den Herbstferien und die Stimmung ist schon so tief gesunken, dass ich mich beim Betreten des Lehrerzimmers in einem dumpfgrundigen Unkenpfuhl wiederzufinden scheine. Es trieft von herbstlicher Melancholie und beginnendem Missmut. Vereinzelt tropft Verzweiflung von den Wänden wie der unvermeidliche Rotz aus der Nase eines Erstklässlers. Grund ist eine Terminimplosion mittelschweren Grades: Schulanmeldung trifft auf Schulzahnarzt trifft auf Erneuerung der Schalldämmung trifft auf politischbed.. krankheitsbedingten Personalmangel. Ehrlich, wir sind so knapp besetzt, dass ich mich zusammenreißen muss, den freundlichen Dackelbesitzer, dessen frühmorgendliche Hunderunde ihn auch am Lehrerparkplatz vorbeiführt, nicht einfach an der Funktionsjacke zu packen und stante pede ins Lehramt zu rekrutieren. Wer Teckel kann, kann doch wohl auch Kinder, ne?

Da heute mein kurzer Tag ist, den ich mir unter keinen – ich betone unter keinen Umständen! – vermiesen lasse, entscheide ich mich gegen ein Bad inmitten negativer Schwingungen und drehe ab. Achtsamkeit ist ja seit einiger Zeit so ein wichtiges Thema, das einem – recht unachtsam, wie ich finde – ständig um die Ohren gehauen wird; also bin ich achtsam, nehme meine Gefühlslage wahr und erkenne an, dass unter besonderen Umständen auch die fröhlichste Hummel besser in Einsamkeit als im Unkengrund aufgehoben ist.

Doch Fröhlichkeit hin oder her, leider bin ich auch eine Hummel ohne Heimat. Denn alle Räume, in die ich mich zum Frühstück zurückziehen könnte, sind besetzt (Zahnarzt, Schulanmeldung, Schallschutz …). Nicht einmal in meinen Klassenraum kann ich gehen, denn der muss stoßgelüftet werden. Die Viertklässler beginnen präpubertätsbedingt zu müffeln. (Das merkt man ja nie, wenn man mittenmang sitzt, aber wehe, man verlässt den Raum und kommt dann zurück. Pfüüüüühh! )

Etwas planlos brumme ich von Raum zu Raum (man stelle sich bitte das dazu passende Werk von Rimsky-Korsakov vor), von Tür zu Tür, um schlussendlich im Abstellraum zu landen. Der Abstellraum – ein Ort voller Möglichkeiten. Und voller Kram. Kram der Sorte, die in Grundschulen allüberall exponentiell wachsend anfällt: liegengebliebene Jacken und Turnbeutel, kaputte Bälle, Wandkarten (Europa politisch), unvollständige Palettischeiben, eine traurigbeige Decke auf brauner Santätsliege. In diesem Fall jedoch der Ort meiner Wünsche! Äußerst zufrieden mit meiner Wahl lasse ich mich auf der Liege nieder und beiße in ein belegtes Brötchen, als plötzlich die Tür aufgerissen wird und der Hausmeister mit einem Schwung alter Lappen auftaucht.

„Was machst du denn hier?“, will er irritiert wissen.

„Na, Pausenyoga!“, ich zucke mit den Schultern, „sieht man doch wohl!“

„Du und Yoga, is klar!“, lacht er dröhnend. „Welches Tier?“

Ich überlege kurz, flattere ein bisschen mit Brötchen und Armen und erkläre befriedigt: „Die nach Ruhe suchende Hummel!“

 

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Jammer, jammer, jammer

Es ist Montag und ich überlege, ob nun der Moment gekommen ist, an dem mich das Schulleben so kleinkriegt, dass ich hinschmeißen möchte, um – beispielsweise – Museumspädagogin, Vollzeitmutter oder Straßenmusikerin zu werden.

Glücklicherweise frage ich mich das in einer so zuverlässigen Regelmäßigkeit, dass ich aufgrund überstandener, vergangener Zweifel mit Fug und Recht behaupten kann, dass dem nicht so ist. Stattdessen handelt es sich meist um eine Art zyklisch wiederkehrender Unausgeglichenheit zwischen Ansprüchen (extrinsisch) und Idealvorstellungen (intrinsisch). Meist werden diese bedingt durch Schwankungen in der weiteren Lehrumgebung: Dies kann z.B. ein Wasserschaden im Klassenraum, ein krankheitsbedingt fehlender Hausmeister, aber auch eine arg fordernde Schulleitung oder helikopterisierende Elternteile sein.

Dieses Mal sind es einige Kolleginnen.

Das so unverblümt zu schreiben, kostet mich bereits Überwindung und fühlt sich ein bisschen an wie Nestbeschmutzen. Aber sollte ein Kollegium nicht eine Niederlassung des Miteinanders sein? Das Lehrerzimmer ein Ort der offenen Tür und des offenen Ohrs? So ist es zumindest in meiner (zugegeben) idealisierten Vorstellung. Sehr gerne dürfen dort politisch inkorrekte Witze erzählt oder gelegentlich mit Kopf und Faust auf den Tisch gehauen werden. Wünschenswerterweise liegt Schokolade auf dem Tisch. Oder wenigstens etwas angeditschtes Obst. Es darf über überzogene Ansprüche und realitätsferne Schulpolitik hergezogen werden. Über fehlende Ausstattung, mangelnde Unterstützung oder marode Klassenräume. Was aber gar nicht geht, ist das ständige Gejammer über Schüler und Eltern. Nee, echt jetzt!

Man möge mich bitte nicht falsch verstehen, auch ich habe in dieser Semi-Öffentlichkeit Jason Jayden aus der 4b schon einen kleinen Seuchenvogel und MamaHelene aus der 1a ein elterliches Breitbanddesaster genannt. Meist verbunden mit theatralischem Augenaufschlag und raumgreifender Geste. Aber doch nicht immer! Täglich! In jeder Pause! Und doch ist es das Thema in unserem Lehrerzimmer. Der hat, die hat und dann wollen die Eltern auch noch einen Gesprächstermin! Einen GESPRÄCHSTERMIN! Mittendrin im Schuljahr! Hat man sowas schon gehört?

Ich möchte den Kolleginnen zurufen, sie mögen auf der Stelle das Jammern sein lassen und ihr Augenmerk auf all die schönen Momente und die Privilegien dieses Berufs werfen. Auf die vielfältigen Möglichkeiten zu gestalten und Einfluss zu nehmen. Auf die Sicherheit unserer Arbeit und die Freiräume, die wir vielfach so füllen können, wie wir es selber für richtig halten. Aber ich lasse es sein, denn ich kenne ja auch die Gegenseite: die Einschränkungen, den schier unendlichen Papierkram, die Anspannung, die Überforderung. Manchmal werden diese eben zu groß, um noch objektiv argumentieren zu können. Stattdessen erwische ich mich dabei, dass ich freiwillig zusätzliche Aufsichten für angeschlagene Kolleginnen übernehme. Nicht, dass der Schulhof eine konfliktärmere Zone wäre, nein …

… aber da kann ich so flauschige Ohrenschützer tragen.

 

 

Neues aus dem Lehrerzimmer

„Da, lies dir das mal durch!“

Mit einem schwungvollen Wurf aus dem Handgelenk befördert der Chef ein Magazin auf den Lehrerzimmertisch. Ich erkenne den Titel: Schule heute, die Verbandszeitschrift des VBE. Mich überkommt eine Ahnung. 

„Ich habe ein Post-It reingemacht. Seite sechs. Inklusion. Der Artikel ist genau für dich geschrieben worden!“

Nicht ganz, denke ich, der Artikel ist von mir geschrieben worden, insofern bräuchte ich ihn nicht unbedingt lesen. Das weiß hier aber keiner. Daher bemühe mich um einen nonchalanten und halbwegs interessierten Gesichtsausdruck.

„Worum geht es denn?“

„Da schreibt eine Grundschullehrerin über den Alltag mit einem schwierigen Schüler und darüber, dass es keine Hilfe gibt. Dein Thema!“

„Pfff, schwierige Schüler gibt es doch gar nicht. Alles unfähige Lehrer!“, erbost sich die Kollegin linkerseits, was sie kein bisschen ernst meint, hat doch auch sie gerade mit einem schwebenden AO-SF-Verfahren und seinen Kollateralschäden zu kämpfen. Trotzig taucht sie den Löffel zurück in ihr Müsli. Ein wenig Milch spritzt auf die Zeitschrift. Sie wischt sie ab und schlägt den Artikel auf. Der Chef hat sogar mit Markierer gearbeitet und zwei Ausrufezeichen an den Rand gemalt. Ich bin einigermaßen bewegt, landen Publikationen doch sonst eher jungfräulich auf unserem Tisch. Die Kollegin beginnt zu lesen, den Löffel noch in der Luft. Eine Rosine schaut mich zerfurcht an. Ich nicke ihr mitfühlend zu. Die Situation ist gerade aber auch wirklich nicht einfach.

„Hmmm …“, murmelt die Kollegin. „Hmm ja … naja … mh!“ Zwischendurch nickt sie. Einmal schüttelt sie resolut Kopf und Oberkörper, worauf ein weiterer Tropfen milchweißen Niederschlags erzeugt wird und auf dem Lehrerzimmertisch landet. „Erinnert wirklich ein bisschen an dich und deinen Günther. Die beauftragt ihren Hansel auch mit Kaffeedienst! Offenbar habt ihr den gleichen Humor.“

„Von wegen Humor“, sage ich und denke krampfhaft nach, „das mit dem Kaffeedienst hab ich aus einer Fortbildung. Umgang mit schwierigen Schülern und so. Scheint inzwischen recht populär zu sein.“ Ich zucke die Schultern und angle nach der Zeitschrift.

„Das mit dem Codewort, das könntest du mit Günther doch auch mal probieren!“, meint der Chef und deutet auf eine der markierten Stellen.

„Hmhmm, ja, prima Idee. Mach ich gleich nachher.“, antworte ich und überfliege die markierten Stellen. „Liest sich ganz … ok?“ Ich kann nicht vermeiden, dass meine Stimme wie von einem nervösen Gummiband nach oben gezogen wird und räuspere mich. Jetzt nur keine roten Flecken kriegen!

„Liest sich ganz gut!“, bestätigt die Kollegin. „Könntest du bestimmt auch schreiben. Mach das doch mal, so als Bewältigungsstrategie!“

„Ha ha“, lache ich etwas gezwungen, „wo soll ich das denn noch in meinem Tag unterbringen?“

Die Kollegin zuckt mit den Schultern. Es klingelt. Ich hüpfe auf und will mich zügig zur Türe begeben, doch der Chef drückt mir die Zeitschrift in die Hand.

„Kannst du mitnehmen. Und denk dran, Codewort!“

„Codewort, alles klar, mach ich.“, murmele ich und verlasse das Lehrerzimmer keine Sekunde zu früh.

„Du bist aber rot im Gesicht.“, bemerkt die Kollegin, die mir aus der Aufsicht entgegenkommt.

„Och“, antworte ich unbestimmt, „war ein bisschen warm oben.“

an apple a day oder: Was ist guter Unterricht?

Frau Schmitz-Hahnenkamp stellt mich auf dem Weg zur Aufsicht.

In Gedanken bin ich noch beim gestrigen Unterrichtsbesuch meiner Referendarin, daher bemerke ich meine Kollegin erst im letzten Moment. Deckung suchen zwecklos. (Ich werde unaufmerksam. Tatsächlich beschäftigt mich die Erinnerung an das Nachgespräch ziemlich. Forderte mich die Fachleiterin doch freundlich, aber auch sehr bestimmt auf, die vorangegangene Stunde anhand eines Rasters verschiedener Handlungsfelder einzuordnen und zu begründen. Seltsam, als ich Referendarin war, musste ich mich selber im Gespräch erklären, da war nie die Rede davon, dass meine Mentorin wie Jeanne d’Arc hervorspringt oder gar schützende Erklärungen vor ihrem Mündel aufbaut. Tja, tempora mutantur, nos et mutamur in illis*.)

Nun aber Frau Schmitz-Hahnenkamp. Dass meine Klasse erneut ihren unbändigen Zorn hervorgerufen hat, war mir klar, als ich heute morgen einen Blick auf meine Schreibtischplatte warf. Was der bösen Hexe des Ostens die roten Schuhe, ist Frau Schmitz-Hahnenkamp das Post-it: rote, gelbe, sogar ein grünes war dabei. Darauf der übliche Beschwerdecocktail: ungemachte Hausaufgaben, verschwundene Arbeitsblätter und freches Klientel. Alles in meiner Klasse! Bevor sie jedoch ihren Monolog über meine pädagogischen Unfähigkeiten und deren Auswirkungen auf die Viertklässler beginnen kann, schneide ich ihr das Wort ab:

„Frau Schmitz-Hahnenkamp, ich denke, es wird Zeit: Du solltest dich unbedingt einmal aufmerksam mit den 10 Merkmalen guten Unterrichts befassen.“

Ihr Blick wechselt von empört zu unfassbar empört. Schon holt sie Luft und lässt eine ganze Salve auf mich nieder. Was ich mir denke, was ich da sage, sie träfe gar keine Schuld, das sei schließlich meine Klasse, sie fühle sich nur mitverantwortlich und wolle mir helfen, aber sie merke schon, das sei vergebliche Liebesmüh, ich wäre ein schwieriger Charakter und sie wolle nur nett sein, mich informieren über die katastrophalen Zustände, aber so etwas wäre ihr noch nicht passiert, guter Unterricht, pah! natürlich gäbe sie sehr guten Unterricht!

Ich ziehe einen Apfel aus der Tasche und beiße genüsslich hinein. Endlich ist sie fertig und schaut mich pikiert an – möglicherweise, weil es mir nur unzureichend gelingt, mein Grinsen zu verbergen. Aber was soll ich auch tun? Die Kollegin geht ab wie Schmitz Katze! Als sich bereits eine interessierte Schar kleiner Menschen um uns versammelt hat (was tun die da? Schließen die etwa Wetten ab?), sehe ich mich genötigt die Situation aufzuklären:“Das ist wirklich ganz furchtbar spannend, was du da sagst, aber ich weiß gar nicht, wovon du redest!? Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass sich die OVP** geändert hat und du darauf gefasst sein musst, dass du nach dem Unterrichtsbesuch von Frau Kahle um eine Stellungnahme gebeten wirst. Die Fachleiterin wird Karten mit Handlungsfeldern, Kompetenzen und Standards auf den Tisch legen. Da kommen ein paar Kernpunkte von Hilbert Meyer ganz gut an. Ich wurde davon gestern ziemlich überrascht, also dachte ich, ich sag dir das netterweise vorher. Von einer Kritik an deinem Unterrichtsstil“, und nun schüttle ich verwundert den Kopf, „kann hier wirklich keine Rede sein. Wie kommst du denn bloß auf so etwas?“

 

* Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Von Ovid, nicht von Weh.

** OVP steht in diesem Zusammenhang mitnichten für Originalverpackung, sondern für Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung für Lehrämter an Schulen. Ein ziemlich wichtiges Schriftstück.

Über Triebe, Milchsäurebakterien und die Unfähigkeit daraus eine Überschrift zu machen

Frau Müller, ein für sich genommen eher unauffälliges, mittelaltes Mitglied des Kollegiums, erlebt gerade ihren zweiten Frühling. Wir alle dürfen daran teilhaben. Das ist angemessen, schließlich haben wir auch die Trauerphase nach der Trennung ihres Mannes (er hat sie wegen einer Jüngeren verlassen!), die Ignoranz- und die Wutphase zusammen durchgestanden. Dann hat sie sich auf einem Datingportal für Leute mit Niveau angemeldet und lässt es seitdem krachen. Aktuell schwelgen wir also in der Blütezeit neuer Lust und Triebe.

Es ist Montagmorgen, 7.32 Uhr, wir befinden uns im Lehrerzimmer.

„Ist ja ekelhaft, du mit deinen Karl-Heinzen!“, fällt Frau Abendroth der vom Wochenende erzählenden Kollegin ins Wort. Diese kontert beleidigt – erzählte sie doch gerade von einem äußerst vielversprechenden Date mit Dieter aus Dortmund, der ihr zunächst beim abendlichen Nudelgericht mit treuen Dackelaugen die Seelenverwandschaft an- und im Anschluss daran noch viel mehr abgetragen hat.

„Solltest du vielleicht auch mal ausprobieren!“, giftet sie nun also die ebenfalls unbemannte Kollegin an, die jedoch nur mit kehligem Lachen kontert. Frau Müller senkt die Stimme: „Das einzig Blöde an der Sache“, sie beugt sich vertraulich zu mir hinüber, „ist die Sache mit dem Pilz.“ Ich rühre konzentriert in meinem Joghurt und versuche das eben Gehörte nicht in mein Gehirn vordringen zu lassen. Auch der Information, dass sie es leider erst morgen zum Arzt schaffe, versuche ich den Eintritt in mein Universum zu verweigern.

„Muhahaha!“, schaltet sich da nun wieder Kollegin Abendroth ein; offenbar war Frau Müllers Geraune nicht leise genug. „Uns allen gehst du mit deinen Männergeschichten auf den Keks, um uns neidisch zu machen, aber in dieser Frage wendest du dich dann doch lieber an eine verheiratete Kollegin. Mu-ha-ha-HAA!“

Während ich mich noch weit weg wünsche (immerhin ist es Montagmorgen, ein nicht in allen Punkten optimal entspannendes Familienwochenende liegt hinter mir und überhaupt, wen interessiert denn eigentlich Kollegin Müllers Intimregion?!), läuft Kollegin Abendroth zur Höchstform auf, knallt den großen Ordner Sexualerziehung auf den Lehrerzimmertisch und blättert „Verhüüüütung“ flötend die Seiten durch. Wie eine äußerst vergnügte Spitzmaus sieht sie dabei aus.

„Du hast ja wohl voll einen Schaden!“ ereifert sich da erwartungsgemäß schon Kollegin Müller. Es ist ein bisschen wie beim Schlammcatchen. Nur mit weniger Dreck. Bevor die Sache eskaliert, greife ich nach Frau Müllers Handgelenk und lenke ihre Aufmerksamkeit auf mich: „Versuch es mit Joghurttampons!“ Frau Müller – unsicher, ob diese Information nun ernst gemeint ist – schaut wechselweise in mein Gesicht und dann auf den Becher in meiner Hand.

„So normaler Joghurt? Echt? Wie der da?“

Ich ziehe entsetzt meinen Arm zurück. „Nein, der ist aus Soja!!!“

Neue Punkte für das Sams

Ein einsames Sams steht in der verlassenen Lehrerküche, den Kopf ermattet auf den Kafeevollautomaten gestützt. Ich schaffe es nicht einmal meine Schweinenase abzunehmen, so müde bin ich in diesem Moment. Hinter mir liegen eine Nacht mit wenig Schlaf und zwei kranken Wehwehchen, außerdem drei Stunden Karnevalsgedöns in der Schule. Spielmannszug, singendes Dreigestirn und die völlig überdreht- und überzuckerten Drittklässler. Volles Programm also. Mein Kopf pocht und ich will nur noch einen kurzen Moment Ruhe tanken, bevor ich nach Hause fahre um die Brutpflege zu übernehmen. Da betritt die Kollegin, die ich gerade am wenigsten von allen sehen möchte, die Bühne, pardon, die Kaffeeküche.

„Ah! Wie gut, dass ich dich noch erwische! Ich denke, wir sollten uns noch einmal unterhalten!“ Gewaltig und wichtig schiebt sie sich zu mir.

Mein Kopf scheint ins Magnetfeld der Wärmeplatte geraten zu sein, jedenfalls kostet es mich unendliche Mühe ihn zu heben und Frau Schmitz-Hahnenkamp ins Gesicht zu blicken.

„Ooooh“, säuselt sie dann auch prompt, „wie siehst du denn aus? Geht es dir nicht gut? Das habe ich mir gleich gedacht heute morgen. ‚Die Frau Weh sieht aber gar nicht gut aus‘.“ Ihre Stimme nimmt einen zuckrigen Klang an, der mir in der Situation prompt Übelkeit bereitet. „Es ist ja auch gar nicht so einfach für dich! Das habe ich der Chefin gestern auch gesagt. ‚Wie Frau Weh das immer alles schafft, mit der schwierigen Klasse und dann die Familie zu Hause und das alles!‘ Ehrlich, du hast meine Hochachtung und meine Bewunderung! Aber nun sag mir doch, was hast du denn?“

Sie schaut mich an wie ein Maulwurf.

Ich greife zur Schaufel.

„Du!“, würge ich hervor, „gehst mir gerade sowas von auf den Senkel!“ Ich blitze sie an, Horden von kranken Wehwehchen und marodierenden Drittklässlern stehen hinter mir, schwenken Transparente und gröhlen Schlachtrufe. Meine Schweinenase zittert und ich stemme die Arme in meine pummelig ausgestopften Samsseiten. „Vielleicht könnten wir jetzt mal das Theaterspielen sein lassen. Was ist eigentlich DEIN Problem? Ach, ich weiß es: Dass eine Klasse es nicht nur wagt, geschlossen deine fragwürdigen Methoden zu kritisieren, sondern dass sie sich damit nicht an dich wendet, sondern an jemanden, dem sie vertraut. Weißt du was? Mach mit deiner Klasse, was immer du für richtig hältst, aber in meiner Klasse gilt ab jetzt: Keine rausgerissenen Seiten, kein weiteres Einschüchtern und keinerlei Machtmissbrauch mehr in Form von rigiden, sinnlosen Strafen! Ich bin es LEID“, ich spucke das Wort hervor wie etwas, das mir schon zu lange im Halse steckt, „ich bin es SO leid!“

Frau Schmitz-Hahnenkamp steht wie vom Donner gerührt vor mir. Man merkt ihr deutlich an, dass sie nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet hat. „Ähh, muss ich das jetzt verstehen? Na, egal! Ich wollte nur nett zu dir sein!“

„Ah“, falle ich ihr ins Wort, „danke für das Stichwort! Nett wäre, wenn du Dinge direkt mit mir besprechen würdest statt sie künstlich aufzublasen und damit zur Chefin zu laufen.“ Ich schiebe mir den Schweinerüssel auf die Stirn, der besseren Atmung wegen. „Und ebenfalls nett wäre es auch, wenn wir uns dabei auf einer sachlichen Ebene begegnen könnten. Was ist das hier? Ein Showlaufen der pädagogischen Eitelkeiten?“

Einen Moment sehe ich hinter die Kulissen. Ich sehe eine ältere, einsame Kollegin vor mir, die all ihre Versagensängste, ihre Selbstzweifel und ihren beinahe pathologischen Wunsch nach Anerkennung hinter einer soliden Mauer aus Selbstgerechtigkeit, Missgunst und Antipathie verbirgt. Ich muss schlucken. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Frau Schmitz-Hahnenkamp schnauft beleidigt auf und blitzt mich böse an: „Das muss ich mir nicht sagen lassen!“ Sie rauscht aus der Küche.

„Doch“, rufe ich ihr hinterher, „genau DAS musstest du dir mal sagen lassen!“

Ich atme aus, überrascht von mir selber. Meine Hände zittern ein bisschen. Erstaunlicherweise fühle ich mich jetzt besser. Ist bestimmt was mit den Hormonen, denke ich. Als ich meine Jacke hole und in den Spiegel an der Garderobe blicke, starrt mich ein Sams an. Blaue Punkte im Gesicht. Auf seiner Stirn wächst eine schrumpelige Schweinenase. Seine Wangen sind gerötet und die Augen blitzen. Während mir langsam bewusst wird, dass ich den gesamten Schwall im vollen Kostüm von mir gegeben habe, bahnt sich ein leises Kichern den Weg nach draußen. Beim genaueren Hinsehen wirkt das Sams im Spiegel etwas irre. Aber im Großen und Ganzen doch recht zufrieden.

Kollegiumsmelancholie

Ach, es ist ein Kreuz mit dem Älterwerden!

Schon eine ganze Weile habe ich mich ja dabei ertappt, dass sich da was ändert. Es sind Kleinigkeiten, winzig, unbedeutend für sich genommen. Aber in der Summe beunruhigen sie. So erwische ich mich gelegentlich immer häufiger dabei, dass ich sonntags statt Tatort lieber WDR gucke (Wunderschön!) oder statt zu shoppen lieber eine Runde auf den Crosstrainer gehe. Dass ich SchönesLiebesLandundlecker-Zeitschriften jedem Porno vorziehe, ist kein Geheimnis. (Und auch beileibe kein wirkliches Problem.) Ich esse bewusster und denke über so abstrakte Begriffe wie Nachhaltigkeit nach. Hmm…

Aber was neu ist und was ich wirklich gar nicht leiden kann, ist, wenn sich personell was um mich rum ändert. Ich hasse das! Früher, als noch jeder neu auftauchende Mitmensch eine potentielle Bereicherung für das eigene Leben darstellte, war das natürlich ganz anders. Oh, was ist man mit 20 neugierig auf andere! Wie aufregend, wenn sich in der Bahn jemand neben einen setzt und ein Gespräch beginnt! Spannend, bunt und prall ist der Erlebnishorizont mit Mitte 20. Aber als meine beste, liebste und einzige Friseurin neulich laut über einen Wechsel der Arbeitsstelle nachdachte, blieb mir fast das Herz stehen. Ist sie doch die einzige ihres Fachs, die aus dem Salat auf meinem Kopfe irgendetwas frisurähnliches hinbekommt. Ich will sowas einfach nicht! Es ist so schwer, Menschen zu finden, denen man sich anvertraut, an die man sich über die Jahre gewöhnt hat. Die können doch nicht einfach gehen!?

Leider können sie doch. Im letzten Schuljahr waren es zwei Kolleginnen. (Natürlich ist mein Kollegium genauso neurotisch und seltsam wie man sich eine Gruppe Frauen in den besten Jahren und darüber so vorstellt. Aber es ist eben mein Kollegium! Ich hänge da dran.) Die beiden fehlen mir. Keine Witzeleien über altersdiskriminierende Feuerwehrmänner mehr, keine trockenen Sprüche über unsägliche Zustände im Religionsunterricht. Das hinterlässt Lücken. Und außerdem, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat uns auch noch unser Hausmeister vor geraumer Zeit verlassen.

Gibt es Schlimmeres?

Dauernd blicke ich auf seinen leeren Platz im leeren Hausmeisterbüro und fühle mich einsam. Keine Anraunzer mehr, aber auch kein Klopapier und keine Kühlpacks. Alles muss man jetzt selber machen. Für jede kaputte Glühbirne (ja, sowas gibt es hier noch) muss die Stadtverwaltung angerufen werden. Als hätte man sonst nichts zu tun. Ehrlich, ich streike bald! Oder lege mir die gleiche ominöse Krankheit wie Frau Schmitz-Hahnenkamp zu. Die fehlt nämlich schon seit zwei Wochen.

Ich tippe auf Kollegiumsmelancholie.